DNA-Test für Schwangere Großer Streit um den kleinen Unterschied

Bis zur Geburt warten, um sicher zu wissen, welches Geschlecht der Nachwuchs hat? Mit einem DNA-Test ist der Nachweis schon in der sechsten Woche möglich
Bis zur Geburt warten, um sicher zu wissen, welches Geschlecht der Nachwuchs hat? Mit einem DNA-Test ist der Nachweis schon in der sechsten Woche möglich
© Colourbox
Mädchen oder Junge? Diese Frage stellen sich viele werdende Eltern. Schon in der sechsten Woche der Schwangerschaft können sie nun das Geschlecht des Embryos per DNA-Test bestimmen lassen - deutsche Experten sind entsetzt.

"Pink or Blue" - Rosa oder Blau. Der Test mit dem harmlos klingenden Namen erfüllt derzeit Mediziner weltweit mit Sorge. Denn das per Internet vertriebene Verfahren verspricht werdenden Eltern, schon in der sechsten Schwangerschaftswoche das Geschlecht des Kindes zu ermitteln. Kritiker bezweifeln, dass das Verfahren zuverlässig ist. Vor allem aber befürchten sie einen massiven Missbrauch der Untersuchung, die keinerlei medizinischen Nutzen hat.

Ein US-Unternehmen vertreibt den DNA-Test seit vergangenem Jahr über das Internet. Im April trat nun das britische Unternehmen DNA Worldwide auf den Markt, das sonst unter anderem Vaterschaftstests anbietet und sich einen weltweiten Kundenkreis erhofft. Lediglich Länder wie Indien und China sollen von dem Handel ausgenommen bleiben. Der Grund: Dort ist männlicher Nachwuchs gefragt, Mädchen dagegen sind oft unerwünscht. So werden in Indien laut einer in der Zeitschrift "The Lancet" veröffentlichten Studie jährlich rund 500.000 Feten abgetrieben, weil sie weiblichen Geschlechts sind. Aber auch in anderen Teilen der Welt, so fürchten Kritiker, könnten Eltern eine Schwangerschaft abbrechen, weil ihnen das Geschlecht des Kindes nicht passt.

Zuverlässigkeit fraglich

In der Blutbahn einer schwangeren Frau zirkulieren schon früh DNA-Spuren des Fetus. Diese Erbinformationen werden im Labor auf das männliche Y-Chromosom untersucht. "Je früher in der Schwangerschaft man solche Tests macht, desto weniger fetale DNA gibt es", sagt Patrick O'Brien, Sprecher des britischen Verbands der Frauenärzte. Darunter leide vermutlich die Zuverlässigkeit des Tests: "Es ist fraglich, ob das Verfahren das in der sechsten Schwangerschaftswoche kann."

Wenn Eltern genügend Geduld haben, so kann in der 20. Woche eine Ultraschall-Untersuchung sehr zuverlässig ermitteln, welches Geschlecht das Kind haben wird. Schon früher möglich ist eine Amniozentese oder Fruchtwasserpunktion. Allerdings erhöht das invasive Verfahren das Risiko für eine Fehlgeburt.

Bei "Pink or Blue" sendet die Mutter dagegen eine Blutprobe an das Labor des Unternehmens. Die Firma teilt innerhalb von vier bis sechs Tagen das Geschlecht des Kindes mit. Dafür zahlen die Kunden umgerechnet knapp 280 Euro, wenn sie das Resultat nach sechs Tagen erhalten. Ganz eilige Eltern, die nur vier Tage warten wollen, zahlen gut 350 Euro. Die Zuverlässigkeit liegt nach Angaben des Unternehmens bei 98 Prozent.

Abtreibung bei "falschem" Geschlecht?

Da der Test nicht als medizinisches Produkt, sondern nur als Information verkauft wird, braucht er keine Zulassung durch Gesundheitsbehörden. "Wir wollen die Kluft zwischen Wissenschaft und Verbraucher überbrücken", sagt der Direktor von DNA Worldwide, David Nicholson. "Viele Eltern wollen unbedingt wissen, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird. Wir geben ihnen diese Information."

Selbst wenn der Test zuverlässig sein sollte, bemängeln Experten ethische Probleme. Sie fürchten, dass Eltern die Informationen dazu nutzen, ein Kind abtreiben zu lassen, falls es das "falsche" Geschlecht hat. "Die Auswahl des Geschlechts könnte Eltern dazu ermutigen, ihre Kinder als Waren zu betrachten", sagt Marcy Darnovsky, Leiterin des amerikanischen Zentrums für Genetik und Gesellschaft. "Solche Tests könnten die genetische Selektion zum Normalfall machen und eines Tages dazu führen, dass Eltern die Kennzeichen ihrer Kinder aus einem Katalog auswählen."

"Der Gesetzgeber ist gefragt"

In Deutschland, wo ein Schwangerschaftsabbruch ohne medizinischen Grund bis zur zwölften Woche möglich ist, beobachten Experten die Entwicklung ebenfalls mit Sorge. Die Deutsche Gesellschaft für Humangenetik lehnt pränatale Testverfahren, die keinem medizinischen Zweck dienen, ausdrücklich ab. Für die pränatale Geschlechtsbestimmung sei "eine sinnvolle Zielsetzung nicht erkennbar", heißt es in einer Erklärung. Dagegen gebe es ein schwerwiegendes Missbrauchspotenzial: Das Testergebnis könne für einen Schwangerschaftsabbruch verwendet werden.

Auch Klaus Vetter vom Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) sieht die Gefahr, dass der Test dazu benutzt wird, das Geschlecht eines Kindes zu selektieren: "Wenn etwas existiert, was das ermöglicht, dann wird das auch benutzt", sagt der Frauenarzt. "Die Konsequenzen lassen sich nicht steuern."

Daher fordert Bernhard-Joachim Hackelöer ein Eingreifen des Gesetzgebers: Dieser müsse einen Missbrauch und die Diskriminierung eines Geschlechts verhindern, sagt der Vertreter für Pränatal- und Geburtsmedizin der DGGG. Die Bundesregierung habe die Präimplantationsdiagnostik, also die Untersuchung von Embryos auf genetische Merkmale, explizit verboten, um eine Selektion zu verhindern. Gemäß dieser Logik dürfe sie nun nicht zulassen, dass ein solcher "Selektionstest pur" allgemein verfügbar sei.

Maria Cheng/AP AP

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