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Konflikte: Raus aus der Streitfalle

Die gleiche Situation, der gleiche Zoff, immer wieder. Mit überraschenden Wendungen lässt sich eingefahrenes Konfliktverhalten oft erfolgreich durchbrechen.

Wo Menschen miteinander leben, entstehen Reibungen. Manchmal sind sie lästig wie ein Schnupfen. Manchmal lassen sie die Seele beben vor Wut und Schmerz. Und manchmal verschaffen sie einem Luft zum Atmen wie ein Gewitter an einem schwülen Sommerabend. Kein Mensch kann ihnen entgehen, egal, wie friedfertig er ist.

Streit ist also etwas ganz Natürliches. Aber er kann das Wohlbefinden beeinträchtigen. Besonders, wenn er sich immer wieder um dasselbe Thema dreht. Muss der Vater mit der Tochter jeden Abend über die Schlafenszeit debattieren oder die Ehefrau mit dem Ehemann regelmäßig übers Blumengießen, dann ist das wie in einem schlechten Theaterstück. Alle spielen ihre Rolle herunter, und die nächste Aufführung folgt bestimmt.

Wie schön wäre es, wenn in einer derart verfahrenen Lage ein Regisseur auf die Bühne treten würde, der sagt: "Schluss! Aus! Das Stück wird zu langweilig, wir müssen was Neues probieren." Und beim nächsten Mal würden sich die Mitspieler plötzlich ganz anders verhalten als bisher. Überraschend. Unerwartet.

Genau das ist die Methode, mit der Psychologe Bernhard Jacob vom Psychologischen Zentrum Gelnhausen verfahrene Streitigkeiten zu lösen versucht. Jacob kommt als Coach in Unternehmen, um verkrachten Mitarbeitern aus dem Dauerclinch zu helfen. Er berät Eltern, die mit ihren Kindern immer wieder die gleichen Kämpfe austragen, und Paare mit Beziehungsproblemen. Und er versichert: "Viele Alltagsstreitigkeiten lassen sich beheben, wenn man durchschaut hat, welche Rituale und Emotionen hinter ihnen stecken, und sich darum bemüht, diese festgefahrenen Verhaltensweisen abzulegen."

Für stern spezial Gesund leben hat Jacob fünf beispielhafte Konflikte analysiert und Vorschläge entwickelt, wie die Beteiligten das Theaterstück ganz anders beenden lassen können.

Beispiel 1: Die Nachbarin

Frau Meyer arbeitet als Kellnerin. Wenn sie nachts nach Hause kommt, legt sie sich am liebsten aufs Sofa und hört Musik. Sie dreht nicht voll auf, doch dummerweise ist das Mietshaus so hellhörig, dass auch ihre Nachbarn daran teilhaben. Nachbarin eins etwa, die unter Schlafstörungen leidet. Sie klopft an die Wand, sobald die Stereoanlage läuft - Frau Meyer stellt die Musik etwas leiser, aber an Schlaf ist für die Nachbarin auf Stunden nicht zu denken. Dafür regt sie sich viel zu sehr über "die da drüben" auf. Nachbar zwei hat schon mehrfach die Polizei gerufen, wegen nächtlicher Ruhestörung. Die fand die Lautstärke aber in Ordnung. Nachbarin drei ist mit einer Unterschriftenliste herumgegangen. Ziel: Der Vermieter sollte Frau Meyer auffordern, leiser zu werden oder auszuziehen. Fast alle Bewohner haben unterschrieben, die Verwaltung aber hat bislang nicht reagiert.

Was sich hinter dem Konflikt verbirgt:

Auf beiden Seiten haben sich die Emotionen hochgeschaukelt. "Die wollen mich hier rausmobben, dabei bin ich so umgänglich", glaubt Frau Meyer. Die Nachbarn glauben: "Die macht das nur, um uns zu provozieren."

So lässt sich das Ritual aufbrechen:

Zunächst müssen die Gegner dazu übergehen, miteinander zu reden, statt sich übereinander aufzuregen. Frau Meyer kann selbst die Initiative ergreifen: Sie klingelt bei Nachbarin eins und schlägt ihr vor, für zwei Stunden Wohnungen zu tauschen. Damit sie erleben kann, wie stark ihre Musik in der Nachbarwohnung zu hören ist; Nachbarin eins merkt dann, dass Frau Meyer ihre Anlage gar nicht so sehr aufdreht, wie sie immer dachte. Selbstverständlich können auch die Nachbarn mit dieser Idee an Frau Meyer herantreten. Die Hausgemeinschaft hat noch eine überraschende andere Möglichkeit: Warum nicht Geld sammeln und Frau Meyer einen drahtlosen Kopfhörer schenken, mit dem sie so laut Musik spielen kann, wie sie möchte.

