HOME

Stern Logo Kolumne Kopfwelten

Kopfwelten: Genetik à la Münchhausen

Wir sind nicht die Sklaven unseres Erbguts, auch Umwelteinflüsse spielen eine Rolle. Von "Epigenetik" spricht heute, wer auf Partys hip sein will. Heißt das aber, wir könnten unsere Gene durch einen gezielten Lebensstil umprogrammieren?

Von Frank Ochmann

Was prägt uns? Ein Zusammenspiel aus Genen und Umwelt lässt uns zu dem Menschen werden, der wir sind

Was prägt uns? Ein Zusammenspiel aus Genen und Umwelt lässt uns zu dem Menschen werden, der wir sind

Unser Wunsch, uns selbst und unsere Umwelt möglichst weitgehend zu kontrollieren, sitzt tief und ist für unser Menschsein so fundamental wie das Bedürfnis nach Essen und Trinken. Diese Auffassung teilen inzwischen die meisten Psychologen, die sich mit dieser Frage befasst haben. Und zu glauben, wir könnten etwas bewegen im Leben, ist ja auch nichts Schlechtes. So gewinnen wir Antrieb und Ausdauer und kapitulieren nicht sofort vor jedem Problem, auf das wir im Laufe unseres Lebens treffen. Allerdings hat unser Kontrollbedürfnis auch eine Kehrseite: das Risiko des Realitätsverlustes und eines gewissen Größenwahns nämlich.

Noch vor wenigen Jahren galt verbreitet die Auffassung, unser Erbgut sei für unser Schicksal so gut wie bestimmend. So wurde zum Jahrtausendwechsel die sogenannte Entschlüsselung des menschlichen Genoms - der Gesamtheit unseres Erbmaterials in den Zellkernen also - bejubelt. Man müsse nur noch begreifen, was die Abfolge von etwa drei Milliarden biochemischen Buchstaben im Einzelnen zu bedeuten habe, und bald würde es dann vielleicht schon möglich sein, Krankheiten in ihrem genetischen Keim zu bekämpfen. Andere gingen mit ihren Hoffnungen noch weiter: Von "Designer-Babys" war die Rede, und die wurden ebenso erhofft wie gefürchtet.

Mittlerweile ist "Epigenetik" das Zauberwort

Inzwischen sind zehn Jahre ins Land gegangen, aber noch gibt es keine Kinder, deren Augen- oder Hautfarbe und andere körperliche oder geistige Eigenschaften und Begabungen vor der Geburt nach Belieben programmiert worden wären. Und wer mit seinem genetischen Wissen nicht wie von gestern erscheinen will, wird von solchen Designer-Wünschen auch vorsichtshalber nicht mehr reden: Von "Epigenetik" spricht heute, wer auf Partys hip sein will, und für manche ist das ein echtes Zauberwort.

Dabei ist dieser Begriff gar nicht neu. Der englische Biologe Conrad Waddington hat ihn schon in den 1940er Jahren geprägt. Und für ihn war es selbstverständlich, dass er auf den Gedanken anderer Forscher vor ihm aufbaute. Die wichtigste Bedeutung, die dieser Begriff für uns heute hat, ist wohl diese: Das Gen als allein bestimmenden Baustein unseres biologischen Daseins zu verstehen, ist eine unzulässige Verkürzung der Verhältnisse.

Was Waddington zu beschreiben versuchte, war so etwas wie die Einheit dessen, was ein Lebewesen von drinnen und draußen prägt. Die Abfolge der genetischen Bausteine für sich genommen bewirkt noch nichts. Gene werden vielmehr im Laufe unserer Entwicklung an- und abgeschaltet. Und diese "epigenetischen" Aktivierungsmuster werden offensichtlich von "außen" beeinflusst. Wie das genau und Schritt für Schritt funktioniert, ist allerdings noch weitgehend unklar. Zudem gibt es ganz neue alternative Modelle, die epigenetische Effekte auch ohne einen Einfluss durch die Umwelt eines Organismus erklären können.

Gene allein sind jedenfalls nicht entscheidend für das, was uns ausmacht. Doch an dieser Stelle kommt - zusätzlich zur Lust an der Kontrolle - eine andere folgenreiche Versuchung in unserem Denken zum Vorschein: ein gewisser Hang zum Spalterischen. Statt ganz im Sinne von Waddington und seinen geistigen Gefährten die ererbten Anteile unserer biologischen Natur mit den später wirkenden Einflüssen aus Erfahrung und Erziehung als untrennbare und miteinander verschmolzene Einheit zu verstehen, stellen wir sie wie Duellanten gegenüber und versuchen herauszubekommen, wer der Stärkere ist. Statt die hohe Komplexität zu bewundern, mit der die Lebensprozesse ablaufen, reißen wir wie unverständige Kinder auseinander, was nur im Mit- und Ineinander halbwegs zu begreifen ist.

Marathonläufe, mediterrane Kost und Meditation - die Vorstellung, dass wir unsere Gene durch unser Verhalten so verändern können, dass sie nur noch Gutes tun, ist wissenschaftlicher Unfug

Marathonläufe, mediterrane Kost und Meditation - die Vorstellung, dass wir unsere Gene durch unser Verhalten so verändern können, dass sie nur noch Gutes tun, ist wissenschaftlicher Unfug

Wer krank wird, ist selbst schuld?

