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Krebs-Erkrankungen: Bangen, kämpfen, hoffen

Krebs gehört weiter zum Bedrohlichsten, was einem Menschen zustoßen kann. Für viele folgt heute dennoch auf die Diagnose nicht mehr der baldige Tod - sondern ein neuer Anfang. Wie Menschen die Krankheit meistern und wieder Kraft schöpfen.

Sie war erst zwölf, als es sie traf. Rechts am großen Zeh musste operiert werden. Dann gleich noch ein zweites Mal, weil zuvor nicht tief genug "ins Gesunde" geschnitten worden war, wie ein Chirurg bei der Kontrolle feststellte. Seine Patientin aber sorgte sich wenig, bekam kaum mit, um was es ging. Vielmehr ärgerte sie sich. "Die Bedrohung habe ich damals nicht gesehen. Jungs waren so viel interessanter als Kranksein. Doch ich war pummelig, wirklich keine Schönheit. Und dann auch noch das!" Angst hatte sie davor, dass einer den verkürzten und um sein Nagelbett gebrachten Zeh sehen könnte, nicht vor dem Krebs, der den Knochen befallen hatte.

Doch die Krankheit ließ sie nicht mehr los. Auf die erste "Episode" folgte eine weitere. Wieder begann es im Knochen, diesmal im rechten Oberarm. Da war sie 20 und wollte Krankenschwester auf einer Kinderstation werden. Unbedingt. "Mir kam auch da nicht in den Sinn, dass ich am Krebs sterben könnte. Ich habe mir gesagt, du machst diese Ausbildung, und du machst sie fertig." Ein Knochenstück wurde aus dem Arm herausoperiert und durch einen speziellen Zement ersetzt. Die Ausbildung nahm sie schon nach wenigen Wochen wieder auf und bestand die Prüfung mit "sehr gut". Hatte sie sich das nicht vorgenommen? Zwei Jahre später sollte in einer weiteren OP echter Knochen an Stelle des künstlichen gesetzt werden. "Und da dachte sich der Tumor wohl: 'Ach, ich komme noch einmal vorbei …'"

Ein erfolgreicher Übergang

Andrea Hahne gehört zu einer wachsenden Schar von Menschen, für die eine Krebsdiagnose kein Todesurteil ohne langen Aufschub bedeutete, sondern den Beginn eines zwar schmerzvollen und kräftezehrenden, dann aber doch erfolgreichen Übergangs in ein anderes, ein neues Leben. Aufs Ganze gerechnet schafft das inzwischen etwa die Hälfte der rund 430.000 neuen Krebskranken jedes Jahr, mit leichter Überzahl aufseiten der Männer.

Nicht alle der Hunderte von Tumorarten, die bislang medizinisch beschrieben wurden und von Kopf bis Fuß keine Zelle auszulassen scheinen, erlauben allerdings eine gleich günstige Prognose. "Den" Krebs gibt es sowieso nicht. Nicht einmal, wenn ein Tumor bei zwei Menschen an genau gleicher Stelle auftritt. Ein junger Mann, der heute an Hodenkrebs erkrankt, kann sich so gut wie sicher sein, am Ende als geheilt entlassen zu werden. Bekommt es aber einer mit einem kleinzelligen Bronchialkarzinom oder einem Tumor der Bauchspeicheldrüse zu tun, sind die Aussichten noch immer finster. Denn trotz immenser, jahrzehntelanger Forschungsanstrengungen beginnt auch ein aktuelles Lehrbuch noch mit der ernüchternden Feststellung, zwar sei schon mehr über Krebs geschrieben worden, als einer in seiner Lebenszeit lesen könne. Das sichere Wissen über diese "Krankheit des bösen Omens" und "Geißel der Menschheit" aber passe noch immer auf eine Visitenkarte.

