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Kopfwelten: Geld ist eine Droge

Glücklich macht Geld nicht, trotzdem kriegen Menschen nie genug davon. Das zeigt nicht nur die aktuelle Finanzkrise. stern-Redakteur Frank Ochmann erklärt in seiner Kolumne, warum es an der Börse so viele Zocker gibt - und was sie antreibt.

Wir kennen alle die Weisheit, dass Geld nicht glücklich macht. Tatsächlich zeigen etliche Untersuchungen, dass unser seelisches Wohlbefinden - eine materielle Grundsicherung vorausgesetzt - nicht wirklich vom Kontostand abhängt. Wer heute mehr hat als gestern, ist deswegen nicht glücklicher als am Vortag. Das lesen wir, das wissen wir. Warum also jagen wir dem Geld trotzdem nach, als hinge unser Seelenheil davon ab? Warum bevölkern solche Zocker die Börsen und Bankenplätze in Scharen? Und was haben sie eigentlich davon?

Eine erste einfache Antwort: Weil Geld wie Nahrung und Sex ist. Wir sind bereit, eine Menge dafür zu tun. Na klar, denken wir, wer was hat, kann sich was kaufen. Wer Geld so versteht, hält es für ein Mittel zum Zweck. Aber Psychologen wie Stephen Lea und Paul Webley von der Universität von Exeter, die sich intensiv mit dem offenbar unwiderstehlichen Zauber von Münzen, Noten und Konten befasst haben, präsentieren noch eine andere Erklärung: Geld ist eine Droge. Und das ist nicht nur bildlich gemeint, auch wenn es keine Nadel braucht, um auf einen pekuniären Trip zu gehen. Geld sei eine "kognitive Droge" sagen die beiden Briten.

Tatsächlich lässt sich die stimulierende Wirkung des Geldes per Hirnscan beobachten, wie etwa Bonner Forscher vergangenes Jahr zeigen konnten. Geld zu gewinnen kann so lustvoll sein wie ein Orgasmus - oder ein Lob. Die Wirkung ist vom Kopf her durchaus vergleichbar. Daher geht es uns beim Geldverdienen letztlich nicht um Euros, sondern um Stellung und Ansehen. Nicht das Meiste zu haben, ist das erstrebenswerteste Ziel, sondern der Beste zu sein - die Nummer Eins, der am dollsten Geliebte, wenn wir so wollen. Die Lust auf diese Lust ist in uns jedenfalls so stark, dass sie zumindest bei einigen beinahe jedes Risiko wert zu sein scheint.

Es geht um Stellung und Ansehen

Wenn Geld wirklich nicht glücklich macht, wie es seit Jahrhunderten bekräftigt wird, warum benehmen wir uns dann so, als würde es uns eben doch glücklich machen? Das fragte auch der Marketingforscher Aaron Ahuvia von der University of Michigan in Dearborn. Er kam nach Sichtung der Forschungsergebnisse zum Schluss: Weil es dazu dienen kann, den eigenen Status zu erhöhen und Eindruck zu schinden. Und so macht Geld am Ende eben doch glücklich, weil es uns Anerkennung erkaufen kann.

Ist es das, was die Börsen- und Bankenzocker im Grunde wollen? Aus wissenschaftlicher Sicht wäre es plausibel. Wie beim Alkohol gibt es offenbar auch bei der kognitiven Droge Geld und bei der Lust am Status kultivierte Genießer am einen Ende des Spektrums und hemmunglose Schlucker am anderen. Sie waren es, die den Hals nicht voll bekamen, die sich dazu noch gegenseitig stimulierten und so am Ende die gegenwärtige schwere Finanzkrise auslösten. Die muss nun von denen gemanagt werden, deren Verstand noch nicht im Renditerausch ersoffen ist. Für ihre an galoppierender Statussucht leidenden Kollegen aber gibt es wohl nur ein Mittel: kalten Entzug.

Literatur:

Ahuvia, A. 2008: If money doesn't make us happy, why do we act as if it does?, Journal of Economic Psychology 29, 491-507
Coates, J. M. & Herbert, J. 2008: Endogenous steroids and financial risk taking on a London trading floor, PNAS 104, 6167-6172
Fliessbach, K. et al. 2007: Social Comparison Affects Reward-Related Brain Activity in the Human Ventral Striatum, Science 318, 1305-1308
Lea, S. E. G. & Webley, P. 2006: Money as tool, money as drug: The biological psychology of a strong incentive, Behavioral and Brain Sciences 29, 161-209
Kasser, T. & Ahuvia, A. 2002: Materialistic Values and Well-being in Business Students, European Journal of Social Psychology 32, 137-146