Künstliche Befruchtung Kann Hoffnung süchtig machen?

Almuth Paeglow wollte Mutter werden, mehr als alles andere. Über ein Dutzend Mal ertrug sie die Prozedur der künstlichen Befruchtung - vergebens. Ihre Seele zerbrach fast daran.

Es ist jedes Mal ein kleiner Tod, wenn die Klinik anruft: "Leider, Frau Paeglow, leider haben wir schlechte Nachrichten." Keine geteilten Eizellen, kein beginnendes Leben im Brutschrank, keine Hoffnung auf eine Schwangerschaft. Für die Arzthelferinnen in der gynäkologischen Abteilung der Uni-Klinik gehören diese Anrufe zur Routine.

Almuth Paeglow verliert mit jeder schlechten Nachricht einen Wettlauf mit der Zeit, den Wettlauf um ihre einzige Hoffnung: ein eigenes Kind. Die Statistik sagt, dass die Wahrscheinlichkeit, dass am Ende ein Baby geboren wird, pro Kinderwunschbehandlung nur 20 Prozent beträgt.

Durchschnittlich die Hälfte der Frauen bleibt trotz medizinischer Hilfe kinderlos. Natürlich denkt kein einziges Paar, dass ausgerechnet sie die Unglücklichen sind, bei denen es nie klappen wird. Sonst würde niemand weitermachen. Schon gar nicht zehn Jahre lang wie Almuth Paeglow.

Sie heiratet Torsten im Mai 1993. Da ist Almuth 32 Jahre alt und unendlich glücklich. Es ist ein Neuanfang. Ihr erster Verlobter starb bei einem Autounfall, da war sie gerade 24. Als sie Torsten kennen lernt, wollen beide das Leben genießen. Beide lieben Sport, sie schmieden gemeinsam Pläne - Torsten hat ein eigenes Fitness-Studio, will viel erreichen in seinem Leben: beruflichen Erfolg, finanzielle Sicherheit. Almuth unterstützt ihn und seine Pläne, eine Handelsvertretung für Textil, später eine Beratung für Kapitalanlagen und Versicherungen mit 20 Mitarbeitern. Natürlich sprechen sie über Kinder. Klar. Sie wollen Kinder. Später. Während ihrer Hochzeitsreise deckt sich Almuth noch mit der Pille ein.

Zurück in Deutschland, setzt sie nach 15 Jahren die Pille ab. Die Frauenärztin sagt ihr noch, dass es jetzt schnell gehen kann mit einer Schwangerschaft. Sie wartet. Nichts passiert. Im September 1993 beginnt sie auf Anraten ihrer Ärztin mit dem Temperaturmessen, jeden Morgen, vor dem Aufstehen. Das wird sie über Jahre so machen. Mit Freunden fahren sie in den Urlaub nach Dänemark - vier der Paare versuchen, ein Kind zu produzieren. Sie nennen ihr Ferienhaus "Das Trainingslager". Es muss viel gelacht worden sein in dieser Zeit. Eines der Babys, die in Dänemark gezeugt werden, ist heute Almuths Patenkind. Ihre Temperaturkurven sind perfekt. Aber sie wird nicht schwanger. Im Sommer 1994 beginnt die Ärztin mit einer Zyklusüberwachung. Almuth wird Blut abgenommen, Ultraschallaufnahmen werden gemacht. Diagnose: eine leichte Eireifungsstörung. Almuth sagt, sie habe da noch gut abschalten können. Auch wenn sie mit ihrem Mann schlafen wollen musste: "Ich habe ihm nicht immer gesagt, dass jetzt meine fruchtbarste Zeit war. Es reichte doch, wenn ich daran dachte." Sex nach Vorgabe der Kurve wird normal, Lust auf Knopfdruck nicht immer: "Man fragt sich schon manchmal, was machst du da eigentlich?"

"Das Spermiogramm Ihres Mannes ist in Ordnung", sagt der Urologe. Schleicht es sich jetzt hinein in Almuths Leben? Das Gefühl, dass da etwas nicht richtig sein kann mit ihrem Körper? Sechs Hormonbehandlungen und eine Bauchspiegelung später ist immer noch nichts passiert. Fragen drängen sich auf: Warum ich? Was ist falsch mit mir? Bin ich keine vollwertige Frau? Die Ärztin verweist Almuth an die Uni-Klinik.

