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Ausstellung der Superlative: Der Mythos um die Varusschlacht

Eine halbe Million Besucher erwarten die Veranstalter in den kommenden Monaten: Die Ausstellung mit dem sperrigen Titel "Imperium-Konflikt-Mythos" blickt auf die Zeit der Varusschlacht, in der drei römische Legionen im Kampf gegen die Germanen fielen.

Es ist das Jahr 9 nach Christus. Der Statthalter des römischen Kaisers, Augustus, P. Quinctilius Varus, bricht auf vom Rhein in Richtung Weser. An einem regnerischen Septembertag geraten seine drei Legionen, mit Hilfstruppen insgesamt mindestens 20.000 Mann, in eine Falle. "Eingeschlossen in Wälder und Sümpfe, in einem feindlichen Hinterhalt, wurden sie Mann für Mann abgeschlachtet." So schildert der römische Historiker Velleius Paterculus in einem rund 20 Jahre später entstandenen Bericht die Schlacht im Teutoburger Wald. Der Sieger der Schlacht ist Arminius, ein in Diensten der Römer stehenden Adeligen der Cherusker.

2000 Jahre nach der Varusschlacht beleuchtet die bisher wohl größte archäologische Ausstellung auf deutschem Boden nicht nur den Kampf selbst, sondern auch die Zeit, in der er stattfand. "Imperium-Konflikt-Mythos" hat gleich drei Standorte: das Halterner Römermuseum, das Lippische Landesmuseum Detmold und Kalkriese, den möglichen historischen Ort der Varus-Niederlage. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) heute eröffnet die Ausstellung. Bis zum 25. Oktober, dem Ende der Präsentation, erwarten die Veranstalter eine halbe Million Besucher. Zwölf Millionen Euro hat das Projekt gekostet.

"Imperium-Konflikt-Mythos"

In "Imperium", dem Teil der Ausstellung im Halterner Römermuseum und der nahen Seestadthalle, geht es um den Aufstieg der Stadt Rom zur Weltmacht und die Geschichte des Feldherrn Varus. Mehr als 300 Exponate - darunter kunstvolle Freskenfragmente aus Villen, silberne Becher mit goldenen Verzierungen und feinste Marmorreliefs - zeugen vom immensen Luxus Roms. Eine Hand voll winziger Bronzemünzen zeigt ein zeitgenössisches Porträt von Varus, der im Laufe seiner steilen Karriere erlebte er als Vertrauter von Kaiser Augustus die kulturelle Blüte des "Goldenen Zeitalters" von Rom erlebte.

Die Germanen sind das Thema im Ausstellungsteil "Konflikt" in Kalkriese, wo die Varusschlacht möglicherweise stattfand. Zum Teil waren die Exponate noch nie in Deutschland zu sehen, wie viele der Ausstellungsstücke aus dem dänischen Illerup. Die in einem Moor entdeckten Waffen-Opfer stehen für die Dauerkriege unter den Germanen. Da es aus dieser Zeit von den Germanen keine schriftlichen Quellen exisiteren, sind diese Funde von unschätzbarem Wert für die Archäologie. Die Besucher können beim Blick auf Pfeilspitzen, Schwertern und andere germanischen Waffenreste eine Vorstellung von den Kämpfen dieser Zeit gewinnen.

Ein wesentliches Motiv für Konflikte waren die erbeuteten Kostbarkeiten. Das zeigt sich am "Barbarenschatz" von Neupotz aus Schmuck, Töpfen, Kesseln und Waffen, der die Plünderungen der Germanen über den Grenzwall Limes hinweg tief ins Römische Reich hinein dokumentiert.

Das Lippische Landesmuseum Detmold am Fuße des "Hermannsdenkmals" durchleuchtet im Ausstellungsteil "Mythos" kritisch den nationalen Mythos um die Varus-Schlacht, der mit Barock-Opern oder in Romanform Generationen überdauert hat. Im Gegensatz zu den beiden anderen Ausstellungs-Kapiteln wartet Detmold mit weitaus mehr als archäologischen Funden auf. "Weil wir die Rezeptionsgeschichte bis heute zeigen, decken wir viele Jahrhunderte ab. Wir beschäftigen uns auch mit Musik-, Kunst- oder Literaturgeschichte", schildert Museumssprecherin Katrin Winter. Vor allem im 19. Jahrhundert wurde die "Schlacht im Teutoburger Wald" als Geburtsstunde der deutschen Nation verklärt, weil Arminius, dessen Name zu Hermann eingedeutscht wurde, die germanischen Stämme im Kampf gegen die Römer vereint habe.

Bis vor wenigen Jahren nahm man an, dass die Schlacht ein solcher Schock für die antike Supermacht war, dass sie sich schlagartig aus Germanien zurückzog und auf die Provinz verzichtete. Die Wissenschaft sieht das inzwischen jedoch anders: Einen Einschnitt für die römische Politik habe die Schlacht nicht bedeutet. "Mehrere Legionen sind der römischen Armee oft verloren gegangen, aber es war sicherlich eine der härteren Niederlagen, die Rom erlitten hat", sagt Günther Moosbauer von der Universität Osnabrück.

DPA/bub / DPA