Aber warum kompliziert, wenn es einfach so viel knackiger und markttauglicher klingt! Und so soll uns über Titelgeschichten in Magazinen, Bücher und Fernsehbeiträge glauben gemacht werden, wir könnten eine Glück und Gesundheit schaffende Macht über die Gene erringen - wenn wir uns nur richtig anstrengen! Natürlich ist es richtig, auf eine ausgewogene Ernährung zu achten, damit wir nicht allzu sehr verfetten. Es ist auch empfehlenswert, sich regelmäßig zu bewegen, damit Gefäße und Organe und auch alles andere nicht einrosten. Und schließlich kann es sicher nicht schaden, den belastenden psychischen Stress in unserem Leben so gering wie möglich zu halten. So muss uns nicht auf Herz und Nieren schlagen, was uns heftig auf die Nerven gehen könnte. Aber brauchen wir wirklich den Begriff der Epigenetik für diese eher banalen Einsichten? Haben wir nicht auch schon früher gewusst, wie wir uns im Rahmen unserer Möglichkeiten einigermaßen gesund und fröhlich halten können?

Zum Zauberwort wird die Epigenetik eben da, wo uns suggeriert werden soll, wir könnten jetzt auf neue und besonders pfiffige Art der Biologie ein Schnippchen schlagen. Auf der einen Seite stehe in diesem Weltbild dann also "Ich" und auf der anderen Seite meine genetische Ausstattung. Und die könnte ich dann zum Beispiel mit Marathonläufen, mediterraner Kost und Meditation so gezielt verändern, auf dass mir meine Gene nur noch Gutes tun. Und natürlich profitieren dann auch gleich noch meine Kinder und Kindeskinder, denn auch Epigenetik ist erblich! Alles wieder im Griff, nicht wahr? Und wer noch krank wird, ist halt selbst schuld oder hatte zumindest die falschen Eltern. Hätten sich ja anstrengen können, die Schlaffis, um ihre verkorkste Natur aufzupeppen.

Wissenschaftlicher Unfug

Grober wissenschaftlicher Unfug ist das alles, auch wenn der Vertretern der Krankenkassen sehr gefallen dürfte. Da könnte für deren Schatullen viel Geld gespart werden, wenn sich durch die Hintertür einer schräg verstandenen Biologie das Verursacherprinzip einführen ließe. Aber Genetik und Epigenetik stehen sich eben nicht wie Duellanten gegenüber. Sie können nicht gegeneinander ausgespielt werden, ohne einen schweren logischen Fehler zu begehen: Wie soll denn bitteschön ein "Ich" denkbar sein, das seiner eigenen Natur mit freiem Willen gegenüber tritt? Was prägt denn dieses "Ich"? Wie kommt es zustande? In Münchhausenscher Manier wären wir in der Lage, uns am epigenetischen Zopf aus dem Sumpf genetischer Bestimmung zu ziehen.

Der 1985 verstorbene kanadische Hirnforscher Donald Hebb wurde einmal von einem Journalisten gefragt, was einen Menschen denn mehr präge: die genetische Veranlagung oder aber Erziehung, Erfahrung und die sonstigen Einflüsse der Welt, in der wir leben. Hebb war jener Forscher, der entdeckt hatte, dass sich viel genutzte Nervenverbindungen im Gehirn verstärken. Er antwortete schon damals, nach einem Vorrang von Veranlagung oder aber äußeren Einflüssen zu fragen, sei so, als wolle man wissen, was stärker zur Fläche eines Rechtecks beitrage: die Länge oder die Breite.

Die Einsicht, dass "drinnen" und "draußen" eine untrennbare Einheit bilden, ist also wirklich nicht neu, auch wenn sie vielen erst jetzt bewusst wird. Und diese Einsicht bedeutet auch, dass wir zwar nicht die Sklaven unserer Gene sind. Umgekehrt lässt sich aber unsere biologische Natur in ihrer epigenetischen Komplexität nicht einfach unter das Joch unseres Willens zwingen, auch wenn uns das so gut gefallen würde.

Literatur:

  • Feinberg, A. P. & Irizarry, R. A. 2010: Stochastic epigenetic variation as a driving force of development, evolutionary adaptation, and disease. PNAS 107, 1757-1764
  • Keller, E. F. 2010: The sound of distant drumming. New Scientist 207, Nr. 2778 v. 18.9., 28-29
  • Leotti, L. et al. 2010: Born to choose: the origins and value of the need for control. Trends in Cognitive Science (im Druck, online vorab: doi:10.1016/j.tics.2010.08.001)
  • Mathews, H.L. & Janusek, L.W. 2010: Epigenetics and Psychoneuroimmunology: Mechanisms and Models. Brain, Behavior, and Immunity (im Druck, online vorab doi: 10.1016/j.bbi.2010.08.009)
  • Van Speybroeck, L. 2002: From Epigenesis to Epigenetics: The Case of C. H. Waddington. Annals of the New York Academy of Sciences 981, 61-80
  • Zhang, T.-Y. & and Meaney, M. J. 2010: Epigenetics and the Environmental Regulation of the Genome and Its Function. Annual Reviews of Psychology 61, 439-66
Themen in diesem Artikel