Almuth will sich nicht krank fühlen. Ihr Körper ist topfit, sie achtet auf ihre Ernährung, ist oft an der frischen Luft. Sie und ihr Mann lassen Haare auf Zink und Kupfer untersuchen, das Trinkwasser analysieren. Alles bestens. Was läuft falsch? Die Kurven sind wunderbar, die Eisprünge kann Almuth inzwischen vorhersagen. Aber sie wird nicht schwanger. Im Juni 1996 geht sie zur Uni-Klinik.

Dort gibt es Gewissheit: Das Spermiogramm ist doch nicht in Ordnung. Ihrem Mann fehlt ein wichtiges Eiweiß im Kopfteil der Spermien, dem Hütchen, mit dem der Samen in die Eizelle eindringen kann. Almuth spürt Erleichterung, endlich eine Diagnose. Dagegen gibt es eine Therapie, denkt sie. Schuld wird zwischen den Paeglows nicht thematisiert. Almuth spürt, dass die Diagnose ihren Mann belastet. Er redet nicht darüber.

Die Ärzte erklären ihnen, dass als Behandlungsmethode nur die "ICSI" bleibt, sprich Iksi, die Intracytoplasmatische Spermieninjektion. Im Labor wird ein einzelnes Spermium in die Eizelle injiziert, die der Frau vorher entnommen wurde. Findet eine Befruchtung statt, kann die sich bereits teilende Eizelle nach zwei bis drei Tagen im Brutschrank wieder in die Gebärmutter eingesetzt werden. Das ist dann der Embryotransfer. Die ICSI ist die teuerste Behandlung in der Reproduktionsmedizin. Almuth Paeglow zahlte bis zu 5000 Mark im Jahr 1996, noch zusätzlich zu den Kosten einer normalen In-vitro-Fertilisation, bei der die Eizellen mit den Spermien in einer Petrischale zusammengebracht werden. Die ICSI ist die einzige Chance für die Paeglows. Almuth hat Glück. Sie kann an einer Studie teilnehmen, kostenlos.

Almuths erster Versuch beginnt im September 1996. Sie muss zweimal täglich an die Uni-Klinik, Hormonspritzen abholen, Blut abnehmen. Ihre Venen entzünden sich. Ihr Mann kommt nicht mit. Sein Kinderwunsch ist nicht so groß wie der von Almuth. Er könnte auch prima ohne Kinder auskommen. Für ihn ist wichtig, dass er beruflich weiterkommt. Manchmal hat er so viel zu tun, dass er für Gespräche mit Almuth Termine vereinbaren muss. "Ich tue das alles nur für sie", sagt er. "Nachfühlen kann ich nicht, was sie empfindet. Nur Verständnis haben." Almuth steht unter Stress. Jeden Morgen und Abend hat sie einen Termin in der Klinik. Sie muss ihren Chef in der Diätklinik belügen und auf die Kulanz ihrer Kollegin hoffen, die sie deckt, wenn sie wieder mal zu spät kommt. Eingeweiht hat sie nur ihre beiden älteren Schwestern, sonst niemanden. Nicht ihre Schwiegermutter, die auf den ersten Enkel ihres einzigen Sohnes wartet; nicht ihre Mutter, die ihr immer wieder sagt, wie schön ein Leben ohne Kinder sein kann. Sie will alle mit der positiven Nachricht überraschen: Ich bin schwanger.

Ihr Körper wird erst mit Hormonen in einen Wechseljahreszustand gebracht, dann hormonell wieder hochgepumpt, bis er mehrere Eizellen gleichzeitig produziert. Wenn sie reif sind, kurz vor dem Eisprung, werden sie durch eine Punktion herausgeholt, um dann unter dem Mikroskop befruchtet zu werden. Das ist die medizinische Seite. Im Alltag heißt das: Nichts darf die Entwicklung der Eizellen stören. Also auch kein Sex. "Wozu sind wir überhaupt verheiratet?", brüllt Almuths Ehemann. Er muss in der Klinik "seine Sache abliefern", wie Almuth sagt. Ein langer Flur in der Klinik, ein Plastikbecher, ein einsames Zimmer mit den einschlägigen Zeitschriften - das war es. Das reicht ihm aber nicht. "Das Kind kann doch nicht so wichtig für dich sein, dass du alles andere dafür aufgibst!", empört er sich. Und muss realisieren, dass es genau so ist: Almuth lebt für die Hoffnung auf ein Kind.

