"Studiengemeinschaft Wort und Wissen" "Das ist kein Trick. Ich sehe das wirklich so"


Der Schöpfungsglaube gehört in den Religionsunterricht, finden die Köpfe der "Studiengemeinschaft Wort und Wissen". Für ihre Kritik an der Evolutionslehre hoffen sie dennoch auf allgemeines Gehör.

Herr Ullrich, der Kasseler Biologieprofessor Ulrich Kutschera hat vor Kurzem im stern* geäußert, eines Ihrer Mitglieder habe Schulen Geld angeboten, damit sie ein von Ihrer Organisation verlegtes Buch verwenden. Dem widersprechen Sie?

Ullrich: Ja, das ist eine falsche Tatsachenbehauptung. Die "Studiengemeinschaft Wort und Wissen" hat niemals Schulen das Buch "Evolution. Ein kritisches Lehrbuch" angeboten und ihnen Geld für den Fall zugesagt, dass sie es in ihre Bibliothek stellen oder in den Klassen verwenden. Es ging in dieser Sache um einen Brief eines emeritierten Physikprofessors. Er steht der Studiengemeinschaft sehr nahe, und es war ihm ein Anliegen, Schulen das Lehrbuch anzubieten. Er fragte zunächst bei Gymnasien an, ob Interesse besteht. Nur bei einer positiven Rückmeldung hat er den jeweiligen Lehrern das Buch zugesandt. Daran wurden keinerlei Bedingungen geknüpft und keine Auflagen gemacht.

Tatsächlich sagt der Brief nichts von Geld - aber ist nicht schon das Buch selbst ein Streitpunkt? Ulrich Kutschera sagt: Die Methode der Naturwissenschaft ist atheistisch. Das Buch sei also kein wissenschaftliches Lehrbuch mehr, wenn es Schöpfungslehren nennt.

Ullrich: Es ist richtig und gut, dass innerhalb der Naturwissenschaft mit einem "methodischen Atheismus" gearbeitet wird. Sonst wären wir nicht in der Lage, Ergebnisse zu erzielen und Daten und Theorien zu gewinnen, die diskutiert werden können, die austauschbar und prüfbar sind. Eine Gefahr sehe ich, wenn die Methode überhöht und zur Weltanschauung wird, die sagt, dass alles, was sie nicht erfassen kann, nicht existiert oder irrelevant ist.
Imming: Wenn man sagt, die Methode - die ich methodischen Reduktionismus nennen würde - bestimmt, was es überhaupt geben kann, dann kommt mir das zu wagemutig vor. Es geht über die Naturwissenschaft hinaus. Natürlich akzeptiere ich diese Haltung als eine Glaubensaussage. Wir als Christen machen auch jede Menge Glaubensaussagen, ganz klar.

Professor Werner Gitt, einer Ihrer Vorgänger im Vereinsvorsitz, führt Listen bereits eingetretener biblischer Prophezeihungen. Das empfinden viele als befremdlich – hat es nicht wenig Ähnlichkeit mit Wissenschaft?

Imming: Innerhalb der Christenheit gibt es Meinungsvielfalt. Und ich sage: Es gibt tatsächlich viele Dinge, die könnte ich nicht beantworten, weder mit der Bibel in der Hand noch mit der Wissenschaft. Aber: Die Wissenschaft ist etwas, was nie fertig ist. Das gilt auch für mich persönlich, und ich möchte als Christ auch die alte Quelle, die Bibel, hinzunehmen - selbst wenn sie auslegungsbedürftig ist.
Ullrich: Die "Studiengemeinschaft Wort und Wissen" hat es sich zur Aufgabe gemacht, Aussagen, die naturwissenschaftliche Daten integrieren, aber auf bestimmten Glaubensaussagen aufgebaut sind, ganz klar zu markieren. Diese werden als Grenzüberschreitungen kenntlich gemacht wie zum Beispiel in dem Lehrbuch von Junker und Scherer; für jeden Leser deutlich erkennbar.

Wir Deutschen haben säkulare Schulen, die der Staat allen anbietet. Wir haben negative Religionsfreiheit: Wer nichts von Gott wissen will, darf seine Ruhe fordern. Im Biologieunterricht wird Biologie gemacht. Aber wir haben garantierten Religionsunterricht. Den gibt es in Amerika nicht. Ist das nicht bestens?

Imming: Ich finde die Situation in Deutschland sehr gut. Zum Biologieunterricht gehört die für die Biologie so außerordentlich wichtige Evolutionstheorie, die kann man gar nicht weglassen! Aber auch wissenschaftliche Evolutionskritik wie unsere. Das andere, Schöpfungsglaube, gehört unserer Meinung nach in den Religionsunterricht. Es ist prima, wenn die Schule einen Weg findet, in einem vernünftigen Rahmen diese Dinge miteinander zu diskutieren. Das ist kein Trick. Ich sehe das wirklich so.

