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Die Bergarbeiter von Chile Topfit aus der Tiefe


Sie jubelten, tanzten und zeigten sich der Welt als Sieger: Selbst die behandelnden Ärzte sind überrascht, wie gut es den chilenischen Bergarbeitern geht. Wieso sind die 33 so fit?
Von Lea Wolz

Blass, kraftlos und ausgezehrt: So hatte die Welt die Bergleute in Chile erwartet. Stattdessen steigen viele der 33 Männer jubelnd aus der Kapsel, sie verschmähen die Tragebahre und umarmen lieber den chilenischen Präsidenten. Sie winken den Schaulustigen wie Popstars zu und strecken die Faust als Sieger in den nächtlichen Himmel. Der Gesundheitszustand der Männer sei "ziemlich gut", freute sich der Gesundheitsminister Jaime Manalich.

Ähnliches war am Donnerstag von den Ärzten zu hören, die die Bergleute im Krankenhaus in Copiapó untersucht hatten. Den Geretteten gehe es gut, sie hätten bestens geschlafen und die Belastungen offenbar gut weggesteckt. Keiner habe einen Schock. Zwei Bergarbeiter mussten zwar eine schwere Zahn-OP unter Vollnarkose über sich ergehen lassen, ein weiterer Geretteter wird wegen einer Lungenentzündung mit Antibiotika behandelt. Ansonsten seien aber nur kleinere Probleme - wie Hauterkrankungen - behandelt worden. Auch die Augen hätten nicht gelitten, lediglich einer der Männer habe "mittlere Probleme". Zwei oder drei Kumpel könnten im Laufe des Tages möglicherweise entlassen werden, sagten die Mediziner.

Selbst die Ärzte sind überrascht, wie gut die 33 Männer das traumatische Erlebnis unter Tage überstanden haben.

Dabei liegt hinter den Bergarbeitern eine für Körper und Psyche extrem belastende Zeit. Über zwei Monate harrten sie in 600 Metern Tiefe aus. Dem Tod näher als dem Leben waren sie 17 Tage vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten. Alle zwei Tage zwei Löffel Thunfisch - mehr gab es in diesen ersten Wochen nicht zu essen. Und nun entsteigen die so lange Verschütteten aus dem Schacht wie Phönix aus der Asche - jubelnd, tanzend, Fahnen schwenkend. Eine Wiedergeburt, die das Land und die restliche Welt berührt.

Sprints unter Tage

War es erwartbar, dass es den Bergleuten körperlich so gut geht? "Im Prinzip schon", sagt Rupert Gerzer. Der Direktor des Instituts für Luft- und Raumfahrtmedizin am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) weiß um die körperlichen und psychischen Extrembelastungen, denen zum Beispiel Astronauten ausgesetzt sind, wenn sie Monate auf der Internationalen Raumstation verbringen. Zwar litten die Bergmänner in Chile nicht unter der fehlenden Schwerkraft, doch ihre Muskeln mussten auch sie trainieren. Und ähnlich isoliert wie Raumfahrer saßen sie in der Dunkelheit fest.

Für Gerzer haben verschiedene Faktoren dazu beitragen, dass die Bergleute körperlich relativ fit sind. "Zum einen konnten sie sich im Stollen bewegen." Vorbildlich verhielt sich in dieser Hinsicht Edison Peña, der Sportler der Gruppe. Der Mittdreißiger lief täglich bis zu zehn Kilometer in den Gängen der Mine. Auch in einem anderen Punkt haben die Rettungskräfte richtig gehandelt: "Sie haben die Bergleute beschäftigt, ihnen ein Tagesprogramm aufgestellt", sagt Gerzer. Die Kumpel "räumten Bohrschutt auf und beteiligten sich damit auch an ihrer eigenen Rettung". Struktur im Tagesablauf, sinnvolle Aufgaben, Freizeit, Bewegung und Schlaf sorgten dafür, dass der Überlebenswille erhalten und die Psyche der Kumpel stabil blieb.

Wichtig war dem DLR-Experten zufolge auch, dass das Leben unter Tage den Bergarbeitern nicht fremd ist. "Diese Jungs sind nicht klaustrophob, sie gehen schon jahrelang da hinunter." Der Körper kenne daher diese Situation. Die Hitze machte den Bergarbeitern zwar zu schaffen, doch sobald der Kontakt mit der Außenwelt hergestellt war, konnten die Kumpel den Verlust an Schweiß durch ausreichendes Trinken ausgleichen. Kalorien- und vitaminreiche Nahrung sowie Medikamente bekamen sie über den Versorgungsschacht. "Dem Auftreten von Hauterkrankungen, die in der feuchten Luft schnell entstehen, konnte damit begegnet werden", sagt Gerzer. Auch die Gefahr eines Vitamin-D-Mangels, der unter anderem das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Osteoporose erhöht, schätzt der Raumfahrtmediziner nicht als groß ein. Für zwei bis drei Monate habe der Körper in der Regel genug Reserven gespeichert.

Langer Weg zurück in den Alltag

Gerzer rechnet daher damit, dass die meisten der Bergleute nach einem kurzen Aufenthalt in der Klinik schnell wieder zu ihren Familien kommen. "Wenn sie körperlich gesund sind, drängt es sie nach Hause, das ist bei Astronauten genauso", sagt er.

Allerdings warnt der Mediziner vor zu viel Optimismus. "Für Monate haben sich die Bergleute in einer lebensbedrohlichen Situation befunden; am Anfang sah es sogar danach aus, als ob sie mit hoher Wahrscheinlichkeit verhungern oder verdursten." Zwar überwiege im Moment die Euphorie über die Rettung, doch in der Psyche hinterlasse diese Todesangst Spuren. "Posttraumatische Belastungsstörungen mit Symptomen wie Schlaflosigkeit oder Depressionen könnten daher auch nach Monaten oder Jahren noch auftreten", sagt Gerzer.

Auch der Marburger Psychosomatiker Wolfram Schüffel, der die 1988 bei einem Grubenunglück im hessischen Borken Geretteten betreute, warnt: Nach einem derart traumatisierenden Erlebnis könnten sich bei den Bergarbeitern Krankheiten wie Hochdruck, Infarkte und Infektionen entwickeln. "Sie kommen jetzt in eine Welt zurück, die sich unbändig freut. Aber der Alltag fängt heute schon praktisch an", sagt er. "Sie müssen sich zurecht finden. Da werden enorme Anpassungsforderungen an den einzelnen Organismus gestellt."

Den Kumpel und ihren Familien steht daher noch ein langer Weg zurück ins normale Leben bevor. "Es ist enorm wichtig, sie nicht alleine zu lassen und auch in Zukunft psychologisch zu begleiten", sagt DLR-Mediziner Gerzer.

Mit DPA

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