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Hirnforschung: Mitfühlende Nervenzellen

Sich in andere hineinzuversetzen, Mitgefühl zu empfinden ist ein wichtiges Merkmal, das Affen und Menschen auszeichnet. Verantwortlich für diese Fähigkeit sind bestimmte Nervenzellen im Gehirn.

Verhaltensweisen und Eigenschaften des Menschen werden neuerdings nicht mehr nur psychologisch, sondern auch neurobiologisch erklärt. Forscher glauben, dass mit der Entdeckung so genannter Spiegelneuronen auch das Einfühlen in andere Menschen, das intuitive Wissen darüber, was sie fühlen oder im Sinn haben, neurobiologisch verständlich wird. Die Arbeitsgruppe des Physiologen Giacomo Rizzolati (Universität Parma, Italien) fand diese Neuronen vor einigen Jahren bei Affen. Inzwischen wurden die spezialisierten Nervenzellen auch bei Menschen nachgewiesen, und zwar in allen Gehirnzentren, in denen Erleben und Verhalten gesteuert werden.

Nervenzellen für das Ein- und Mitfühlen

Wenn Menschen anderen bei zielgerichteten Aktion zuschauen, kommt es bei ihnen zu einer Mitaktivierung jener Neuronen, die die beobachtete Handlung selbst veranlassen könnten, schreibt Professor Joachim Bauer von der Abteilung für Psychosomatische Medizin der Universitätsklinik Freiburg in der Zeitschrift "Psychologie heute". Spiegelneuronen vermitteln dem Beobachter einen schnellen, unreflektierten und auch vorausschauenden Eindruck davon, was ein anderer vorhat. Sie ermöglichen, das Handeln eines anderen Menschen intuitiv und ohne langes Nachdenken zu verstehen. Sie verhelfen zu empathischen (einfühlsamen) Empfindungen.

Spiegelneuronen finden sich auch in den schmerzverarbeitenden Zentren des Gehirns, der so genannten Schmerzmatrix. Untersuchungen ergaben, dass sie nicht nur aktiv werden, wenn Schmerz am eigenen Körper erlebt wird, sondern auch dann, wenn wir beobachten, wie ein anderer Mensch leidet. Das heißt: Wir besitzen Nervenzellen nicht nur für das Einfühlen, sondern auch für Mitgefühl. Zusehen zu müssen, wie sich jemand einen Holzsplitter unter einen Fingernagel reißt, kommt dem Gefühl nahe, das sich bei der eigenen Verletzung eingestellt hätte.

Intuitiv können manche Menschen in anderen "lesen"

Spiegelneuronen begünstigen auch eine - meist unbewusste - Nachahmungstendenz. Beim Kleinkind ist sie noch ganz ungebremst. Schon Säuglinge sind in der Lage, bestimmte Gesichtsausdrücke zu imitieren, bei seiner Geburt hat der Mensch eine Grundausstattung von Spiegelneuronen. Das fanden schon vor Jahren der Neurowissenschaftler Andrew Meltzoff (Washington) und die Mediziner Mechthild und Hanus Papousek (München) heraus. Eine kürzlich unter der Beteiligung der Düsseldorfer Neurobiologen Karl Zilles und Hans-Joachim Freund vorgelegte Studie zeigt: Spiegelneuronen sind eine Basis für das Lernen am Modell.

Probleme im Umgang mit Gefühlen gehören zu den wichtigsten Motiven, warum Menschen psychotherapeutischen Rat suchen. Manche Patienten finden sich regelmäßig in Partnerschaften wieder, in denen sie sich zwar in den anderen einfühlen können, der Partner aber zur Empathie nicht fähig ist. Therapeuten müssen ihrerseits über eine hinreichende intuitive Wahrnehmung verfügen, mit der sie die innere Situation des Patienten "lesen" können.

Angst und Stress hemmen die Spiegelneuronen

In einem Interview der Zeitschrift "Gehirn & Geist" bemerkt Prof. Thomas Goschke von der Technischen Universität Dresden aus psychologischer Sicht: Intuitive Urteile erhöhen jedenfalls ungemein die Wahrscheinlichkeit, mit einem Urteil nicht danebenzuliegen. "Intuitionen fallen nicht vom Himmel. Sie sind das Ergebnis unbewusster Informationsverarbeitung, die sich als - scheinbar - spontanes Gefühl äußert." Er verweist darauf, dass intuitive Reaktionen unter Umständen im Widerspruch zur bewussten Einschätzung stehen. Prof. Bauer notiert dazu: Manchmal sind wir über die "inneren Zustände" anderer Menschen entgegen deren anders lautender Auskunft richtig informiert.

Goschke erwähnt auch den Aspekt der Emotionen. Es gebe Hinweise, "dass wir in positiver, gelöster Stimmung eher zu intuitiven Urteilen neigen als zum analytischen Abwägen. In trauriger oder gar depressiver Stimmung scheint es eher umgekehrt zu sein." Bauer erwähnt, dass Angst auslösende Reize und Stress die Spiegelneuronen zum Verstummen bringen.

Rudolf Grimm/DPA