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Kopfwelten zu Weihnachten: Höllische Angst zum himmlischen Fest

Weihnachten ist das Fest des Friedens und der göttlichen Liebe. Wissenschaftliche Studien zeigen allerdings, was uns wirklich beeindrucken kann, ist etwas anderes: die Angst vor der Hölle.

Von Frank Ochmann

Zum Weihnachtsfest mit seinem Mix aus warmen Gefühlen und vernebelten Erinnerungen zieht es auch Zeitgenossen vor die christlichen Altäre, die sie sonst keines Blickes würdigen. Die Mehrzahl der Menschen bei uns hat jedenfalls zum Kern des Religiösen und auch der kirchlichen Feste längst keinen inneren Bezug mehr, auch wenn daheim vielleicht noch Jahr für Jahr ein mild lächelndes Püppchen in die Krippe gelegt wird. Für radikale Atheisten ist der Glaube sogar gefährlich. Denn Religion widerspreche der Vernunft, entmündige die Menschen und mache sie - zum Vorteil ihrer geistlichen Hirten - verführbar.

Religion bedeutet Regeln und Bindungen

Doch selbst wenn die Freiheit tatsächlich auf dem Altar des Glaubens geopfert würde: Gibt es denn, ein bisschen ketzerisch gefragt, so etwas wie ein evolutionär verankertes Recht auf Freiheit? Nur weil wir gern frei sind, muss dahinter nicht gleich ein kosmisches Prinzip stehen. Wir leben ja auch gern und möchten gesund sein - trotzdem sterben wir ausnahmslos. Und wer sagt überhaupt, dass eine Gesellschaft dann am stabilsten ist, wenn ihre Mitglieder die größtmögliche persönliche Freiheit genießen? Ist dies aufs Ganze gesehen nicht ähnlich selten auf unserer Erde wie die innere Abkehr vom Religiösen?

Auch wenn es keine allgemein gültige Definition gibt, so steht schon seit der Antike im Zentrum des Verständnisses von "Religion" Regeln und Bindungen - nicht die Freiheit. Und selbst wenn Philosophen oder Theologen hin und wieder einen anderen, freieren Sinn unserer Verehrung der Überwelt entdecken, so hat sich an der bindenden Wirkung des religiösen Glaubens bis heute nichts geändert. Das schließt ja nicht aus, dass solche Bindungen im Einzelfall helfen können, anderen Bindungen - in einer Diktatur zum Beispiel - zu widerstehen. Eine Bindung durch den Glauben aber bleibt in jedem Fall.

Glaube an einen persönlichen Gott beeinflusst stark

Zwei Anthropologen der Universität Oxford konnten das kürzlich bestätigen, als sie sich einen imposanten Datensatz vornahmen. Seit dreißig Jahren schon haben Sozialwissenschaftler aus vielen Ländern der Erde im "World Values Survey" herauszufinden versucht, welche Werte unsere Gesellschaften prägen, wohin sie sich entwickeln, was sie festigt oder aufweicht, wo sie sich gleichen und wo unterscheiden. Diese Daten aus aufwändigen Befragungen also haben Quentin Atkinson und Pierrick Bourrat gefiltert und verglichen, um herauszufinden, welche Bedeutung der religiöse Glaube für das moralische Verhalten in einer Gesellschaft hat.

Einen stärkenden jedenfalls, wie sich zeigte, wobei der Einfluss des Glaubens umso deutlicher hervortrat, je gewichtiger die abgefragten Vergehen gegen geltende Regeln waren. Bei der Frage, ob es immer, manchmal oder nie gerechtfertigt sei, Müll auf einen Rasen statt in einen entsprechenden Eimer zu werfen, waren auch Fromme nachlässiger als bei der moralischen Bewertung von Sex mit Minderjährigen. Und glaubten die Studienteilnehmer an einen persönlichen Gott, ein wirkliches Gegenüber also und nicht nur irgendeine höhere Macht oder eine kosmische "Lebenskraft", dann war der Einfluss solchen Denkens auf das eigene Verhalten besonders stark.

Der Zorn Gottes ist gefürchtet

Natürlich heißt das nicht, Menschen ohne einen religiösen Glauben seien allesamt moralisch verkommen. Die Unterschiede zu ihren frommen Zeitgenossen waren nicht einmal sehr groß. Und doch treten sie unübersehbar hervor. Zudem zeigen frühere Arbeiten und auch Modellrechnungen, wie schon kleine Veränderungen des Sozialverhaltens zum Positiven oder Negativen einen nachhaltigen Einfluss auf den Zusammenhalt einer Gemeinschaft haben können.

Die Daten aus dem "World Values Survey" lassen auch erkennen, welches Detail des Glaubens über alle Kulturen hinweg besonders einflussreich ist. Und dieses Ergebnis deckt sich mit etlichen aus früheren Studien: Es ist vor allem der drohende Zorn Gottes, die Aussicht, für seine Missetaten auf ewig in der Hölle zu schmoren, die glaubende Menschen zu kooperativen und regeltreuen Zeitgenossen macht.

Der liebe Gott kann auch anders

Ein interessantes Detail. Denn es hat sich in der modernen christlichen Theologie eingebürgert, besonders die Freiheit des Menschen zu betonen und nicht weniger die Liebe eines sich aufopfernden, freundlichen Gottes. Aber vielleicht ist ja gerade das der Grund, warum die himmlische Botschaft in unseren Kirchen inzwischen so oft ungehört verhallt. Jedenfalls könnten die genannten Forschungsresultate den Predigern dieser Tage zu denken geben. Verkünden sie - für ihre Zwecke jedenfalls - womöglich den falschen, weil viel zu lieben Gott?

Wundern Sie sich also nicht, wenn es diesmal zu Weihnachten in der Kirche nicht mehr ganz so kuschelig wie in den vergangenen Jahren werden sollte. Vielleicht hat auch Ihr Pfarrer von solchen Forschungsarbeiten gehört. Und vielleicht sagt er Ihnen darum diesmal, dass der Gott, der zum Fest seinen Sohn als lieblich lächelndes Kind ins Stroh legt, auch schon mal ganz anders kann. Daran erinnert zum Beispiel der Verfasser des Hebräerbriefes im Neuen Testament (Hebr 10, 30 f): "Wir kennen doch den, der gesagt hat: Mein ist die Rache, ich werde vergelten … Es ist furchtbar, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen."

Literatur:

  • Alcorta, C. S., & Sosis, R. 2005: Ritual, emotion, and sacred symbols the evolution of religion as an adaptive complex. Human Nature 16, 323-359
  • Atkinson, Q. D. & Bourrat, P. 2011: Beliefs about God, the afterlife and morality support the role of supernatural policing in human cooperation. Evolution and Human Behavior 32, 41- 49
  • Dawkins, R. 2006: The God Delusion. New York, NY: Bantam (deutsch 2007: Der Gotteswahn, Berlin: Ullstein)
  • Johnson, D. D. P. & Krüger, O. 2004: The Good of Wrath: Supernatural Punishment and the Evolution of Cooperation. Political Theology 5, 159-176
  • Johnson, D. D. P. 2005: God's Punishment and Public Goods - A Test of the Supernatural Punishment Hypothesis in 186 World Cultures. Human Nature 16, 410-446
  • McKay, R. et al. 2010: Wrath of God: religious primes and punishment. Proceedings of the Royal Society B, online: doi:10.1098/rspb.2010.2125
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