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Darry und Plauen: Warum töten Mütter ihre Kinder?

Fünf getötete Jungen im schleswig-holsteinischen Darry, drei tote Babys im sächsischen Plauen. Warum nehmen Mütter Hilfsangebote nicht an, warum töten sie sogar ihre eigenen Kinder? Für stern.de erklären ein Psychiater und eine Psychologin, wie es so weit kommen kann.

Von Nina Bublitz

Drei Schwangerschaften hat Susanne F. verheimlicht, drei Mädchen soll die heute 28-Jährige kurz nach der Geburt getötet haben. Taten, die einen fassungslos machen. Warum sie das getan hat - darüber kann man nur mutmaßen. "Ich habe keine Ahnung, was in dieser Frau vorgeht. Ich würde gern mit ihr reden, um es zu verstehen", sagt Professor Manfred Cierpka, der Ärztliche Direktor des Instituts für Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie am Universitätsklinikum Heidelberg. Für ihn klinge es, als ob die Frau sich emotional nie schwanger gefühlt habe und daher keine Beziehung zu den Kindern aufgebaut habe. "Nach ihrem Verständnis - aber das ist natürlich nur eine Mutmaßung - hätte sie dann gar kein Kind getötet", sagt Cierpka. Nina Heinrichs, Professorin für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie und Psychotherapie an der Universität Bielefeld, ergänzt: "Von außen kann man solche Taten kaum nachvollziehen. Eltern, die sich in so einer Lage befinden, haben oft ein ganz anderes Verständnis von der Welt."

Welche Umstände führen zu diesen Taten?

Die Mutter im schleswig-holsteinischen Dorf Darry, die mutmaßlich ihre fünf Söhne getötet hat, ist jetzt in psychiatrischer Behandlung. Psychische Störungen der Eltern - Psychosen oder Depressionen etwa - gelten als eine der wichtigsten Ursachen für den Mord an eigenen Kindern. Es gibt laut Cierpka eine Reihe bekannter Risikofaktoren: Die Eltern können selbst ein schweres Problem haben, etwa drogenabhängig sein oder eben an einer psychische Störung leiden. Die Partnerschaft kann extrem schwierig sein oder die Mutter alleinerziehend. Das Kind selbst kann diese Probleme verstärken, wenn es zum Beispiel ein schwieriges Temperament hat oder behindert ist. Schließlich spielen auch soziale und materielle Komponenten hinein - Armut ist ein großes Problem. Meist kommen bei Familien, in denen diese Taten geschehen, mehrere Faktoren zusammen.

Frauen, die ein Neugeborenes töten, sind oft jung, arbeitslos oder noch in der Ausbildung und gelten aus psychologischer Sicht als unreif. Sie haben kein Umfeld, das sie ausreichend unterstützt - und sind schlicht nicht in der Lage, sich Hilfe zu suchen.

Ist die Babyklappe wirklich eine Alternative?

Die Taten von Susanne F. sind auf Anhieb auch nicht zu verstehen, weil es Babyklappen gibt, anonyme Geburten in Krankenhäusern möglich sind und man Kinder auch zur Adoption freigeben kann. Aber: All diese Möglichkeiten erfordern eine aktive, rationale Entscheidung - die manche in dieser Situation öffensichtlich nicht treffen können. Die Mutter ist schlicht nicht in der Lage, rational abzuwägen, sich für die Babyklappe gegen die Tötung zu entscheiden. Viele Psychologen beurteilen Babyklappen deshalb auch kritisch, denn sie scheinen die Zahl der Säuglingstötungen nicht zu senken. Da die Fallzahlen auf diesem Gebiet - zum Glück - eher klein sind, man zusätzlich noch von einer höheren Dunkelziffer ausgehen muss, sind Aussagen hierzu allerdings schwer möglich.

Wieso fällt die Schwangerschaft nicht auf?

Der Lebensgefährte von Susanne F. will weder von den Schwangerschaften, noch von der Geburt der Kinder etwas mitbekommen haben. So war es auch im Fall von Sabine H., die 2006 für den Totschlag von acht Säuglingen verurteilt worden war. Hier wollte ebenfalls niemand die Schwangerschaften wahrgenommen haben. "Wenn ein Mann nicht merkt, dass die Frau, mit der er zusammenlebt, schwanger ist und ein Kind bekommt, muss er schon sehr stark verleugnen können. Man muss sicher im Einzelfall prüfen, ob das wirklich so ist", sagt Cierpka. Die Männer der Täterinnen spielen trotzdem bei diesen Taten eine Rolle - weil sie als Partner und Vater offensichtlich versagen. "Es gibt wenig Forschung dazu, aber ich nehme an, dass die Paarbeziehungen dieser Eltern auch nicht unproblematisch sind. Wenn jemand nicht in der Lage ist, die eigenen Gefühle zu kontrollieren, beeinträchtigt das natürlich die Partnerschaft stark", sagt Nina Heinrichs.

Auch die Frauen selbst verleugnen zum Teil die Schwangerschaft. Cierpka: "Verleugnung ist ein anderer Prozess als die Verdrängung: Beim Verdrängen bemerkt jemand etwas, vergisst es danach aber wieder. Bei der Verleugnung wird etwas tatsächlich nicht wahrgenommen. Das Verleugnen ist ein Schutzmechanismus, wenn jemand mit einer Situation nicht klarkommt und von niemandem unterstützt wird." Von der Geburt kann die Frau dann komplett überrascht sein - und gerät möglicherweise in Panik, sodass sie das Kind nicht versorgt und damit sterben lässt, oder es sogar tötet.

Was kann die Gesellschaft tun?

Säuglingstötungen sind kein neues Phänomen. Früher, als die Verhütungsmöglichkeiten, die uns heute zur Verfügung stehen, noch nicht existieren, waren sie sogar deutlich häufiger. Auch außerehelich geborene Kinder wurden ausgesetzt oder getötet. In einigen Ländern kommt es vor, dass Eltern neugeborene Mädchen töten, weil nur ein Junge erwünscht ist. Doch auf wenn die Zahlen in Deutschland vergleichsweise niedrig mögen, ist jeder einzelne Fall eine Tragödie. So stellt sich die Frage, wie solche Taten verhindert werden können. "Man kann nicht darauf warten, dass diese Menschen, auf einen zugehen, deshalb sind Frühwarnsysteme so wichtig", sagt Manfred Cierpka. "Viele haben schon - aus ihrer Sicht - negative Erfahrungen mit den existierenden Hilfssystemen gemacht und meiden deshalb den Kontakt. Ich will an dieser Stelle nicht dem Jugendamt den Schwarzen Peter zuschieben. Zum Teil hat man es sicher mit Menschen zu tun, die leicht zu kränken sind. Manchmal reicht es, wenn von der Jugendhilfe etwas abgelehnt wird, um jemanden so stark zu kränken, dass er sich in einer Notlage nicht mehr meldet. Die Eltern brauchen früher Ansprechpartner - Hebammen und Ärzte etwa. Es wird zum Glück deutschlandweit daran gearbeitet, solche Hilfssysteme auszubauen."

Und was wird aus den Müttern?

Wenn sie unter einer psychischen Störung litten, realisieren sie erst oft später, was sie getan haben. Nina Heinrichs: "Manche Eltern leiden später oft erheblich darunter, wenn das Kind tot ist. Das passt natürlich überhaupt nicht in unser Bild von den 'Monster-Eltern'. Aber sind das wirklich Monster - oder Menschen, die daran verzweifeln, dass sie versagt haben?"