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Eckart von Hirschhausen: Von wachsenden Lebern und Glaubersalz

Kuriositäten aus Medizin und Alltag sind sein Metier: Arzt und Kabarettist Eckart von Hirschhausen will die Menschen glücklich und gesund machen. stern.de sprach mit ihm über sein neues Buch, seine Schwäche für Butterbrezeln und seine Erfahrungen mit Glaubersalz.

Im vergangenen Jahr landete Eckart von Hirschhausen mit seinem Wörterbuch "Arzt-Deutsch/Deutsch-Arzt" einen Bestseller. Jetzt ist sein neues Buch "Die Leber wächst mit ihren Aufgaben" erschienen. Darin schreibt über die Absurditäten von Medizin und Alltag und geht wichtigen Fragen nach: Warum regt Glückstee so auf? Und wie spricht man jemanden in der Sauna an? Von Hirschhausen hält ein Plädoyer für Butterbrezeln und gegen den Diätwahn. Und er versucht sich an einem Rästel, vor dem schon Sigmund Freud kapitulierte: Was will das Weib? Im Gespräch mit stern.de erzählt er, wie er sich und die Gesellschaft gesünder machen will und warum Harald Schmidt kein Vorwort für sein Buch schreiben wollte.

Herr von Hirschhausen, Sie sind eigentlich Arzt, machen aber seit Jahren als Kabarettist Karriere und sagen, Sie hätten sich von der Medizin eigentlich gar nicht entfernt, weil Sie jetzt präventiv arbeiten. Wie bewahren Sie die Bevölkerung vor Krankheiten?

Ärzte interessieren sich dafür, warum Menschen krank werden. Mich interessiert viel mehr, warum sie nicht krank werden. Ich glaube tatsächlich, dass seelische Gesundheit durch Lachen und bewusstseinserweiterndes Glückstraining, wie ich das in meinem Life-Programm mache, deutlich zur Volksgesundheit beitragen.

Deshalb haben Sie mal gesagt, dass Ihre Bühnenshow "Glücksbringer", bei der Sie mittlerweile in Hallen vor 1000 bis 2000 Leuten auftreten, ein bisschen wie Psychotherapie ist.

Ja, es ist sozusagen Gruppentherapie in Kabarettform. Ich habe mal ausgerechnet, dass ich jeden Abend mehr als sieben Jahre spare - verglichen mit dem Zeitaufwand, den es erfordern würde, mit all diesen Menschen Einzelgespräche zu führen. Ich erreiche viele Leute, auch solche, die sich sonst gar nicht für Gesundheitsthemen interessieren.

Um die Volksgesundheit bemühen Sie sich auch in Ihrem neuen Buch "Die Leber wächst mit ihren Aufgaben".

Das Buch ist sozusagen die Quintessenz meines bisherigen Schaffens, mein Vermächtnis. Ich habe als Kabarettist gelernt, auf Sprache zu achten. Das Tolle am Schreiben ist, dass ich noch feiner formulieren und um die Ecke denken kann. Und dabei geht es mir vor allem darum, eines klarzumachen: Gesundheit wird nicht in der Klinik hergestellt, sondern ist die Summe aller Handlungen im Alltag.

Sie wollen die Leser also zu einer gesunden Lebensweise ermahnen?

Nicht ermahnen. Ich sage, dass man das nicht für seinen Arzt tut, sondern für sich selbst. Und ich sage: Gesundheit ist auch eine Frage der Einstellung. Wenn ich in meinem Buch beispielsweise über die Deutsche Bahn schreibe und das als Meditationserfahrung verbuche, anstatt mich darüber zu ärgern, was die machen, dann ist das ja eine gesunde Umdeutung. Ärger entsteht im Kopf. Oder mit anderen Worten: Die Welt ist nicht so wie sie ist, sondern so wie ich bin.

Sie sind bekennender Butterbrezel-Fan - so steht es in Ihrem Buch. Wie wichtig ist Ihnen gesunde Ernährung und was halten Sie von Diäten?

Die Leute machen sich verrückt wegen Ihrer Ernährung und trennen in ihrem Kopf auf eine perverse Art Ernährung und Essen. Wir wollen ja essen und nicht uns ernähren. Ernähren klingt nach Unterteilung in Kohlehydrate, fett und salzarm. Und das macht keine Freude. Wenn man mit schlechtem Gewissen isst, wird man allein dadurch schon dick. Denn ein schlechtes Gewissen sorgt dafür, dass wir Stresshormone ausschütten und dadurch meistens mehr essen als wir müssten.

Sie propagieren also ein gutes Gewissen?