Sind die Nachbarn aufeinander zugegangen, folgt Schritt zwei: Alle zusammen erarbeiten eine Lärm-Hausordnung. Wer muss wann wie leise sein, im Gegenzug aber auch: Zu welchen Zeiten müssen sich die Bewohner damit abfinden, dass andere laut sind? Alle sollten dabei erkennen, dass da, wo Menschen, die nahe beieinander wohnen, immer mal einer dem anderen auf die Nerven fallen wird und man deshalb einen Kompromiss finden muss. Anschließend organisiert die Hausgemeinschaft ein Fest im Hof, um den neuen Frieden zu besiegeln. Und um endlich mal gemeinsam Musik zu hören.

Beispiel 2: Die Familienfeier

Egal, ob Weihnachtsfest oder goldene Hochzeit - wenn die Familie zusammensitzt, fängt Opa an zu schimpfen. Wie faul die heutige Jugend sei: "Geld vom Staat kassieren, aber nix arbeiten!", ruft er. Sein Enkel, Pädagogikstudent, bekommt rote Flecken im Gesicht vor Ärger, hält mit Lehrstellenmangel, Perspektivlosigkeit und zerrütteten Familienverhältnissen dagegen. Opa wischt alles beiseite. Beide fühlen sich im Recht, ein Streit ist unausweichlich. Oma ringt mit den Händen, Mutter beschäftigt sich ungewöhnlich lange in der Küche, und Vater verschwindet im Hobbykeller. Kein feierlicher Ausklang des Tages.

Was sich hinter dem Konflikt verbirgt:

Hier findet ein Machtkampf zwischen Angehörigen zweier Generationen statt. Da stoßen Gefühlswelten aufeinander. Und das, was Psychologen kulturelle Unterschiede nennen. Denn der Enkel blickt aus einer anderen Perspektive auf die Situation junger Menschen als sein Großvater. Er kennt viele Jugendliche persönlich, weiß um ihre Schicksale. Der Opa liest Meldungen über arbeitsscheue Jugendliche in der Zeitung, sieht bettelnde Punks auf der Straße - und bastelt sich daraus seine Meinung. Wer hat Recht? Jeder ein bisschen, nur würde das keiner freiwillig zugeben.

So lässt sich das Ritual aufbrechen:

Noch bevor Opa ansetzt zum Die-Jugend-ist-so-verkommen-Vortrag, klopft der Enkel ans Weinglas und sagt: "Bitte herhören! Opa hält gleich eine Rede, zehn Minuten Kritik an der heutigen Jugend. Opa, du hast das Wort!" Mit diesem Angebot hat Opa nicht gerechnet. Wahrscheinlich verzichtet er freiwillig auf seinen Redebeitrag - jetzt und in Zukunft.

Wenn die beiden sich - abgesehen von ihrem Dauerstreitthema - gut verstehen, kann der Enkel auch anregen, die Rollen zu tauschen. Jeder trägt die Argumente seines Kontrahenten vor. Der Enkel zählt auf, was auch ihn an jungen Leuten stört. Der Opa dagegen lobt einige ihrer Eigenschaften. Das ist für alle Beteiligten eine angenehme Abwechslung. Außerdem lernen Opa wie Enkel, die Sicht des anderen einzunehmen. Denn vermutlich haben sie dessen Argumente bislang kaum zur Kenntnis genommen.

Beispiel 3: Die Konferenz

Sitzungen, an denen Kollege Müller teilnimmt, sind die Hölle. Egal, wer welche Idee vorträgt - Müller findet garantiert einen Grund, den Vorschlag und seinen Erfinder runterzumachen. Häufig lassen sich die Vorgesetzten von Müllers negativer Haltung beeinflussen. Anregungen, die zunächst alle gut fanden (bis auf Müller), werden zerredet, am Ende der Konferenz gehen alle unzufrieden auseinander. Da Müller in der Firma unbeliebt ist, hat sich bisher noch niemand aus dem Team gefunden, der mit ihm über seine destruktive Haltung in Ruhe gesprochen hat. Er ist ein Außenseiter, der die Stimmung in der ganzen Abteilung vergiftet.