Trotzdem hat sich viel getan seit den noch nicht sehr fernen Tagen, als an Chemotherapien und gezielte Bestrahlungen, an Früherkennung im Tomografen und kräfteschonende Schmerzbehandlung noch nicht zu denken war. Modernere Verfahren lenken für Krebskranke die Kurve der Überlebensrate jedenfalls schon seit etwa 30 Jahren stetig nach oben. Längst nicht für alle, aber doch für viele wird somit aus einem einst sicher und schnell zum Tod führenden Schicksalsschlag so etwas wie eine chronische Krankheit. Im besten Fall kommt es gar zu einer "Heilung", von der Mediziner sprechen, wenn fünf Jahre lang alles gut gegangen und kein neuer Tumor aufgetreten ist. Leib und Seele tragen auch dann zumeist schwere, manchmal entstellende Narben davon. Doch solche Menschen haben nicht nur "überlebt". Sie leben.

Als hätte der Krebs seinen eigenen Willen

Zierlich und kein bisschen krank wirkt die heute 42-jährige Andrea Hahne, als sie am Kaffeetisch im niedersächsischen Bad Münder ihre Geschichte erzählt: Ein beinahe lebenslanges Leiden mit genug möglichen Todesursachen, um mindestens drei Menschen ins Grab bringen zu können. Dazu kommt noch ihre erbliche Vorbelastung, kommen all die Tanten und seit einigen Monaten auch ihre Mutter, die der Krebs "reihweg" nicht verschonte. Als hätte er einen eigenen Willen. Als läge er auf Familien wie ein Fluch. "Mir war immer klar, wir sind anders. Bei uns läuft im Körper etwas nicht rund." Kein Wunder, dass sie sich Sorgen macht um ihre allmählich erwachsen werdenden Kinder, zwei Töchter und einen Sohn, für die sie hofft, wenigstens sie möge es nicht treffen.

Der Humor, der ihre Mundwinkel immer wieder einmal spöttisch zucken lässt, verrät die immense Kraft, aus der sie schöpfen kann. Kein Verdienst sei das, wehrt sie ab, sondern ihre Natur. "Überlebende" - "Survivors" heißen sie in der Fachliteratur - sind zwar oft stolz auf das, was sie durchgestanden haben. Als Helden aber fühlen sie sich nicht, denn sie wissen nur zu gut, es musste beides zusammenkommen, die Gunst des Schicksals und ihre eigene Stärke. "Schon als Kind habe ich zu mir selbst gesagt: Ja, du bist traurig. Willst du, dass das so bleibt? Nein? Dann hör auf zu heulen." Glücklich im Unglück, wer so denken kann. Kliniker wissen, dass geborene Optimisten es im Vergleich zu den eher Schwermütigen auch dann noch leichter haben, wenn es richtig hart kommt.

Nachdem Andrea Hahne auch den zweiten Tumor im Armknochen überstanden hatte, da war es doch wirklich genug, oder nicht? So nahm sie an. Und für ihre Verhältnisse rührte sich tatsächlich lange nichts. Doch dann, im Oktober vor drei Jahren, folgte ein weiterer Schlag. Brustkrebs diesmal. "Ich habe dem Arzt allen Ernstes gesagt, er müsse sich irren. Ich hätte doch schon Krebs gehabt."

Ein seelischer Absturz

Die Diagnose aber ist kein Irrtum. Wütend wird sie da und sieht sich als Opfer schreiender Ungerechtigkeit - ohne sagen zu können, wen sie anklagen sollte. Gott? Ihre Eltern, die sie so und nicht anders gezeugt hatten? Den "unzuverlässigen" Körper? Es folgt ein tiefer seelischer Absturz. Die Schuldfrage, die Suche nach einer halbwegs eingrenzbaren Ursache, quält fast alle, die mit Krebs zu kämpfen haben. "Wen Gott liebt, den schlägt er", haben Andrea Hahnes Tanten gesagt, die am Eierstockkrebs erkrankten und daran starben.

Es muss doch Gründe geben! Irgendetwas, das erklärt, warum es einen erwischt hat und einen anderen nicht. Auch Gesunde denken so und denken dabei vor allem an sich. Denn gelingt es etwa, jeden Lungenkrebs ganz bestimmt aufs Rauchen zu schieben, bin ich als Nichtraucher fein raus. Trinke ich keinen Alkohol, bleibt mir auch ein Leberkrebs erspart. Dann kann es mich nicht erwischen!

