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Kopfwelten: Was Banker verdorben macht

Die Zocker und Betrüger, denen die Wirtschaftskrise zur Last gelegt wird, seien Ausnahmen, heißt es aus Banken- und Börsenkreisen oft zur Rechtfertigung des eigenen Standes. Doch wie moralisch sauber kann eine Gruppe tatsächlich sein, die solche verdorbenen Früchte hervorgebracht hat?

Von Frank Ochmann

Wie sich soziale Beeinflussung im Beruf auswirkt, beschäftigt Psychologen

Wie sich soziale Beeinflussung im Beruf auswirkt, beschäftigt Psychologen

Derzeit stellen Banker und Manager gern Entrüstung zur Schau, wenn sie ihre Zunft gegen allerlei Anfeindungen verteidigen: Ja, natürlich gebe es die Zumwinkels und Funkes und noch ein paar andere Schlawiner. Aber die seien eben die sprichwörtlichen "schwarzen Schafe". Nur die hätten rücksichtslos oder gar kriminell gehandelt. Und deshalb dürfe mit den Bösewichten doch nicht gleich wie am Stammtisch eine ganze Branche verurteilt werden.

Sind die Verhältnisse wirklich so einfach? Reicht es, die paar "schwarzen Schafe" auszusondern, um den Anblick einer blütenweißen Herde wiederherzustellen?

Erst einmal ist das Bild falsch. Schon deshalb, weil Schafe nichts dafür können, wenn sie dunkle Wolle statt heller tragen. Wenn dagegen hohle Kreditzertifikate von einem zum anderen verhökert werden, bis Banken reihenweise taumeln und ganzen Volkswirtschaften die Puste ausgeht, ist das kein Schicksal. Dann hat das etwas mit Verhalten und Verantwortung zu tun. Dann geht es um Kompetenz und Charakter, nicht um die Haarfarbe.

Im angloamerikanischen Sprachraum gibt es zwar auch "schwarze Schafe", gebräuchlicher aber ist ein anderes Bild: das vom "bad apple", dem faulen Apfel. Zwar klärt auch das noch nicht den Grad der persönlichen Verantwortung. Wohl aber verdeutlicht das Bild einen anderen wichtigen Umstand, der bei den "schwarzen Schafen" leicht übersehen werden kann: Moralisches Fehlverhalten ist so ansteckend wie die Fäulnis eines verrottenden Apfels. Und das gilt nicht nur für Steuerhinterzieher oder untreue Finanzjongleure. Ganz genau so verhält es sich bei dopenden Sportlern, lügenden Politikern und fälschenden Forschern oder Journalisten.

Wie läuft die soziale Beeinflussung?

Ein Team um die Verhaltensforscherin Francesca Gino von der Kenan-Flagler Business School der University of North Carolina in Chapel Hill hat vor kurzem im Experiment untersucht, welchen Effekt ein verdorbener Apfel haben kann. Verschiedene Wege einer sozialen Beeinflussung anderer sind dabei denkbar.

Wer unehrliches - und ungestraftes - Verhalten um sich herum beobachtet, könnte glauben, dass Betrüger doch nicht so leicht erwischt werden, wie er zuvor vielleicht angenommen hat. Damit ändert sich das "Kosten-Nutzen"-Verhältnis, und Betrug könnte auch für einen verlockend werden, der sich zuvor streng an die geltenden Regeln gehalten hat.

Eine andere und eher unbewusste Form der Beeinflussung ist die Zermürbung - oder Stärkung - der eigenen moralischen Grundsätze durch das beobachtete Verhalten der anderen. Auch solche Effekte sind Psychologen seit längerem bekannt. Damit hängt auch der dritte Einfluss zusammen: Das wahrgenommene Verhalten der anderen und die Reaktion darauf mit Lob oder Strafe lässt uns die geltenden moralischen Grundsätze überhaupt erst lernen und damit zu unseren eigenen machen. Ist es zum Beispiel an der Tagesordnung, Kunden über den Tisch zu ziehen und dafür auch noch Prämien und einen anerkennenden kollegialen Klaps zu kassieren, wird ein Neuling im Geschäft schnell wissen, wie er sich verhalten sollte, um Erfolg zu haben. Erfolg bei den Seinen.

