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Fitness: Im Takt mit Brasilien

Spiel, Tanz, Sport oder Kampf - Capoeira lässt sich nicht einordnen. Man muss es ausprobieren. Und Feuer fangen: für einen akrobatischen Dialog zwischen Beherrschung und Ekstase.

Von Stefan Zimprich

Schweißtropfen suchen ihren Weg über lachende Gesichter. Augen leuchten wie bei selbstvergessenen Kindern. Trommeln treiben die Spieler an, Rhythmen, die Bewegung einfordern und sie bekommen. Für zwei Stunden ist Brasilien ganz nah, auch im kühlen Schatten einer Hamburger Industriehalle. Hier wird Capoeira gespielt - eine spektakuläre Melange aus Kampf, Tanz, Spiel, Musik, Sport und Akrobatik.

Eines der leuchtenden Augenpaare gehört Astrid Helms. Die 44-Jährige übt mit ihrer Partnerin Oksana eine neue Figur. Grundschritt, Drehkick, abrollen, der Gegner kontert, aufstehen, Kick, Grundposition. Keine Anfeuerungsrufe wie beim Boxen. Astrid und Oksana zeichnen mit ihren Füßen Halbkreise in die Luft. Kampfsport wie Tango, lässig und präzise zugleich.

Immer im Rhythmus der Musik

Die Grundzüge des brasilianischen Kampftanzes sind leicht erlernbar. Am Anfang steht der Grundschritt, die Ginga: vor, zur Seite, zurück, immer im Rhythmus der Musik. Nach und nach folgen Ausweichbewegungen, Tritte und Finten, bis man irgendwann als wilder Derwisch durch die Halle toben kann.

Astrid ist schon lange dabei. Ihr Ex-Freund - ein Brasilianer - nahm sie in den 80er Jahren mit zum Training. "Seitdem kann ich nicht mehr davon lassen", sagt sie lachend. Bis vor rund 30 Jahren war der Kampftanz außerhalb Brasiliens nahezu unbekannt. Erst Anfang der Siebziger gingen brasilianische Capoeira-Meister vermehrt ins Ausland und gründeten Ableger ihrer "Basen".

Heute gibt es allein in Deutschland Hunderte Capoeira-Gruppen. Viele Vereine arbeiten mit brasilianischen Mestres zusammen. Man sollte sich ruhig mehrere Gruppen ansehen, denn jede hat ihren eigenen Stil. Die Betonung kann eher auf dem Spiel liegen - oder auch auf dem Kampf. Ein Prinzip gilt aber immer: Ob Mann, ob Frau, ob Anfänger oder Fortgeschrittener, jeder kann mit jedem spielen, und jeder wird unabhängig von seinem Können respektiert.

Dialog ist eines der Schlüsselwörter

"Es braucht eine Weile, bis man den Dialog versteht", sagt Capoeira-Professor Joel Dias. Der Brasilianer mit den langen Rastazöpfen leitet die Hamburger Gruppe Meia Lua Inteira. Dialog ist eines der Schlüsselwörter beim Capoeira: Die Spieler "unterhalten" sich mit ihren Schrittfolgen, mit Scheinangriffen und Täuschungen, die beliebig komplex kombiniert werden können.

Angst vor der eigenen Hüftsteife lässt Joels Partner Ricardo auch bei Einsteigern nicht gelten. "Am Anfang denkst du, da gehe ich kaputt. Aber man muss es einfach machen. Und irgendwann hast du es im Körper, dann geht es nicht mehr weg." Professor Joel muss dann doch ein wenig einschränken: "Natürlich gibt es mit höherem Alter Grenzen von der Beweglichkeit her." Grundsätzlich sei Capoeira aber für jeden gut - ob jung oder alt, dick oder dünn.

Dennoch sollten Anfänger vorsichtig sein. "Ich halte das zum Teil für gefährlich", warnt Rüdiger Reer, stellvertretender Leiter des Instituts für Sport- und Bewegungsmedizin der Universität Hamburg. Die explosiven Bewegungen und starken Verrenkungen setzten einen sehr hohen Fitnessgrad voraus und beanspruchten zudem die Bänder, Knochen und Gelenke stark. Menschen mit Vorerkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems oder Beschwerden an Hand-, Schulter- oder Kniegelenken rät der Mediziner generell ab. "Die Belastungen für den Bänderapparat sind sehr hoch."

Selbstbewusstsein mitbringen

Andere, so Reer, sollten vier Voraussetzungen erfüllen, bevor sie starten: "Eine sportmedizinische Untersuchung, einen guten Ausdauer-Trainingszustand, ein abgestimmtes Kräftigungsprogramm zur Vorbereitung und gezieltes Aufwärmen." Dazu solle man das Selbstbewusstsein mitbringen, bei zu schwierigen Übungen auch mal nein sagen zu können. Der Gruppendruck beim Training mit Fortgeschrittenen könne leicht zu Überbeanspruchung und Verletzungen führen, warnt Reer.