Sie liest sich ihr Wissen an, versucht, ihren Körper auf viele Eizellen einzustimmen, horcht in sich hinein, macht weniger Sport. Nur keine falsche Bewegung. Doch es wachsen nur zwei Eizellen. Eine Punktion lohnt nicht. Es reicht für eine Insemination, das Einspritzen des ehemännlichen Samens in ihre Gebärmutter. Mit wenig Aussichten auf Erfolg, denn noch immer sind die Samen ihres Mannes durch das fehlende Eiweiß nicht in der Lage, eine Eizelle zu durchstoßen. Würde etwas passieren, wäre das wie ein Sechser im Lotto. Aber natürlich hofft Almuth auch diesmal wieder, zwei Tage lang nach dem Einspritzen. Es passiert nichts.

Der zweite Versuch beginnt im November 1996. Nach langem Kampf wird er, wie drei weitere Versuche, von der Krankenkasse bezahlt. Wieder wird Almuth mit Hormonen vollgepumpt, die ihren Körper stimulieren, mehr Eizellen zu bilden, am besten drei, vier oder fünf. Ihr Mann hat sich inzwischen beruhigt. Er akzeptiert Almuths Entscheidung, auch wenn er sie nicht versteht. Ihm bleibt auch nicht viel anderes übrig. Sie reden nicht viel, Torsten ist niemand, der viel über Dinge redet. Er ist ein Macher, sagt er von sich selbst. Almuth belastet ihn nicht mit ihrer Behandlung, sie fährt allein in die Klinik und wieder zurück. Torsten fährt hin, wenn er seinen Teil abliefern muss. Diesmal scheint Almuth Glück zu haben. Es sind sechs Follikel gewachsen, Eibläschen, in denen sich je eine Eizelle entwickelt. Es wird eine Punktion geben. Die sechs Follikel halten fünf Eizellen, die befruchtet werden. Es beginnt wieder das Warten, 48 Stunden lang.

Zwei wurden befruchtet. Almuth fährt voller Vorfreude in die Klinik. Sie weiß, dass noch viel schief gehen kann, trotzdem spricht sie von diesen Zellhaufen wie von ihren Kindern. Beim Transfer warnt der Arzt, dass es jetzt schmerze, als er ihre Gebärmutter lang zieht. "Wie Regelschmerzen", sagt Almuth. "Ja, genau so fühlt sich das an", bestätigt der Mediziner, und sie erinnert sich noch, dass alle Schwestern lachen. Wie kann ein Mann wissen, wie sich das anfühlt? Almuth wird diesen Arzt in den nächsten Jahren aufsteigen sehen zum Oberarzt. Nicht immer wird sie von ihm behandelt. Sie geht als Fall durch viele Arzthände. Ihr Mann sagt, in der Klinik käme man sich vor wie eine Nummer: "Eine Hühnerfarm ist das." Almuth meint, dass dort alle sehr viel zu tun haben. Das sei eben so.

Der Arzt kann ihr nur eine befruchtete Eizelle einpflanzen. Nur eine. Da liegt die Chance auf eine chemische Schwangerschaft so niedrig, dass man sie lieber gar nicht aussprechen will. Eine chemische Schwangerschaft heißt, dass der Körper irgendwann einmal Schwangerschaftshormone produziert. Das heißt nicht, dass ein Fötus entsteht oder es gar zu einer Geburt kommen wird. Chemisch schwanger sein ist wie "ein bisschen schwanger sein". Aber die Hoffnung lässt sich nicht auf "ein bisschen" reduzieren.

Es ist Weihnachten 1996, und Almuth Paeglow ist tatsächlich schwanger. Sie spürt es, wenn ihr schwindelig wird auf der Rolltreppe, und sie spürt ein Ziehen in der Brust. Jetzt hofft sie nicht mehr nur, sie glaubt. Glaubt daran, dass es das letzte Weihnachten wird, an dem ihre Schwiegermutter unter dem Tannenbaum weint, weil sie so sehr auf ein Enkelkind hofft. Glaubt, dass es das letzte Weihnachten wird, an dem sie die Kinder ihrer vier Geschwister sieht und sich fragt, wie wohl ihr eigenes Kind einmal aussehen wird. Daher liest sie der Familie einen Brief vor, ein Tagebuch, das die Zweifel, Hoffnungen, das Warten beschreibt während der vergangenen Monate. Ihr Zwillingsbruder hat Tränen in den Augen. Almuth denkt, sie hat es geschafft.

