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Antikes Rom: Essen mit Exzessen

Dass das antike Rom ein Ort war, wo man weltlichen Genüssen gegenüber stets aufgeschlossen war, ist kein Geheimnis. Das Gastmahl nahm bei den Römern eine zentrale Rolle ein - doch nicht nur Kulinarisches wurde bei diesem Anlass genascht.

Gemeinsames Essen und Trinken ist ein Stück Lebenskultur. Ihm wurde in der Geschichte der Menschheit zu allen Zeiten und bei allen Völkern große Bedeutung zugemessen. Es hatte meist geradezu den Charakter eines Rituals, das dazu diente, Zugehörigkeit zu bekräftigen und Kommunikation zu pflegen. Man praktizierte es sowohl in der Familie wie auch in größerem Kreis mit Freunden.

Nach Cäsars Ermordung trafen sich die Mörder zum Gastmahl

In der Kulturgeschichte des Essens und Trinkens hat die Führungsschicht des antiken Rom einen besonderen Platz. Das zu Gesprächen und Geselligkeit Gelegenheit gebende Gastmahl war hier etwas Alltägliches, war selbstverständlicher Teil eines streng geregelten, weitgehend standardisierten Tageslaufs. Die Althistorikerin Elke Stein-Hölkeskamp von der Universität Münster hat es auf der Basis zeitgenössischer literarischer Texte zum Thema einer detailreichen kulturhistorischen Darstellung gemacht: "Das römische Gastmahl" (Verlag C.H. Beck, 364 S., 29,90 Euro, ISBN 3-506-52890-2).

Julius Caesar, der berühmteste aller Römer, speiste am Vorabend seiner historisch folgenreichen Überschreitung des Rubicon, des Grenzflüsschens zwischen den Reichsprovinzen Gallien und Italien, mit zahlreichen Gästen bei anregender Unterhaltung. Am Abend vor seiner Ermordung fünf Jahre später nahm er an einem Bankett im Hause des Konsuls Marcus Lepidus teil. Nach der Ermordung fand die erste Kontaktaufnahme zwischen seinen Mördern und seinen Anhängern bei einem Gastmahl statt. Der bedeutende Staatsmann Marcus Porcius Cato verbrachte den Abend vor seiner Selbsttötung mit Freunden beim Mahl. Kaiser Nero bewirtete seine Mutter, Agrippina, am Abend, bevor er sie ermorden ließ.

Ehefrauen suchten sich ihre Liebhaber beim Essen aus

Im Unterschied zur antiken griechischen Geselligkeitskultur nahmen in Rom auch Frauen an den Gastmählern und Banketten teil. Die Frau trat bei ihnen nicht nur als Gastgeberin im Haus des Ehemanns und als dessen Begleiterin bei Einladungen ins Haus von Freunden und Verwandten in Erscheinung, sondern konnte auch allein Gastmähler besuchen. Da Frauen in Rom keine Ämter bekleiden durften und in Senat und Volksversammlung weder Sitz noch Stimme hatten, eröffneten ihnen die Gastmähler eine Chance zur Teilnahme am öffentlichen Leben.

Darüber hinaus werden Gastmähler in zeitgenössischen Texten auch als Anlass zum freizügigen Ausleben emotionaler und erotischer Wünsche und Fantasien beschrieben, ja erscheinen zum Teil geradezu als ihr vorrangiger Zweck. In einem Gastmahl wurde auch der ideale Ort für die Anbahnung einer Liebesbeziehung und für intime Treffen mit der Geliebten gesehen. Der Dichter Horaz kritisierte, dass schon die jungen Mädchen sich in allen möglichen Verführungskünsten übten und sich dann als Ehefrauen erdreisteten, unter den an der Tafel ihrer Ehemänner versammelten Gästen ganz offen ihre Liebhaber auszuwählen und ihnen hastig "bei ausgelöschten Kerzen" verbotene Freuden zu schenken.

Die Exzesse unter Nero wurden zum Symbol abstoßender Dekadenz

Die Münsteraner Althistorikerin macht darauf aufmerksam, dass zeitgenössische Darstellungen oft auch gesellschaftskritisch und diffamierend waren und damit Übertreibungen enthalten. Andere wollten die Leser unterhalten und belustigen. Beide können dennoch als Zeugnisse für die reale Lebenswelt der Epoche gelten. Sie sind eine Ergänzung zu den historiografischen und anderen Texten.

Exzesse gab es auch beim Essen selbst. Ein Kritiker fasste sie in der Formulierung "Schlemmsucht und Feinschmeckerei" zusammen. Der Philosoph und Politiker Lucius Annaeus Seneca schrieb, "ihr unersättlicher Schlund" veranlasste die Genusssüchtigen, die Tiefen der Meere und alle Länder geradezu systematisch mit Haken, Schlingen und Netzen zu durchforschen, um "aller Völker Tiere" auf ihren Tisch zu bringen. So kamen denn auf diese Tische Pfauen aus Babylonien, Haselhühner aus Ionien, Meerbarben aus dem Roten Meer, Austern aus Britannien, Schneehühner aus den Alpen, Kraniche von den Balearen und Fasane von der Schwarzmeerküste. Auch Salat aus dem kleinasiatischen Kapadokien, Porree aus Ägypten, Käselaiber aus Gallien, eine besondere Sorte Rapunzel aus Germanien und besonders süßer und zarter Rettich aus Syrien wurde serviert.

Die alkoholischen und sexuellen Exzesse der Ära Neros wurden bei Seneca und anderen Autoren Symbol der degoutanten Dekadenz und abgrundtiefen Amoralität eines autokratischen Herrschers und seiner Untertanen. Die in dieser Zeit gehäuft auftretenden Ausschweifungen wurden als Manifestation eines Verfalls aller Werte und der Verkommenheit der ganzen Gesellschaft empfunden.

Rudolf Grimm/DPA