Doch, leider, es kann. Die Medizin kennt Wahrscheinlichkeiten und Risikofaktoren mit unterschiedlichem Gewicht und nicht selten komplizierten Wechselwirkungen. Nichts in der Welt gibt ihr darum die Möglichkeit vorherzusagen, wen es treffen wird, oder auch nur im Nachhinein schlüssig zu erklären, warum es genau so gekommen ist, wie es kam. Krebs ist ein so komplexes Geschehen, dass zwar zunehmend erhellendere Statistiken erarbeitet werden können. Die genauen Ursachen von Einzelschicksalen aber bleiben so gut wie immer im Dunkeln. Warum der eine Tumor streut und sich ein anderer, der doch ganz ähnlich aussah, "spontan" zurückentwickelt? Keiner weiß es.

Kriegsterminologie gegen den Krebs

Wieder musste Andrea Hahne operiert werden. Brusterhaltend zunächst. Dann folgte eine Chemotherapie mit den üblichen Nebenwirkungen. Mit Haarausfall, Brechattacken und den Ich-kann-nicht-mehr-Momenten, die so gut wie alle durchmachen, deren Tumor noch im letzten Rückzugswinkel vernichtet werden soll. Kriegsterminologie ist typisch im "Kampf gegen Krebs": Wenn nicht die "chemische Keule", dann greifen "Stahl und Strahl" "auf breiter Front" an: Der "Feind" im Körper soll endgültig "besiegt" werden.

Und dabei müssen sich Patienten und Angehörige auch noch darüber klar werden, ob sie in diesem Kampf Ärzte als Verbündete oder als weitere Gegner ansehen wollen. Keineswegs ist die Antwort immer schnell gefunden. Denn wenn es nicht gut zu gehen scheint, liegt das nicht zuerst am Unvermögen der Ärzte? Wäre eine andere Klinik besser gewesen? Hätten wir die Misteltherapie doch versuchen oder gar einen "Geistheiler" um Hilfe bitten sollen?

Manchmal müssen Kranke dann sogar die stärken, die doch eigentlich ihnen helfen sollten. Und das schließt Mediziner mit ein. Mit ihren Patienten einfühlsam zu sprechen - so sagen Psycho-Onkologen, die sich wissenschaftlich mit den seelischen Folgen des Krebses befassen - sei für Ärzte eine ebenso wichtige Aufgabe wie die bestmögliche Behandlung. Dass es keine Krankheiten, sondern nur kranke Menschen gibt, ist seit vielen Jahrzehnten ein geflügeltes Wort in der Medizin. Aber darauf werden Ärzte im Studium selten hinreichend vorbereitet. Nicht auf die Nöte der andern, nicht auf die eigenen. Wohin sollen sie mit ihren Ängsten? Wohin mit dem Frust, wenn sie keine Hoffnung mehr sehen oder im Anfängereifer die Ziele und Erwartungen so hoch gesteckt haben, dass sie nur scheitern können?

Frieden schließen

Egal, wie es ausgeht, es kann eine zuvor kaum vorstellbare Kraft kosten bis zur Einsicht, dass künftig nur noch ein Leben mit dem Krebs möglich ist: Ein Tumor lässt sich zwar häufig therapieren, nie aber aus der eigenen Geschichte tilgen. Andrea Hahne konnte nach jahrzehntelangem Feldzug endlich Frieden schließen. Wenn nicht ohne Krebs, dann eben mit: "Trotz riesiger Narben bin ich in meinem Körper 'angekommen', wie es so schön heißt. Ich mag mich - und wundere mich manchmal selbst darüber."

