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Raumfahrt-Simulation: Zehn Sekunden Weltraum

Mit einem neuen Schussapparat im Bremer Fallturm katapultieren sich Bremer Physiker an die Weltspitze der Raumfahrt- Simulation. Für zehn Sekunden ist dort Schwerelosigkeit zu haben.

Bislang war nur der Fall von der Spitze des 14 Jahre alten Turms zum Boden möglich. Demnächst können Minilabore von unten nach oben geschossen werden und fallen wieder zurück. Das selbst entwickelte Antriebssystem verlängert die schwerelose Reisezeit von Experimentierkapseln von bisher 4,7 auf annähernd 10 Sekunden.

Billige Schwerelosigkeit

Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) soll an diesem Donnerstag den Startknopf für den Jungfernflug drücken. Nach einem Test auf Herz und Nieren wird die Anlage voraussichtlich zur Jahresmitte 2005 in den regulären Betrieb gehen. "Dann sind wir mit Abstand das beste Weltraumlabor auf dem Globus", freut sich der Leiter des Zentrums für angewandte Raumfahrttechnologie und Mikrogravitation (ZARM) an der Universität Bremen, Prof. Hans Josef Rath. 4,2 Millionen Euro wurden in das Projekt investiert.

Die Idee des 146 Meter hohen, minarettartigen Bremer Fallturms ist so genial wie einfach: Um einen Körper in Schwerelosigkeit zu versetzen, kann man ihn entweder in den Weltraum schießen und dort schweben lassen; oder man überlässt ihn dem freien Fall. Beide Manöver heben die Erdanziehung auf, die bei bestimmten Experimenten stört. Die Weltraumlösung ermöglicht sehr lange Flugzeiten, ist aber teuer. Der Fall im Turm lässt nur eine extrem kurze Zeit in schwerelosem Zustand zu; die Kosten erreichen jedoch nur einen Bruchteil des Schusses in den Erdorbit.

175 Km/h in der Röhre

Mit Hilfe des neuen Katapults können die ZARM-Forscher ihren Turm jetzt in beide Richtungen schwerelos "bereisen". "Damit können wir auch Experimente machen, die ein paar Sekunden mehr Flugzeit brauchen als wir bisher zur Verfügung hatten", erläutert Rath. Als erster Kunde stehe bereits Prof. Jürgen Blum vom Institut für Geophysik und Extraterrestrische Physik der Technischen Universität Braunschweig am Start. Er will herausbekommen, wie sich Staubpartikel im Weltraum zusammenklumpen und dabei einen anziehungskräftigen Kern für neue Planeten bilden.

Das Antriebssystem für die schwerelose Bremer Sekundenreise weg vom Erdmittelpunkt "ist kompliziert, aber auch sehr leistungsfähig und sicher", sagt der ZARM-Chef: "Wir erzeugen in der 120 Meter hohen Fallröhre ein Vakuum. Am Boden fesseln wir einen Kolben, der exakt in die Röhre passt. Auf dem Kolben steht die Kapsel mit dem Experiment. Sie ist bis zu 500 Kilogramm schwer. Wenn wir die Bremsen lösen, schießt der Kolben hoch. Nach einer Viertelsekunde hat er die Endgeschwindigkeit von 175 Stundenkilometern erreicht. Dann wird er gebremst. Die Kapsel fliegt ungebremst weiter. An der Spitze des Turms hat sie ihre gesamte Geschwindigkeit verloren und fliegt im freien Fall zurück. Unten landet sie dann - wie bisher - sicher in einem Haufen kleiner Styroporkugeln".

Weltraumsimulatoren wie den in Bremen gibt es noch in China, Japan und USA. Die amerikanische und zwei japanischen Flugröhren sind als Schachtbau in die Erde eingelassen. Die erst Anfang dieses Jahres in Betrieb genommene chinesische ist ebenfalls ein Turmbau. Eine einfache Kurzfahrt in den simulierten Bremer Weltraum kostete bisher 4400 Euro, erläutert der kaufmännische Leiter vom ZARM, Peter von Kampen. Der künftige Ticket-Preis für Hin- und Rückfahrt steht noch nicht fest.

Von Manfred Protze, DPA