Zwischen Weihnachten und Neujahr sinkt ihr Hormonspiegel. Keiner der Ärzte weiß, was los ist. Auf dem Ultraschallbild ist der Embryonenpunkt nicht mehr zu sehen. Es ist vorbei. "Diesen Tag streiche ich aus meinem Leben", sagt Almuth Paeglow und erzählt, wie sie am 2. Januar 1997 in einem eiskalten Zimmer der Uni-Klinik die zweite Decke über sich gezogen und nur noch geheult hat aus Enttäuschung, Wut und vor Kälte. Vorausgegangen war der Besuch eines 15-köpfigen Ärztekonzils, es wurde auf ihrem Bauch herumgedrückt und über die beste Behandlung beraten. Wie ein Studienobjekt sei sie sich vorgekommen, sagt Almuth.

Um den toten Zellhaufen aus ihrem Körper zu entfernen, aber die Gebärmuter nicht zu beschädigen, wird Almuth eine leichte Zellgifttherapie verabreicht. Ruhe findet Almuth nicht, die Schwangerschaftshormone zeigen sich immer noch. Erst nach vier Wochen bekommt sie den Wochenfluss. Ihr Mann fragt: "Kannst du nicht mich und die Katze als deine Babys annehmen?" Und alles in ihr schreit nur: Nein. Als wollte das Schicksal sie auslachen, stirbt auch noch ihre Katze. "Weder Katze noch Kind, ich wollte nur noch, dass alles zu Ende ist!" Almuth will nie wieder in die Uni-Klinik zurück, sie will ihre Familie nicht sehen, ihre Schwägerin mit dem zwei Monate alten Baby. Den 80. Geburtstag ihres Vaters verbringt Almuth in Teilen heulend auf dem Klo.

Sie sagt, dass nur der Sommer sie aus ihrer Dunkelheit herausgeholt hat. Und ihre neue Katze, Alicia, eine langhaarige Schönheit, Rasse "Heilige Burma", die Almuth an einer langen Schnur vor den Gefahren draußen schützt. Almuths Leben teilt sich jetzt auf in "vor" und "nach" den Versuchen. Den nächsten beginnt sie im November 1997.

Diesmal platzt die Hülle um den kleinen vierzelligen Haufen zu früh, die Ärzte beginnen trotzdem mit dem Transfer. Es klappt nicht. Almuths Kind stirbt. Sie sagt, dass es jedes Mal ein bisschen einfacher geworden ist, damit fertig zu werden. "Ich hätte die Behandlung körperlich alle drei Monate machen können", sagt Almuth. Jedes Mal steht am Ende wieder das Loch, und die einzige Hilfe aus diesem Loch ist ein neuer Versuch. Die Behandlung produziert Hoffnungs-Junkies. "Manchmal fühlt es sich an wie eine Sucht", sagt Almuth. Dann kann sie es kaum erwarten, wieder in die Klinik zu kommen, sich Hormone spritzen zu lassen, nur um dem Gedanken zu entkommen, dem sie sich nicht stellen will: "Es klappt nicht."

Im Februar 1998 steht sie beruflich unter Stress. Ihr Körper reagiert. Sie produziert keine Eizellen mehr. So erklärt sie sich, dass nichts so läuft, wie es soll. Der Versuch wird abgebrochen. Im Juni 1998 steigern die Ärzte die Hormon-Dosis, immer weiter. Eine 150-Milliliter-Ampulle nach der anderen lässt sie sich spritzen. In den Follikeln finden die Ärzte trotzdem keine Eizellen. Ihr Körper streikt. In der Diätklinik wird ihr gekündigt. Fühlt ihr Mann Erleichterung? Auch Almuth funktioniert nicht richtig. Es liegt nicht mehr nur an den fehlgebildeten Spermien. Er sagt, dass zu einer Schwangerschaft immer zwei gehören. Sie beide scheinen nicht zusammenzupassen. Almuth hat auch schon weiter gedacht: "Was, wenn ich den Samen einfach irgendwo anders herholen würde?" Aus einer Samenbank, oder, wie ihre Frauenärztin vorschlug, einfach von einem Nachbarn. Aber eine wirkliche Alternative ist das für Almuth nicht. Denn warum will sie ein Kind? Weil es der endgültige Liebesbeweis ist, weil ein Kind die Verschmelzung der beiden Liebenden zu einem neuen Leben bedeutet. Weil die Liebe dann ein Gesicht bekommt und in die nächste Generation hineinwächst. Almuth weiß, dass sie ihre Liebe verschenkt, wenn ihr Kind einen anderen biologischen Vater hätte. "Wenn du das willst, musst du dich trennen", sagt ihr Mann. Er bittet Almuth immer wieder, dass sie lächeln soll. Er versteht Almuth nicht. Sie kann nicht lachen, sie erträgt manchmal keine Kinder. Sie ist dann ganz allein.