Angenommen, Sie fänden, wie es der Intelligent-Design-Ansatz vorgibt, Spuren eines Gottes in der Natur. Wer dieser Gott ist, ist in dieser Erkenntnis nicht inbegriffen. Es scheint mir nicht Ihr Wunsch zu sein, dass einer sagt: Danke. Endlich kann ich Vishnu besser begründen. Oder das Fliegende Spaghettimonster.

Ullrich: Tatsächlich ist das die Problematik bei der Intelligent-Design-Diskussion. Durch Forschung kann man zu der Ahnung gelangen, dass eine große Intelligenz hinter der Natur steht. Wer aber diese Intelligenz ist, die sich mir als Mensch zeigt, das werde ich aus der Natur mit wissenschaftlicher Methodik nicht zwingend belegen können. Wir sind als Christen zur Beantwortung der Frage nach Gott auf unsere Überzeugung angewiesen, diesen Gott durch die Bibel offenbart zu bekommen. In Bezug auf die Deutung wissenschaftlicher Daten haben die Christen keinen Alleinvertretungsanspruch. Das muss man betonen, um nicht dogmatisch und fundamentalistisch zu werden.

Die Schöpfungslehre geht in Amerika oft Hand in Hand mit einer typischen politischen Richtung. Überspitzt gesagt: Wer so tickt, hat plötzlich Freunde wie George Bush, der in einen üblen Krieg zieht, obwohl der Papst den schärfstens verurteilt hat.

Imming: Das sind unzulässige Vermischungen, die ich sehr schade finde - und kontraproduktiv. Natürlich hängt an der Einstellung, die man zur Herkunft und zum Sein des Menschen hat, eine Menge Weltanschauliches. Es hat ja auch - das ist aber nicht der Evolutionslehre vorzuwerfen - atheistische, totalitäre Ideologien gegeben, die glaubten, mit gewissen Formen von Wissenschaft ihre Theorien belegen zu können. Ja, am Menschenbild hängt viel. Und deswegen müssen wir auch so vorsichtig damit umgehen, da es ruckzuck politisch und dann womöglich konfrontativ werden kann.

Haben Sie hinreichend wissenschaftliche Publikationen vorzuweisen, um Ihrer Forderung, in einem ernsthaften wissenschaftlichen Dialog mitspielen zu können, Nachdruck zu geben?

Imming: Es muss darauf verwiesen werden, wie der vor Kurzem bekannt gewordene Fall des Redakteurs Sternberg in den USA belegt, dass der Veröffentlichung von Arbeiten, die evolutionskritisch argumentieren oder Intelligent Design als mögliche Alternative anbieten, mit Widerstand begegnet wird und dies auch zu Schwierigkeiten für die Verantwortlichen des wissenschaftlichen Journals führen kann.
Ullrich: Wir können auf entsprechende Publikationen verweisen. Und dem, der sich mit unseren wissenschaftlichen Arbeiten, etwa den "Studium-Integrale"-Bänden oder dem gleichnamigen Journal vorurteilsfrei beschäftigt, wird klar, dass da wissenschaftliche Qualität vorhanden ist. Ich denke an Michael Brandts Arbeiten zur Evolution des Menschen, "Der Ursprung des aufrechten Ganges" oder sein neuestes Buch "Wie alt ist die Menschheit?", wo die Dinge auf höchstem fachwissenschaftlichen Niveau dargestellt werden.

Wie alt ist die Menschheit?

Imming: Da verweise ich auf das eben genannte Buch. Dort finden Sie eine mögliche wissenschaftliche Antwort, natürlich auf dem vorläufigen Stand.

Aber Sie kennen das Buch und können mir sagen, was darin steht: Wie alt ist die Menschheit?

Imming: Wer sich wirklich dafür interessiert, kann es sich dort ansehen.

Sie wollen es mir nicht sagen.

Imming: Ich möchte es nicht verkürzen: Man muss die dort dargelegten Daten und ihre Diskussion in der Gesamtheit betrachten. Mit diesem Vorwissen macht es erst Sinn, sich über das Ergebnis auszutauschen und eine entsprechende Aussage zu machen.

Aber viele Ihrer Publikationen sind populär aufgemacht, wenden sich an Laien. Wenn es derart komplex ist, sollte sich die Debatte nicht auf Fachkreise beschränken?

Imming: Das denke ich nicht.
Ullrich: In der öffentlichen Debatte brauchen wir auch eine allgemein verständliche Aufarbeitung dessen, was Wissenschaft kann und was Wissenschaft nicht kann. Auch deshalb, weil häufig wissenschaftliche Ergebnisse in politische und ethische Diskussionen hineinspielen beziehungsweise zur Begründung einzelner Standpunkte genutzt werden.

Müssen Sie befürchten, dass künftig ein wissenschaftliches Ergebnis gefunden wird, das Ihren Glauben beschädigt, gar zerstört?

Imming: Zerstört? Das glaube ich nicht. Aber dass man infrage gestellt wird? Ja! Es kann auch das Umgekehrte passieren, dass wissenschaftliche Forschung Atheisten infrage stellt. Wissenschaft muss nicht dazu führen, dass Gott immer weniger wird.

Interview: Christoph Koch print

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