Bei der Übernahme von Verhaltensmustern ist es nämlich nicht egal, wer sich wie verhält. Den stärksten Einfluss auf das Lernen moralischer Regeln üben die Mitglieder der "in-group" aus: meinesgleichen, mein Team, meine Kameraden oder Kollegen. Die "Kosten-Nutzen"-Analyse erwies sich im Experiment dagegen als weit weniger wichtig. Entscheidend ist für uns offenbar die auch unterbewusste Frage: Was tun die anderen aus meiner Gruppe?

Reicht ein einziger "fauler Apfel"?

Kann dann im Extremfall schon ein einziger "fauler Apfel" das Verhalten ins moralisch Fragwürdige umkippen lassen? Die Daten der Forscher deuten in diese Richtung. So etwa in einer eben veröffentlichten Studie unter Leitung des Psychologen Norbert Kerr von der Michigan State University. Dazu wurden beispielsweise in Gruppen Verteilungsspiele durchgeführt, bei denen jeder Proband entweder fair und kooperativ oder aber vor allem auf den eigenen Vorteil aus sein konnte. Bei solchen Spielen haben die Probanden zum Beispiel die Aufgabe, eine bestimmte Summe mit einem oder mehreren Mitspielern zu teilen. Im hier beschriebenen Fall eines "Investmentspiels" konnte jeder einen Teil von fünf Dollar Startkapital auf ein eigenes, geheim gehaltenes Konto einzahlen, den Rest auf ein Gruppenkonto. Was dort zusammenkam, wurde von einer ebenfalls zum Spiel gehörenden Bank verdoppelt und zu gleichen Teilen an alle Teilnehmer ausgezahlt. Worauf die wieder entscheiden mussten, wie viel sie wo investieren wollten. Und so weiter.

Die Experimentatoren manipulierten nun in verschiedenen Durchläufen das Verhalten. Zum Beispiel durch mehr oder weniger viele "faule Äpfel", die sie ohne Wissen der Gruppe einmischten. Schon ein einziger konnte dann reichen, um das zuvor faire Verhalten unter den Probanden deutlich zu verringern. Ist es also wirklich so erstaunlich, wenn durch einige abschreckende Beispiele eine ganze Branche in Verdacht gerät?

Allerdings fanden die Forscher durch Veränderung von zusätzlich ins Spiel eingebrachten Bestrafungsregeln für Fehlverhalten auch eine Antwort auf die Frage, wie sich ethische Normen schützen lassen: Allein die Androhung sozialer Ächtung bis hin zum Ausschluss aus der Gruppe reicht nämlich gewöhnlich zur Abschreckung, auch wenn Faktoren wie die Größe der Gruppe oder der zu einem bestimmten Zeitpunkt bereits erreichte Grad moralischer Zersetzung die Bedeutung einer Strafandrohung verändern konnten.

Damit aber haben zum Beispiel die angeblich so pauschal und zu unrecht an den Pranger gestellten Banker und Manager nun ein simples Mittel zur Hand, um den Rest der Gesellschaft von ihren moralischen Qualitäten zu überzeugen: So schnell wie möglich sollten sie nämlich ihren Kritikern die heilende Kraft der Selbstreinigung demonstrieren. Wer die eigene Glaubwürdigkeit unter Beweis stellen will, muss sich gedanklich und auch räumlich unmissverständlich von denen distanzieren, die nicht gelernt haben, was mit Fairness, Ehrlichkeit und Anstand gemeint ist. Ächtung und Ausschluss sind die Mittel der Wahl. Und sicher sollten sie nicht erst in Betracht gezogen werden, wenn Polizei und Staatsanwaltschaft schon auf den Hof fahren.

Literatur:

Ashkanasy, N. M. et al. 2006: Bad apples in bad barrels revisited: Cognitive moral development, just world beliefs, rewards, and ethical decision making, Business Ethics Quarterly 16, 449-473
Felps, W. et al. 2006: How, when, and why bad apples spoil the barrel: Negative group members and dysfunctional groups. Research in Organizational Behavior 27, 181-230
Gino, F. et al. 2009: Contagion and Differentiation in Unethical Behavior - The Effect of One Bad Apple on the Barrel, Psychological Science 20, 393-398
Kerr, N. L. et al. 2009: "How many bad apples does it take to spoil the whole barrel?": Social Exclusion and Toleration for Bad Apples, Journal of Experimental Social Psychology, doi: 10.1016/j.jesp.2009.02.017