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Kopfwelten zur Guttenberg-Affäre: "Nur" ein wissenschaftlicher Betrug?

Der Doktortitel ist weg, die Uni Bayreuth spricht davon, dass Guttenbergs Arbeit wissenschaftliche Regeln verletze. Das ist keine Lappalie. Doch warum halten die Deutschen nach wie vor zu ihm?

Ein Brief von Frank Ochmann

Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger,
haben Sie sich das wirklich genau überlegt? Mehr als als 70 Prozent der Deutschen sind Befragungen zufolge der Auffassung, der Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg solle wie selbstverständlich im Amt bleiben. Sicher, er habe Fehler gemacht, aber nun soll es auch gut sein mit der Hetze gegen einen im Grunde doch Guten. Auch das Ergebnis einer Abstimmung der "Bild"-Zeitung ist deutlich: "Ja, wir stehen zu Guttenberg", heißt es am Donnerstag auf der Titelseite.

Dabei hat die Universität mittlerweile deutlich gemacht, dass Guttenbergs Doktorarbeit wissenschaftliche Regeln verletze. Den Titel hat sie daher einkassiert. Der Beschuldigte hatte zuvor die Uni selbst um die Rücknahme seines Doktortitels gebeten, da sie so, wie sie vorliegt und gedruckt wurde, "ordnungsgemäßem wissenschaftlichen Arbeiten" widerspreche. Das ist zweifellos richtig, bleibt in der Allgemeinheit der Formulierung aber weit hinter dem zurück, was in seinem Brief, nicht nur nach meiner Auffassung, tatsächlich eingeräumt werden müsste: wissenschaftlicher Betrug. Nichts weniger.

Doch die Deutschen sind nachsichtig. Er hatte ja schließlich auch viel zu tun in dieser Zeit: Seine Frau wollte ihn doch sicher auch mal sehen, wenigstens am Wochenende. Die Kinder brauchten den Vater. Zudem fordert die politische Karriereplanung viel Zeit und Strategie, und, als wäre das nicht alles schon genug, stürmt dann auf einen Adeligen noch alles ein, was an gesellschaftlichen Verpflichtungen bei einem Geschlecht wie dem der Guttenbergs offenbar unvermeidlich ist. Und er will ihm dann tatsächlich noch einer vorhalten, er habe keine astreine Dissertation abgegeben?

Ich werde an dieser Stelle einmal offen lassen, warum Guttenberg sie überhaupt abgegeben hat. Dass er die Doktorarbeit nicht wirklich ernst nimmt, macht seine Reaktion in diesen Tagen überaus deutlich. Erst verteidigte er sie mit dem Brustton der Entrüstung. Wenige Tage später aber stellt er offenbar selbst fest, dass seine Verteidigung zusammengebrochen ist. Und dann glaubt er tatsächlich, er könne den Doktortitel zurückgeben wie eine teure Armbanduhr oder einen Sportwagen. Wie einer, der sich solchen Schnickschnack nach Prüfung seiner Kontoauszüge doch nicht leisten kann. Wie ernsthaft hat denn wohl einer gearbeitet, der das Verfahren der Promotion mit ein paar Zeilen und einem spitzbübischen Lächeln vom Tisch und aus der öffentlichen Debatte zu wischen versucht?

Die Details dieses Skandals sind an anderer Stelle hinreichend ausgebreitet worden, und beinahe stündlich können auf den entsprechenden Internetseiten neue Funde begutachtet werden, die zeigen, wie weit der Grad der Selbstständigkeit reicht, mit dem diese Arbeit offenbar verfasst worden ist. Was mich allerdings fast noch mehr auf die Palme bringt als solche Fakten und das erbärmliche Guttenbergsche "Na, dann eben nicht …" ist Ihre auffallende Milde, liebe Landsleute.

Es ist Ihnen also weit gehend egal, was in solchen wissenschaftlichen Arbeiten zu lesen ist? Es spielt für Sie keine große Rolle, ob das, was dort gedruckt wird, stimmt oder nicht, ob Fehler gemacht werden oder nicht, die Autoren schlampig sind oder nicht, ob betrogen wird oder nicht? Ich will Ihnen jetzt nicht einmal unterstellen, dass es nur das nette, attraktive Auftreten des smarten Barons und seiner Familie ist, das Sie dazu bringt, Ihre moralischen Maßstäbe zu biegen, bis es gefällt.

Bedenken Sie einmal folgendes: Im Jahr 2005 erschien in der wissenschaftlichen Zeitschrift "Nature" eine Studie, in deren Rahmen 3600 Fragebögen an Forscher auf den unteren und mittleren akademischen Stufen verschickt worden sind. Anonym sollten sie angeben, ob sie in einem Katalog von "nicht tolerierbarem Verhalten" eine oder mehrere Fehlleistungen entdeckten, die für sie selber zutrafen. Dabei ging es um glatte Fälschung, fragwürdige Beziehungen zu Studenten oder Probanden, das Weglassen von Ergebnissen, die einem nicht in den Kram passten und auch um Plagiat. Ein Drittel der Forscher bekannte sich dann schuldig, in mindestens einem Fall innerhalb der zurückliegenden drei Jahre die Regeln akademischer Redlichkeit gebrochen zu haben. Es sei an der Zeit, diese Zustände nicht länger zu verharmlosen, mahnten die Autoren der Studie. Offenbar habe sich auf breiter Basis ein Verhalten eingeschlichen, das nicht mehr toleriert werden dürfe.

Was das mit Guttenberg zu tun hat? Es geht schlicht um die Frage, wie sehr wir wissenschaftlichen Ergebnissen überhaupt noch trauen dürfen. Und es geht auch um die Frage, was sie den Studentinnen und Studenten ins Gesicht sagen möchten, die sich gerade jetzt und morgen wieder in unseren Universitäten abrackern. Was möchten Sie denen mitteilen, die noch ein Gefühl dafür haben, was Anstand ist und was wissenschaftliche Verantwortung bedeutet?

Wenn Sie, liebe Landsleute, bei Guttenberg ein Auge zudrücken und, wie es zum Beispiel Straußtochter Monika Hohlmeier in der Talkshow von Anne Will getan hat, diesen Skandal klein zu reden versuchen, weil er ja "nur die Wissenschaft" beträfe, und der Guttenberg doch sonst ein guter Kerl sei, dann lachen sie den Fleißigen und Ehrlichen in den Labors und Instituten ins Gesicht.

Es sind diese ehrlichen Dummerchen und ihre Doktorarbeiten, von denen abhängt, welche Medikamente und Therapien Sie und Ihre Familie bekommen werden, wenn Sie demnächst krank darniederliegen. Es sind ehrliche Forscherinnen und Forscher, von deren sauber erarbeiteten Ergebnissen es abhängt, wie sich die Technik unseres Landes weiter entwickelt und auch unsere Kultur. Vom verantwortlichen akademischen Arbeiten hängt ab, wie wir unseren Platz in der Geschichte finden, die klug wir unsere Wirtschaft lenken, wie wir den Aufbau der Materie oder auch unseres Gehirns verstehen. Und es sind solche Forschungsarbeiten, die uns auch zu begreifen helfen, warum Sie, liebe Mitbürger, im Fall eines Guttenberg Grundsätze aufgeben, die Ihnen doch sonst so wichtig sind, wenn sie Politiker beurteilen.

Denken Sie bitte noch einmal darüber nach, bevor Sie einen verteidigen, der das schon deshalb nicht verdient hat, weil es so viele andere beleidigt.

In der Hoffnung, dass wir so zu einer gemeinsamen Basis finden können, grüßt Sie herzlich

Frank Ochmann