Es ist allerdings ein weiter Weg dorthin. Nicht alle können ihn gleich schnell gehen, und manche kommen nie an. In jedem Fall lernen bei diesen Schritten hin auf ein neues Leben nicht nur die Patienten. Niemand existiert nur für sich, und darum ist auch niemand nur für sich krank. Familie, Freunde, Arbeitskollegen, sie alle werden von den Schockwellen einer Krebsdiagnose getroffen, die einem der Ihren gestellt wurde. Das verändert Gefühle und Beziehungen, kann traurige Distanz entstehen lassen, wo Nähe war - und umgekehrt. Frauen mit Brustkrebs, die unter anderen Umständen nie zueinandergefunden hätten, entdecken sich plötzlich als Schwestern im Geiste, verbünden sich zu "Mamazonen", bilden "Diplom-Patientinnen" aus und ehren "Busenfreunde" aus der Forschung mit einem ermunternden Preis. Aus einer Krankheit entsteht eine politische Bewegung.

"Brustkrebs ist das weibliche Gegenstück zu Aids bei den Männern", sagt Andrea Hahne, obwohl sie sich selbst im Bild der faustreckenden Aktivistin mit einer rosa Solidaritätsschleife über der amputierten Brust überhaupt nicht wiederfindet. Doch Wissen und Energie verbreiten, das ist auch ihre Sache. So hat sie noch Gesundheitswissenschaften studiert und im nahe gelegenen Brustzentrum von Hameln nun mit Fortune und Sponsorengeldern ein Projekt gestartet, bei dem Frauen von der Diagnose an ihren Bedürfnissen und Wünschen entsprechend begleitet werden. Dass die erste Phase vom Ausbruch der Krankheit bis zum Abschluss der Behandlung nicht nur körperliche, sondern auch schwere seelische Lasten mit sich bringt, leuchtet jedem ein. Dass es aber auch danach, wenn "längst alles wieder gut" ist, noch psychische Nöte geben kann, die nicht von allein verschwinden, ist meist weniger klar. Doch schwere Einbrüche im Leben, wie es Krebsdiagnosen sind, können dauerhaft traumatisieren.

Immer nach vorn

Bis zu einem Drittel der "Survivors" leidet schlimmstenfalls noch nach Jahren an einem "posttraumatischen Stresssyndrom" mit Schlaf- und Gedächtnisstörungen, Konzentrationsschwächen und vielfältigen psychosomatischen Beschwerden. Nicht immer fällt es Medizinern und Psychologen dann leicht, solche Symptome von denen zu unterscheiden, die vielleicht noch vom Tumor selbst oder auch der rabiaten Behandlung herrühren. Es bleibt die Einsicht, dass auch eine "Heilung" Menschen nicht einfach zurück in dasselbe Leben bringt, das sie vor ihrer Erkrankung geführt haben. Weiter geht es nur nach vorn.

Seine Erfahrungen mit anderen zu teilen kann dann helfen. Aber nicht einmal zehn Prozent der Krebskranken finden in Selbsthilfegruppen eine vielleicht auch nur vorübergehende Heimat. Oft, weil es bei ihnen irgendwo in der Lüneburger Heide oder im Bayerischen Wald schlicht keine Gruppen gibt. Das Stadt-Land-Gefälle ist enorm. Oft aber auch, weil so viel Offenheit, auch unter Leidensgenossen, für etliche Menschen nichts ist. Sie wollen ihren eigenen Weg finden, müssen einen eigenen Weg finden, wie Psychologen wissen. Allein womöglich gar, vielleicht so, wie es die vor zwei Jahren verstorbene Dichterin Hilde Domin in einen Fünfzeiler fasste: "Nicht müde werden sondern dem Wunder leise wie einem Vogel die Hand hinhalten."

Und es braucht so viel Energie, um gegen die Müdigkeit anzukommen, die "Fatigue", die Krankheit und Behandlung zusammen wie Zentnergewichte auf einen Menschen laden können. Noch schlimmer wird es, wenn man nicht müde sein darf, weil man doch jung ist oder optimistisch ins Leben schauen sollte. "Sieh es doch mal positiv!" ist einer der schlimmsten Sätze, den man Krebskranken sagen kann.