Was sich hinter dem Konflikt verbirgt:

Jeder im Team hat eine festgeschriebene Rolle, Herr Müller die des Spielverderbers. Möglicherweise ist das einigen Beteiligten sogar ganz recht. Den Vorgesetzten zum Beispiel, weil Müller ihnen eine unangenehme Aufgabe abnimmt: Vorschläge zu kritisieren oder gar abzulehnen. Sie können sich hinter seinem destruktiven Verhalten prima verstecken. Allerdings blockiert Müller die Kreativität seiner Kollegen, deshalb haben diese ein Interesse, ihn aus seiner Miesmacherecke zu vertreiben.

So lässt sich das Ritual aufbrechen:

Die Kollegen gehen offensiv mit Müllers Verhalten um, statt wie bisher nur darauf zu reagieren. Hat einer seinen Redebeitrag abgeschlossen, spricht er Müller direkt an: "Herr Kollege, ich bin gespannt, welche Kritikpunkte Ihnen zu meinem Vortrag einfallen. Lassen Sie sie uns hören!" Nun ist Müller im Zugzwang, und das wird ihn aus dem Konzept bringen.

Alternativ beschließen alle Mitarbeiter, Müllers Rolle umzubewerten. Sie betrachten ihn nicht mehr als notorischen Bremser, sie danken ihm vielmehr dafür, dass er einen anderen Blickwinkel einnimmt. Das machen sie auch deutlich: "Herr Kollege", sagt ein Konferenzteilnehmer zu ihm, "wir hoffen, dass Sie den Prozess auch diesmal kritisch begleiten. Ihre Hinweise sind sehr wertvoll für uns." Das ist gar nicht ironisch gemeint. Das Team wird in den nächsten Monaten merken, dass Müller mit seinen Einwänden nicht immer total danebenliegt. Häufig ist es ja tatsächlich sinnvoll, frühzeitig Argumente gegen ein neues Projekt zu berücksichtigen. Gelegentlich lassen sich dadurch Fehler vermeiden. Wenn das Team erkennt, dass es aus Müllers Auftreten auch Vorteile ziehen kann, wird es mit ihm viel gelassener umgehen.

Beispiel 4: Die Hausaufgaben

In den Ferien verstehen sich die Eltern mit ihrem achtjährigen Sohn wunderbar. Aber in der Schulzeit gibt es fast jeden Nachmittag Geschrei und Tränen - wegen der Hausaufgaben. Jonas möchte sie am liebsten gar nicht erledigen, auf keinen Fall dann, wenn seine Eltern das erwarten. Er will weiterspielen, und die Eltern entgegnen: "Das kannst du doch in der nächsten Lernpause tun." Jonas nölt, die Eltern drohen: "Du setzt dich jetzt an den Tisch, sonst gibt's heute Abend kein Fernsehen!" Hat er die ersten Aufgaben widerwillig erledigt, wiederholt sich das Spiel.

Was hinter dem Konflikt steckt:

Eltern und Sohn haben bisher keine eindeutigen Spielregeln vereinbart, wie und wann Hausaufgaben gemacht werden. Wenn die Eltern keine Diskussion darüber aufkommen ließen, sondern ihn Kraft ihrer Autorität zur Arbeit zwingen würden, gäbe es diesen Streit nicht. Ihr Dilemma: Sie wollen ihn nicht zwingen, sie möchten, dass er einsieht, warum er lernen muss. Gleichzeitig trauen sie ihm so viel Vernunft nicht zu.

So lässt sich das Ritual aufbrechen:

Erklärt Jonas wieder, er habe keine Lust zu lernen, antworten die Eltern freundlich: "Ist in Ordnung, Schule ist sowieso doof. Wir verbrennen deine blöden Hefte, dann hast du deine Ruhe." Jonas wird große Augen bekommen und sagen: "Nein, das darf man nicht, dann kriege ich Ärger in der Schule!" Schon sind die Rollen getauscht; er selbst formuliert, wie wichtig das Lernen ist. Anschließend können die Eltern ihm anbieten: "Gut, dann kümmerst du dich um deine Aufgaben. Wenn du Probleme hast, helfen wir dir gern." Entscheidend ist, dass die Erwachsenen ihrer Linie treu bleiben. Sie übergeben ihm Verantwortung. Wie er damit umgeht, darf er selbst entscheiden.

