Kopfwelten Bald wird wieder alles anders


Gute Vorsätze gehören zum Jahreswechsel dazu - auch wenn sie meist nicht lange halten. Warum wir uns trotzdem nicht entmutigen lassen, interessiert auch Psychologen. Sie beschreiben unter anderem das "Falsche-Hoffnung-Syndrom".
Von Frank Ochmann

Würden gute Vorsätze so laut wie Chinaböller krachen, wäre es in diesen Tagen um uns herum vor Lärm kaum auszuhalten. Kurz vor Jahresbeginn ist es wieder Zeit für Besinnung, Bilanzen und viele, viele Besserungsgelübde. Wie schon in der römischen Antike, als der Brauch zu Ehren des doppelgesichtigen Gottes Janus entstand, geht es ans seelische Umkrempeln: Nie wieder soll eine Zigarette in unseren Händen geduldet werden, der Völlerei entsagen wir auch, und natürlich wollen wir dazu noch erfolgreicher, netter und vielleicht auch ein bisschen gedankenvoller im Umgang mit der Natur werden - alles also ziemlich so wie zu Beginn des vergangenen Jahres.

Haben wir überhaupt eine Chance? Können wir uns wenigstens theoretisch am eigenen Schopf aus dem Sumpf unserer schrecklichen Gewohnheiten ziehen? Oder sind wir nicht doch schon im selben Augenblick zum Scheitern verurteilt, in dem wir uns fest vornehmen, ganz anders zu werden?

Der erste Befund stimmt trübsinnig. Eine klassische Studie unter Leitung des amerikanischen Psychologen John Norcross, die sich mit dem Fortbestand guter Vorsätze von etwa 200 Probanden über zwei ganze Jahre befasste, kam zu diesem Ergebnis: 77 Prozent der Versuchsfreiwilligen hielten immerhin die erste Woche noch durch. Dann aber bröckelte die Front rapide. Nach zwei Jahren hatten bereits etwa vier von fünf anfangs Gutwilligen kapituliert und waren den alten Lastern und Gewohnheiten wieder verfallen.

Dass, trotz solchen Scheiterns, viele doch wieder neue Vorsätze auf sich nehmen, nennen Psychologen manchmal das "Falsche-Hoffnung-Syndrom". Warum aber fallen wir immer wieder auf die Illusion herein, diesmal würden wir es bestimmt packen?

Zum Beispiel, weil wir uns selbst schon dafür umarmen könnten, dass wir es überhaupt versuchen! Feierliche, oft unter Zeugen eingegangene Schwüre lassen uns glauben, wir seien charakterfester, als es der erste Eindruck vermuten lassen könnte. Es tut eben richtig gut, gut werden zu wollen!

Wäre es realistischer, die Flinte gleich ins Korn zu werfen?

Eine eben publizierte Studie der Universität Toronto bestätigt den Effekt und seine aufbauende Wirkung. Wir glauben tatsächlich jedesmal neu, diesmal wären wir viel energischer gestimmt und hätten bessere Aussichten auf Erfolg als bei den x Versuchen zuvor. Wir träumen uns dabei nicht gleich in Phantasiewelten, aber wir halten es immerhin für gut möglich, diesmal zu erreichen, was wir uns vorgenommen haben. Ein bisschen geht es zu wie am Lottoschalter. Der Kopf weiß oder ahnt wenigstens, wie realistisch ein Volltreffer ist. Aber deswegen gleich alle Hoffnung fahren lassen?

Und ist dann der Ehrgeiz samt aller rosigen Aussichten verpufft, bleibt dennoch die Erinnerung an den angeblich aus freiem Willen geborenen Schritt hin zum Besseren und auch die Erinnerung an das gute Gefühl, das dabei unsere Seele wärmte. Wäre es nicht trotzdem realistischer - vielleicht sogar "erwachsener - die Flinte ins Korn zu werfen und alle Versuche, ein besserer oder wenigstens rauchfreier Mensch zu werden, aufzugeben?

Es gibt offenbar Gründe, die Kapitulation hinauszuzögern. Denn selbst kleinere Erfolge, so zeigen die Untersuchungen, können nach und nach zur ermutigenden Einsicht führen, nicht ganz und gar getrieben und fremdbestimmt zu sein, sondern selbst Einfluss darauf zu haben, wohin es geht in unserem Leben. Das allein schon tut gut, bringt mehr Schwung in den Alltag und hebt das körperlich-seelische Wohlbefinden. Ein bisschen wenigstens. Grund genug aber sicher, es bei nächster Gelegenheit wieder mit einer Besserung zu probieren. Zu Beginn des neuen Jahres zum Beispiel - viel Glück für 2009!

Literatur:

Koestner, R. 2008: Reaching One's Personal Goals: A motivational Perspective Focused on Autonomy, Canadian Psychology 49, 60-67
Norcross, J. C. & Vangarelli, D. J. 1989: The Resolution Solution: Longitudinal Examination of New Year's Change Attempts, Journal of Substance Abuse 1, 127-134
Trottier, K. et al. (im Druck): Effects of resolving to change one's own behavior: Expectations vs. experience, Behavior Therapy


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