Wenn Barbara Dussler wieder eine Nacht wach und matt im von Schweiß durchnässten Bettzeug lag, wenn sie die Zimmergenossinnen im Internat mit unaufhörlichem Husten weckte und nicht wusste, wie sie den kommenden Tag überstehen sollte, dann kostete das Versteckspiel fast mehr Kraft als die Krankheit.

Lymphdrüsenkrebs

Auch Barbara war zwölf, als das passierte. "Ich wollte es damals allen recht machen", erzählt die heute 19-Jährige, die vor ihrem Abitur im oberschwäbischen Biberach steht. "Also sagte ich nichts von meinen Beschwerden und trocknete die nachts durchschwitzten Klamotten samt Matratze so heimlich wie möglich am Fenster. 'Das geht vorbei!', wiederholte ich für mich wie eine Beschwörungsformel." Als dann klar war, dass die Symptome nicht einfach vorbeigehen würden, folgte auf eingehende Untersuchungen die Diagnose: "Morbus Hodgkin", ein Lymphdrüsenkrebs, der Metastasen in der Lunge gebildet hatte. So war also auch der Husten zu erklären. "Im Taxi auf dem Weg zur Uniklinik in Ulm habe ich meinen Vater zum ersten Mal weinen sehen."

Die erste Zeit auf einer "normalen" Kinderstation war schrecklich. "Da haben welche vielleicht nur was an den Mandeln, toben um dich herum, und du selbst kannst einfach nicht mehr, hast hohes Fieber und willst nur noch Ruhe." Die Verlegung auf die Kinderkrebsstation empfand Barbara Dussler wie eine Erlösung. Endlich erlaubte sie sich zu sein, wie sie sich schon so lange fühlte. Matt und krank. "Du gehst durch diese Tür und bist in einer völlig anderen Welt. Was draußen wichtig war, hat plötzlich kaum noch Bedeutung."

Den Eindruck, auf einen Schlag ausgegrenzt zu sein, nicht mehr zu den Gesunden zu gehören, zu denen ohne Krebs, teilen viele Tumorpatienten. Dieses Gefühl muss aber durchaus nicht immer belastend sein. Von draußen gesehen mit existenzieller Angst und grässlichen Assoziationen besetzte Krebsstationen können trotz aller Torturen einen Schutzraum bieten, in dem keinem erklärt werden muss, warum jeder Schritt schwerfällt und sich der Magen mal wieder umdreht. Ein Refugium, in dem die Perücke abgenommen werden kann. Ein Rückzugsraum, in dem sich die endlich zugelassene Schwäche sogar zur Kraftquelle wandeln kann.

Ehrlichkeit, bitte!

Kein Theater mehr. Auch nicht von den anderen. Ehrlichkeit ist das, was sich die Kranken sehnlich wünschen. Wenn sie sich an manche Mitschüler erinnert, die sie während ihrer Leidenszeit mit einem beiläufigen "Na, wie geht's?" begrüßten und vielleicht noch ein "Gut siehst du aus!" nachschoben, gerät Barbara Dussler noch heute in Rage. "'Leck mich am Arsch!‘, habe ich oft gedacht. 'Dir ist doch völlig egal, wie es mir geht. Und ich sehe nicht gut aus, sondern beschissen!‘"

Es kann Jahre dauern, bis sich das ändert und die Kraft wieder da ist. Auch bei einer erfolgreichen Behandlung kommt sie manchmal nie ganz zurück. "Ungefähr 30 Prozent meiner Energie habe ich wohl auf Dauer verloren", schätzt Harald Rimmele, der vor zehn Jahren an Schilddrüsenkrebs erkrankte. Er ist heute 46, wohnt in Berlin und arbeitet für die Selbsthilfeorganisation "Ohne Schilddrüse leben", so gut er das kann. Sie sind nur eine kleine Gruppe. Anders als etwa Brustkrebspatientinnen finden Menschen mit vergleichsweise seltenen Erkrankungen nicht so leicht Informationen und Unterstützung von Leidensgenossen. Wer weiß überhaupt, wozu Menschen eine Schilddrüse haben? Spätestens wenn sie wegen eines Tumors entfernt oder bestrahlt werden muss, wird das allerdings klar.