Diese Einstellung empfiehlt sich auch, wenn diskutiert wird, ob ein Kind zum Nachhilfeunterricht gehen soll. In einem solchen Fall ist es geschickt zu fragen: "Denkst du, es lohnt sich, wenn wir dir Nachhilfe bezahlen? Oder ist das rausgeschmissenes Geld?" Und: "Wie viel Geld steuerst du selbst dazu bei?" So erkennt das Kind: Ich muss nicht zur Nachhilfe, ich darf. Also hat es keinen Sinn, mit ihnen darüber zu streiten, ob ich diesmal hingehe oder nicht. Denn nicht sie wollen, dass ich das tue, sondern ich selbst.

Beispiel 5: Das Paar-Frühstück

Samstagvormittag. Sie hat Brötchen geholt, handgemahlenen Espresso zubereitet, Obst geschnipselt. Beide frühstücken ausgiebig miteinander. Anschließend verschwindet sie im Bad und denkt: Ich habe mich um das Frühstück gekümmert, also wird er jetzt Tisch und Küche säubern. Sie kommt aus dem Bad, und was hat er getan? Nichts. Er sitzt am Tisch und liest. Sie trägt geräuschvoll das Geschirr ab. Er liest unbeirrt weiter. Den Rest des Tages über ist sie gereizt. Als er sie darauf anspricht, platzt es aus ihr heraus: all die angestauten Vorwürfe darüber, wie ungerecht die Aufgaben zwischen ihnen verteilt sind. Er bringt die gleichen Argumente vor wie letzten und vorletzten Samstag: Gern würde er seinen Teil der Hausarbeit erledigen, wenn sie ihn nur selbst entscheiden ließe, wann. Das Frühstück sei das beste Beispiel. Er räume es ab, sobald ihm das in den Kram passe, nicht auf ihren Befehl hin.

Was hinter dem Konflikt steckt:

Wie bei vielen Auseinandersetzungen geht es hier nur scheinbar um sachliche Themen: Ein Tisch muss abgeräumt werden. Tatsächlich aber geht es um Gefühle und um Macht. Wer bestimmt in unserer Beziehung die Spielregeln? Wer setzt sich durch?

So lässt sich das Ritual aufbrechen:

Die Frau sollte raus aus ihrer Rolle als Nörglerin, sonst geht das Spiel ewig so weiter - sie greift an, und er verteidigt sich. Also verwendet sie am nächsten Samstag nicht die üblichen Formulierungen wie "Immer muss ich", sondern sie verschwindet im Bad und sagt vorher cool zu ihm: "Bleibe doch bitte auch heute deiner alten Rolle als Pascha treu. Leg die Füße auf den Tisch, lies gemütlich Zeitung. Wenn ich im Bad fertig bin, kümmere ich mich um den Haushalt." Damit stößt sie eine Diskussion über die Aufgabenverteilung im Haushalt an, aber diesmal eine, die er noch nicht kennt. Er wird perplex sein und sich eher auf ein Gespräch einlassen, als wenn sie ihm mit den alten Vorwürfen käme. Jetzt hat sie Gelegenheit, das Thema Haushalt mit ihm neu zu regeln. Die beiden müssen verbindlich aushandeln, wer wofür zuständig ist.

Hält er sich dennoch nicht daran, kann eine drastische Maßnahme helfen: Sie spannt ein Tischtennisnetz über den Esstisch und erklärt ihm, dass ab jetzt jeder seine Seite nach eigenem Geschmack gestalten dürfe - abräumen und wischen oder gebrauchtes Geschirr aufschichten. Das Netz sieht so lächerlich aus, dass vermutlich beide Partner bald das Bedürfnis haben, eine elegantere Lösung zu finden. Bei einem klärenden Gespräch kommt es dann darauf an, ganz bewusst die Sachebene zu verlassen. Sie könnte ihre eigenen Gefühle ins Spiel bringen, allerdings ohne Vorwurf in der Stimme! Etwa so: "Ich wünsche mir, dass wir die Hausarbeit gerecht verteilen. Ich bitte dich, mein Anliegen ernst zu nehmen, es ist mir wirklich wichtig." So hat er nicht den Eindruck, von ihr angegriffen zu werden, und kann ihr ohne Gesichtsverlust entgegenkommen.

Sigrun Albert / print
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