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Körperlänge: Klub langer Menschen schrumpft

Statistisch gesehen werden die Menschen zwar größer, doch der "Klub langer Menschen" wird kleiner. Die Mitgliederzahl stagniert, weil lange Menschen weniger Probleme mit ihrer Größe haben.

Die Menschen werden statistisch immer größer, doch den Klub langer Menschen in Deutschland plagen Nachwuchssorgen. Die Mitgliederzahlen stagnieren - ein Trend, den die Bundesvorsitzende Helga Schunk aus Düsseldorf zwar schade findet, aber versteht: "Die Jugend geht heute viel selbstverständlicher damit um, und die Gesellschaft akzeptiert es immer mehr als Standard", sagt sie. Vor allem in Städten ist die Akzeptanz langer Menschen größer, berichtet Schunk: "Dort ist man anonymer."

Mit Hormonbehandlung kann man heute Wachstum in den Griff bekommen

Auch die Medizin trägt indirekt zu den Nachwuchssorgen des Klubs langer Menschen bei. Mit Hormonbehandlungen kann heute ein unerwünschtes Wachstum gestoppt werden. Dabei prognostizieren Ärzte nach einer Handwurzelknochenuntersuchung, wie groß der Jugendliche wahrscheinlich wird. Wenn von den Eltern gewünscht, können die Kinder dann wachstumshemmende Hormonpräparate bekommen - eine Vorgehensweise, die umstritten ist, doch Helga Schunk gibt zu bedenken: "Mit 2,10 Meter muss man auch erst mal leben lernen, da will sich auch keiner drum kümmern."

Helga Schunk kann ein Liedchen davon singen: Als sie selbst noch jung war, haben Kinder und Lehrer gleichermaßen nicht mit Sprüchen gegeizt. Mit 28 Jahren trat sie dem Klub langer Menschen bei. Erst hier ist sie aufgeblüht: "Vorher war ich verklemmt und hatte Angst. Ich bin ja überall aufgefallen", sagt die heute 54-Jährige. Umso erstaunlicher war plötzlich die Erkenntnis, dass sie mit ihren 186 Zentimetern die Kleinste in ihrem Bezirk war.

Lang, nicht groß

Auch der 61-jährige Heinz-Jürgen Preuß kennt die Probleme aus Kindertagen: "Das Umfeld ist oft grausam", weiß der 1,98 Meter große Dortmunder. Egal ob Beruf oder Bundeswehr, "ich hab immer die Spitze angeführt." Vor allem, wenn der Spieß kleiner war als der Neuling, kam es zu Reibereien. Mittlerweile sind es eher die kleinen Tücken des Alltags, die ihn ärgern: "Der Spülstein ist zu niedrig, die Badewanne zu klein", sagt er. Normal große Schreibtische führen zu Rückenschmerzen, und im Flugzeug kann man wegen der angezogenen Beine nicht mal das kleine Tischchen ’runterklappen. Lediglich auf einem Flug nach Namibia wurde Preuß wegen seiner Größe bevorzugt behandelt und bekam einen Platz mit viel Beinfreiheit. "Das war so viel, ich hätte dort fast tanzen können."

Ein weiteres Problem zeigt sich beim Kleidungskauf: Lange Menschen finden Kleidung in ihrer Größe nur in Spezialgeschäften, und die sind laut Heinz-Jürgen Preuß über das ganze Land verteilt. Alles sei etwa 50 Prozent teurer als von der Stange: "Die Modeindustrie stellt sich nur schwer darauf ein", erklärt Preuß, "die Lobby ist einfach zu klein." Immerhin, einige große Textilgeschäfte hätten die Not erkannt.

Rund 1,6 Millionen Menschen in Deutschland sind über 1,80 Meter (Frauen) oder 1,90 Meter (Männer) groß und gelten damit als "lang". Lang, nicht groß, denn: "Groß ist nur jemand, der etwas geleistet hat", schmunzelt Helga Schunk. Im Klub sei man erst mal nur lang, später vielleicht mal groß.

Doro Gornik, AP