"In die Unterfunktion fahren", heißt es im Jargon, wenn Krebskranke auf eine Behandlung mit radioaktivem Jod vorbereitet werden, dessen Strahlen die wuchernden Zellen in der Schilddrüse abtöten sollen. Hormone bringen die Patienten davor in einen Zustand, der nur mit den dunklen Tiefen einer schweren Depression zu vergleichen ist. Dumpf und antriebslos liegen sie tagelang in ihren Betten, haben kaum Kontakt zu anderen, denn mit dem Jod im Körper "strahlen" sie selbst und sind eine Gefahr für andere. Monate, manchmal Jahre dauert es, bis die Seele aus dem Tal der Therapie wieder aufsteigen kann. Oft bleiben jedoch Reste der "Fatigue" und belasten die Arbeit ebenso wie die Freizeit. Wer abends spätestens um acht kaum noch die Augen aufhalten kann vor Müdigkeit und doch nicht mehr geleistet hat als die anderen um ihn herum, eignet sich nun mal nicht als Stimmungskanone. Und wen interessiert am Tresen denn wirklich, warum das so ist? "Mein soziales Leben hat unter meiner Antriebslosigkeit gewaltig gelitten", sagt Harald Rimmele.

Prüfungen und treue Gefährten

Krebs führt keineswegs zwangsläufig in die Einsamkeit. Doch in solchen Zeiten der Prüfung trennt sich meist die Spreu vom Weizen. Viele haben über ihre Krankheit Freunde verloren oder Menschen, die sie dafür gehalten haben. Aber auch neue gewonnen. Barbara Dussler hat in ihrer Mutter eine beherzte Gefährtin durch alles Elend gefunden. Nun teilen sie auch den Spaß, wenn sie wie im vergangenen Jahr in Biberach gemeinsam in Bernsteins "West Side Story" auf der Bühne stehen. Als Amateure zwar, aber Barbara möchte daraus einen Beruf machen. "Das sind wirklich keine Jungmädchenträume!", wehrt sie ab, bevor auch nur ein Einwand kam. Und dann erzählt sie von der Freundin der Mutter, die eine professionelle Regisseurin ist, und dass sie von ihr schon viel über den Mimenalltag gelernt hat. Sie hat genug gesehen, um sich keine Illusionen zu machen, sagt sie, und die Schauspielerei trotzdem noch zu wollen.

Klar denke sie manchmal noch an ihren Krebs, gibt sie zu. Die Angst aber, dass er vielleicht noch tief in ihr irgendwo lauere, die habe sie nicht. Ihr Blick geht hoffnungsvoll in die Zukunft - wenn das Abitur erst einmal geschafft ist. Dass sich ihr Freund von ihrer Krebsgeschichte nicht hat abschrecken lassen, hält sie nicht für selbstverständlich. Andererseits, wie tief ist wohl eine Beziehung, wenn sie an einer Krankheit zerbricht?

Trotzdem ist auch für Lebenspartner nicht immer leicht absehbar, wie man das alles gemeinsam durchstehen kann. Was ist, wenn einer bei allem Mitleid und aller Fürsorge plötzlich das nachvollziehbare Gefühl hat, selbst zu kurz zu kommen? Jeder hat doch nur ein Leben. Was ist, wenn etwa die Sexualität kaum noch eine Rolle spielt, weil nach der Behandlung eines Prostatakrebses keine Erektion mehr möglich ist und eine peinliche Inkontinenz noch erschwerend dazukommt? Und wie attraktiv und begehrenswert darf sich eine Frau denn noch fühlen, die ihre Brust unter dem Skalpell verloren hat?