Vorsicht ist angebracht, weil nur wenige Capoeira-Meister auch ausgebildete Sportpädagogen sind. Beim Training gilt das Prinzip Eigenverantwortung: Jeder muss selbst wissen, was er sich zumutet. Beim Import aus Brasilien ins kalte Deutschland ist ein weiterer Aspekt zu beachten: Wer beim Capoeira gerade nicht spielt, steht. Am Strand von Rio ist das nicht weiter schlimm; hierzulande läuft man in Gefahr, wieder abzukühlen. "Da muss man sich irgendwas ausdenken, damit man warm bleibt", sagt Reer.

Die Mühe lohnt sich. Wer alles richtig macht, trainiert sich beim Capoeira einen perfekten Körper an: Kraft, Ausdauer, Flexibilität und Schnelligkeit - der brasilianische Kampftanz fordert und fördert eigentlich alles.

Ein Mestre ist die höchste Instanz beim Capoeira

Heute ist ein Tag für Fortgeschrittene: Mestre Maurão wurde aus São Paulo eingeflogen, um seine Kunst an die Schüler von Ricardo und Joel weiterzugeben. Ein Mestre ist die höchste Instanz beim Capoeira, noch zwei Stufen weiter als Professor Joel. Mestre Maurão - eine Mischung aus Muhammad Ali und Schlangenmensch - ruft kurze Kommandos auf Portugiesisch in die Runde. Übersetzen muss das hier keiner. Aus dem Stand rückwärts in die Brücke, dann schräg über die Schulter über einen kurzen Handstand in die Abwehrhaltung. Kein Problem für die meisten hier.

Spielen zwei gute Capoeirista miteinander, sieht das aus wie eine Mischung aus perfekt abgesprochener Tanzchoreografie und Kampfsportimprovisation. Aus dem Grundschritt werden mit katzenhafter Eleganz blitzschnelle Angriffe ausgeführt, die entweder kurz vor dem Ziel abgebrochen oder durch die passende Ausweichbewegung des Gegners pariert werden.

Der Legende nach stammt Capoeira aus den Lagern afrikanischer Sklaven, die auf brasilianischen Zuckerrohrplantagen schufteten. Sie konnten so die Herren, die Angst vor dem Widerstand der Leibeigenen hatten, Glauben machen, es handele sich um eine harmlose Spielerei. Dennoch wurden die Capoeirista lange verfolgt. Bis 1934 war die Ausübung des Kampftanzes in Brasilien unter Androhung von Strafe verboten - nicht ganz ohne Grund: Früher wurde noch mit Rasiermessern zwischen Zehen und Fingern "gespielt"; häufig waren Capoeirista an Überfällen und Bandenkriegen beteiligt.

“Capoeira ist eine Lebenseinstellung“

Ein Spiel auf Leben und Tod ist Capoeira heute nicht mehr - aber aus Sicht der Aktiven auch nicht nur ein Sport, sondern zugleich Kultur, Musik und Ausdruck von Fröhlichkeit. "Capoeira ist eine Lebenseinstellung", sagt Karin Haenlein. Die freie Künstlerin ist seit sieben Jahren dabei. Im vergangenen Jahr hat sie begonnen, Portugiesisch zu lernen. "Es ist nicht unbedingt notwendig, man kann beim Singen auch auf Deutsch improvisieren", sagt die 33-Jährige, "aber irgendwann willst du auch verstehen, was die Lieder bedeuten."

Die beteiligten Musiker sind nicht Begleiter, sondern Steuermänner des Geschehens: Sie bestimmen das Tempo, ziehen an, wenn die Spieler zu träge werden, und bremsen, wenn es allzu hektisch wird. Oft kommentiert der Chor, was innerhalb der Roda, dem Spielkreis, vor sich geht. Singt der Chor "Meine Machete hat unten geschnitten, die Bananenstaude ist umgefallen", dann hat ein Capoeirista den anderen mit einem Fußfeger von den Beinen geholt.

Dreimal in der Woche geht Astrid zum Training, "wenn mein Kind mich lässt". So oft kommen fast alle in ihrer Gruppe zusammen. Viele waren schon mal in Brasilien und besuchen immer wieder Workshops in fremden Städten, um andere Capoeirista kennen zu lernen. Der Zusammenhalt ist groß. Für den Fahrradkurier Björn Tilgner ist die Gemeinschaft besonders wichtig: "Capoeira hat mir sehr geholfen", sagt der 30-Jährige, "der Sport hat mich selbstbewusst gemacht." Heute sei die Gruppe seine Familie.

Sonne im Herzen hält jung

Am Ende darf auch er eine Runde mit Mestre Maurão spielen. Knapp 100 durchtrainierte Kilos gegen das "Fuffzigerchen", wie Björn als Capoeirista heißt. Eine Täuschung hier, eine Finte dort, ein angedeuteter Tritt, breites Lachen in schweißnassen Gesichtern. Vor, zurück, der Mestre springt in den Handstand, seine Füße zucken in Björns Richtung. Die Trommler ziehen das Tempo an. Die Beine fliegen schneller, Björn duckt sich mit einer eleganten Bewegung weg, untermalt vom Chor der Umherstehenden. Eine schnelle Bewegung, die Chance zum Ausweichen ist schon verpasst, Maurão taucht vor Björn auf und deutet eine Wurfbewegung an. Beide lachen sich an, wie kleine Jungs, denen gerade ein besonders guter Streich gelungen ist. Die Sonne im Herzen hält jung, und in der Roda gibt es keine Gegner, nur Freunde, die miteinander spielen.

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