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DNA-Analyse: Welcher Schiller-Schädel ist echt?

Als Friedrich Schiller starb, wurde er erst einmal in einem Massengrab verscharrt. Daher gibt es zwei Schädel in der Weimarer Fürstengruft, die dem Dichter zugesprochen werden. Durch Erbgutvergleiche wollen Wissenschaftler nun klären, welcher Schädel der echte ist.

Wissenschaftler haben auf dem Stuttgarter Fangelsbachfriedhof Friedrich Schillers Nachfahren exhumiert, um mit vergleichenden DNA-Analysen das Rätsel um die Gebeine des Dichters zu lösen. Laut Werner Koch, dem Leiter des städtischen Friedhofsamtes, wurde das Familiengrab bereits am 7. März geöffnet. Er bestätigte damit einen Bericht der "Stuttgarter Nachrichten". Alle im Grab liegenden Gebeine und Schädel seien ausgegraben worden. Sie stammten vom ältesten Sohn des Dichters, von Schillers Enkel und dessen Frau Mathilde. Die Gebeine seien 150 Jahre nach der Grablegung noch in einem guten Zustand gewesen, sagte Koch. Den sterblichen Überresten wurden DNA-Proben entnommen.

Die Exhumierung ist Teil des im Oktober 2006 gestarteten internationalen Projekts "Der Friedrich-Schiller-Code". In der Weimarer Fürstengruft befinden sich seit 1914 zwei Schädel, die Schiller zugeschrieben werden. Über die Echtheit streiten Wissenschaftler seit Jahren.

Genealogie der Familie

In einem gemeinsamen Projekt erarbeiten die Klassik Stiftung Weimar und der MDR, der darüber einen Dokumentarfilm dreht, eine Genealogie der Familie Schiller. Nach Angaben der Klassik Stiftung öffneten Wissenschaftler nicht nur die beiden Särge in Weimar; schon im Jahr 2006 exhumierten sie in Meiningen eine Schwester Friedrich Schillers. Nach der Entnahme von Zellmaterial wurde sie wieder bestattet.

Im Sommer 2007 wurde das historische Schillergrab in Bonn geöffnet. Die Forscher exhumierten die Gebeine der Ehefrau des Dichters, Charlotte von Schiller, und ihres zweitältesten Sohnes Ernst. Auch hier entnahmen sie Proben des genetischen Erbmaterials. Zuvor hatte die Klassik Stiftung 2006 den Wissenschaftlern all jene in ihrem Besitz befindlichen sterblichen Überreste zur Verfügung gestellt, die Schiller zugeordnet werden. Dazu gehören neben den beiden Schädeln und Skelett-Teilen auch drei Haarlocken.

Rekonstruktion des Gesichts

Die DNA untersuchen das "US Armed Forces DNA Identification Laboratory Rockville" und das Institut für Gerichtliche Medizin der Universität Innsbruck. Die österreichischen Wissenschaftler hatten schon den Schädel untersucht, der von Mozart stammen soll. 2004 identifizierten sie Tausende Tsunami-Opfer in Sri Lanka, außerdem beteiligten sie sich an der Untersuchung der Gletschermumie Ötzi.

Der Berliner Anthropologe Herbert Ullrich hatte auf einer Pressekonferenz am 4. Oktober 2006 in Weimar erklärt, dass Forscher außerdem versuchen, mithilfe der Computertomographie das Gesicht des Dichters zu rekonstruieren. Zudem sollten chemische Analysen zeigen, ob die Knochen und die drei Haarlocken, die von Schiller stammen könnten, mit Schmermetall belastet sind. Dadurch könne man auf die Krankheit und die umstrittene Todesursache des Dichters schließen. Schiller starb im Alter von 46 Jahren. Zwischen den Forschern und dem MDR wurde Stillschweigen bis zur Erstausstrahlung des Films vereinbart. Diese ist für Anfang Mai vorgesehen, wie eine Sprecherin des MDR in Erfurt auf Anfrage sagte.

Die Gebeine des Genies im Massengrab

Friedrich Schiller war in der Nacht zum 12. Mai 1805 im Massengrab des Weimarer Kassegewölbes bestattet worden. 21 Jahre später verfügte der damalige Weimarer Bürgermeister Karl Leberecht Schwabe, dass der Sarg des Dichters aus der Gruft gehoben werden sollte. Doch die Särge waren geborsten, die Leichen verwest. Man barg 23 Schädel aus dem Moder, wie Albrecht Schöne in seinem Buch "Schillers Schädel" berichtet. Schwabe stellte sie demnach auf eine Tafel und rief, auf den größten zeigend: "Das muss Schillers Schädel sein!" Ein halbes Jahr später ließ sich Goethe diesen Schädel in sein Wohnhaus bringen, wo die "heilige Reliquie" auf einem blausamtenen Kissen unter einem mit Silber eingefassten Glassturz über Monate blieb. Nach vorübergehendem Aufenthalt in der Großherzoglichen Bibliothek kam der Schädel im Dezember 1827 mitsamt einiger Gebeine, die man Schiller zuschrieb, in die fürstliche Begräbnisstätte. Dort befinden sie sich noch heute in dem repräsentativen Eichenholzsarkophag neben dem Sarg Goethes. Im Jahr 1911 ließ der Anatom August von Froriep noch einmal 63 Schädel aus dem Kassengewölbe ausgraben. Nach intensiven Studien bezeichnete er einen davon als den echten Schillerschen Schädel, was eine Gutachterkommission der Anatomischen Gesellschaft einstimmig bestätigte. Und so kam 1914 noch ein Sarg mit dem "zweiten" Schiller-Schädel in die Fürstengruft.

AP / AP