Genetisches Risiko

Andrea Hahne ist schließlich zu einem plastischen Chirurgen gegangen und hat sich neue Brüste aufbauen lassen. Zwei Brüste, obwohl der Krebs nur auf einer Seite ausgebrochen war. "Ich bin eines Nachts aufgewacht, habe mich im Bett aufgesetzt und zu meinem Mann gesagt, ich will die zweite auch weghaben. Ich war mir ganz sicher. Und er war sofort einverstanden." Denn schon seit einiger Zeit wussten sie, dass Andrea Hahne ein besonderes genetisches Risiko für Brustkrebs trägt. So wuchs die Angst, mit der zweiten Brust könne es bald kommen wie mit der ersten. Das mussten auch die Kinder erst einmal verkraften. "Mamas Brüste wurden abgeschnitten, während die ihrer Töchter eben zu wachsen begannen."

Zwei neue Brüste also. "Das war nicht einfach, als ich dann die ersten Male wieder ins Schwimmbad ging." Anfangs duschte sie noch im Badeanzug. Dann endlich gab sie sich einen Ruck, wagte ihn auszuziehen, wie sie es vor den Amputationen auch getan hatte. "Natürlich gucken die im Duschraum", sagt sie. "Und es sieht bei mir eben nicht aus wie bei anderen Frauen." Irgendwann hat sich eine zu fragen getraut. "Sie nahm an, ich hätte aus Eitelkeit eine Schönheitsoperation machen lassen. Nein, habe ich gesagt, ich hatte Krebs. Und da wurden sie alle ganz still."

Nach dem letzten Krebs erst hatte Andrea Hahne mit dem Schwimmen angefangen. "Ich musste mich irgendwie entspannen. Noch heute brauche ich das." Viele beginnen dann mit Meditation oder autogenem Training, achten auf ihren Atem oder stellen sich vor ihrem geistigen Auge vor, sie säßen am Ufer eines rauschenden Gebirgsbaches. "Versucht habe ich das auch", sagt sie und dreht die Augen hoch. "Aber einfach daliegen und warten, bis irgendwann die Wärme durch mich strömt? Das war nichts für mich." Dann ging sie ins Wasser und entspannte fortan - man hätte es erraten können - beim Brustschwimmen. Mit Begeisterung schwimmt sie, wo immer sie gerade ist. Das Augsburger Stadtbad ist inzwischen zum Favoriten aufgestiegen, "ein wunderschönes Jugendstilbad mit ganz viel Atmosphäre". Sie taucht unter, taucht wieder auf und schaufelt dabei rhythmisch von sich weg, was immer sie bedrängen mag. Zug um Zug wird der Kopf frei.

Zusammen wachsen

Andrea Hahne lag vor fast 20 Jahren wegen ihres Knochenkrebses noch in der Narkose, als ihr Freund zu ihrer Mutter sagte, er werde diese Frau da im Aufwachraum heiraten. Klar hatte "diese Frau" trotzdem Zweifel, ob er es wirklich tun würde. Und wenn er es täte, ob er bei ihr bliebe. Er blieb. Sie seien allmählich in eine Symbiose hineingewachsen, sagt sie heute. "Er ist nicht perfekt, und ich bin es auch nicht." Sie erspart sich das "Aber zusammen …" und strahlt ihn an. Reichlich hatten sie inzwischen Gelegenheit, das partnerschaftliche Zusammenspiel zu erproben. "Es lässt sich gar nicht beschreiben", sagt Gert Hahne mit dem beiden gemeinsamen Humor, "wie schön das ist, wenn man für die Frau gekocht hat und sie es zum ersten Mal nicht wieder auskotzt!"

Auch wer den Krebs erst einmal hinter sich hat, kann nicht sicher sein, ihn eines Tages nicht doch wieder vor sich zu haben. Solche "Rezidive", wie die Ärzte sagen, sind keine Seltenheit, auch wenn die Wahrscheinlichkeit eines weiteren Tumors über die Jahre sinkt. Ein Rückfall ist erst recht möglich, wenn eine wie Andrea Hahne weiß, dass sie ungünstig veranlagt ist.

"Ja", sagt sie, "ich habe mich genetisch testen lassen. Ich bin eine 'Mutantin'. Aber ich bin ebenso ein Phönix aus der Asche. Und darum weiß ich: Auch der nächste Krebs kriegt mich nicht."

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