Was ich versuche zu propagieren: Erstens, entspannt euch, die Dosis macht das Gift. Wenn ich mich ausschließlich von Butter und Brezeln ernähren würde, hätte ich ein Problem. Wenn ich das ab und zu genieße, wird es mich nicht umbringen. Außerdem: Man braucht nicht etliche Ratgeber, es reicht das Körpergefühl, und das kulminiert in einem Satz, den man sich auf den Kühlschrank schreiben darf: Möchte ich daraus bestehen? Das, was wir essen, rutscht ja nicht einfach durch uns durch und kommt hinten wieder raus. Es ist die Bausubstanz für jede einzelne Körperzelle. Wenn man sich das klarmacht, hat man auf bestimmte Dinge keinen Appetit mehr. Ich glaube, der erhobene Zeigefinger funktioniert nicht. Ich benutze den Zeigefinger, aber nicht zum Drohen, sondern zum Kitzeln.

Sie haben ja auch mal versucht gar nichts zu essen. In Ihrem Buch kann man lesen, dass Sie gefastet haben. Wie war das?

Zunächst einmal ist es strittig, wie gesund das wirklich ist. Aber ich glaube tatsächlich, wenn das in manchen Kulturen seit tausenden von Jahren gemacht wird, dann wird da schon was dran sein. Man macht das ja auch nicht auf Dauer, sondern nur für fünf oder sechs Tage, und in meinem Fall auch unter ärztlicher Anleitung, nämlich meiner eigenen. Es war eine spannende Erfahrung, die ich in dem Buch humoristisch verbraten habe. Der Erleuchtungseffekt ist bei mir nicht eingetreten, aber viele andere.

Zum Beispiel?

Diese Erkenntnis, wie wenig man braucht - das ist wirklich erhellend. Auch danach. Wenn man wieder anfängt zu essen, ist man mit einem Apfel total bedient und einen halben Tag satt. Und danach isst man erstmal ne ganze Weile achtsamer. Es ist so ein bisschen wie ein "Reset" für Essgewohnheiten. Ich sage ja nicht, dass jeder das ausprobieren muss, aber ich wollte die Erfahrungen mal selber machen. Alles was in dem Buch steht, ist erlebt, erlitten oder recherchiert.

Apropos erlitten, wie schmeckt eigentlich Sauerkrautsaft? Denn haben Sie beim Fasten ja getrunken.

Ekelhaft. Noch schlimmer ist Glaubersalz. Sowas braucht kein Mensch.

Gelitten haben Sie auch beim Sport. Weil Nordic Walking Ihnen zu bescheuert aussieht, haben Sie es mal mit Rollerbladen versucht. Wenn man das Kapitel dazu liest, hat man den Eindruck, Sie seien dabei zu einer Gefahr für die Öffentlichkeit geworden. Ist es inzwischen besser geworden oder haben Sie aufgeben?

Ich bin auf dass klassische Joggen zurückverfallen und halte das für völlig ausreichend.

Missglückt ist auch der Versuch, Harald Schmidt dazu zu überreden, das Vorwort für Ihr Buch zu schreiben. Und jetzt sind Sie vermutlich der erste Buchautor, der damit wirbt, dass es kein Vorwort gibt. Auf dem Cover steht tatsächlich "Ohne Vorwort von Harald Schmidt". Warum wollte Schmidt nicht? Immerhin kommen Sie fast jeden Donnerstag zu ihm in die Sendung.

Das ist eine schöne Anekdote. Ich habe ihn gefragt, und er sagte: spannendes Buch, aber Vorwörter liest doch eh keine Sau. Und ich sagte, naja, darf ich das denn dann schreiben? Er sagte, klar, damit habe ich kein Problem. Und damit hat er mir einen großen Gefallen getan. Das hat ja schon fast etwas zen-buddhistisches.

Geschadet hat es zumindest nicht, denn Ihr Buch ist schon jetzt ein Bestseller. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?

Ja, es wird sogar auf Platz 1 der neuen Spiegel-Bestsellerliste sein, wie ich gerade erfahren habe. Der Erfolg hat sicher damit zu tun, dass die Menschen bei mir etwas kriegen, das sie woanders nicht bekommen. Es gibt tausende Diät- oder Kochbücher, psychologische und medizinische Ratgeber. Ich glaube, ich habe eine eigene Kunstform entwickelt - einen Hybrid aus den verschiedenen Elementen. Man hat Spaß beim Lesen und lernt dabei etwas. Ich bin gern auf der Bühne, aber ich kann ja nicht überall sein. So gesehen ist das Buch eine große kulturhistorische Errungenschaft, weil man es mitnehmen kann, wohin man will, und ohne Netz und Empfang einfach Spaß haben kann.

Interview: Claudia Wüstenhagen