Die Krankenkasse genehmigt nach vier Versuchen keine weiteren ICSI-Behandlungen. Um keine Zeit zu verlieren, nimmt Almuth, was sie kriegen kann: fünf Inseminationen, vom Frühjahr 1998 bis zum Frühjahr 1999. Jedes Mal wieder die Hormonspritzen, Warten, Injektion des Samens, Warten. Ihrer Familie sagt sie, dass sie nicht mehr auf die Kinderwunschbehandlung angesprochen werden will. Die Gespräche sind zur Qual geworden, wenn die Antwort nur heißen kann: "Wieder nichts." Eine Ärztin sagt, dass Almuths Eierstöcke schon acht Jahre älter seien als sie selbst. Solche Sätze sitzen in ihrem Kopf wie ein Pflock. Im Frühjahr 1998 ist Almuth Paeglow 37 Jahre alt geworden. Sie soll schon in den Wechseljahren sein, obwohl sie sagt, dass sie ihren Zyklus noch spüre. Die Ärzte glauben ihr nicht. Erst eine Zyklusüberwachung zeigt das Ergebnis: alles in Ordnung. Noch funktioniert ihr Körper.

Sie macht anderthalb Jahre Pause. Pause von der Hormonbehandlung, vom Krankenhaus. "Obwohl ich die Behandlung immer interessant fand. Ich habe das gerne gemacht", sagt Almuth. Sie kann nicht mehr. Sie will mal wieder einen über den Durst trinken, ohne Temperaturkurve und Hormonspritzen leben. Für ihre Ehe ist es dringend nötig. Keine Vorschriften, keine Angst, dass man zu oft miteinander schläft und sich dadurch Antikörper bilden könnten, dass man zu früh wieder miteinander schläft und dadurch den Embryo nach dem Transfer gefährlich durcheinander schüttelt. Einfach frei sein. Aber Almuth Paeglow ist nicht frei. Ihre Uhr tickt. Und heute sagt sie, dass sie natürlich ausprobieren wollte, ob der meist gehörte Ratschlag nicht doch funktioniert: "Ihr müsst euch nur mal entspannen, dann klappt das schon!" Es gibt sie ja, diese Geschichten. Jahrelanges Abarbeiten - und dann hört man auf und schwupps! ist die Frau schwanger.

Bei Almuth Paeglow passiert in den 18 Monaten nichts. Sie spürt, wenn ihr Eisprung kommt: "Das will ich gar nicht wissen, ich weiß es aber!" Die nächsten ICSI-Versuche müssen sie selber zahlen. Tausende und Tausende von Euros sind das. Almuth sagt: "Ist das etwa unser Kind nicht wert?" Sie arbeitet inzwischen im Fitness-Studio ihres Mannes. Der bleibt oft bis spät in die Nacht im Betrieb. Er möchte sich so vieles noch leisten können. Almuth beginnt den nächsten Versuch im September 2001.

Es ist der sechste. Die zwei Eizellen werden nicht befruchtet. Der siebte Versuch startet im November 2001. Diesmal werden Almuth ganz wenig Hormone gespritzt, sie sei ein "low responder", hört sie. Ihr Körper lässt sich nichts sagen, so könnte man es auch sehen. Er produziert drei Follikel. "Wunderschön", wie die Ärzte kommentieren. Ein Embryo wird transferiert.

Die Hoffnung beginnt wieder. Sie wächst in Almuths Bauch, und Almuth ist überglücklich. Dann kommt die erste Klinikrechnung. Torsten Paeglow flippt aus. Gerade jetzt, wo es finanziell eng ist. Wie soll das gehen? Und wenn ein Kind kommt, dann wird doch alles noch teurer! Für Almuth ist dies eine Katastrophe. Der Mann, der seit mehr als acht Jahren alles mitmacht, der immer treu in die Uni-Klinik trabt und seinen Teil zum Gelingen abliefert, der aber nie ganz verstanden hat, was seine Frau antreibt, der hat sie jetzt allein gelassen. Almuth Paeglow bekommt eine Gürtelrose, und als sie entsetzt zur Ärztin geht und nach den Risiken für ihre Schwangerschaft fragt, sagt diese einfach nur: "Machen Sie sich keine Sorgen, das Kind geht sowieso vorher ab."

Almuth Paeglow verliert ihr Kind im Dezember 2001. Zu Silvester sprechen die Eheleute Paeglow nicht mehr miteinander. "Jede Belastung bringt dich natürlich erst einmal auseinander", sagt Torsten. Sie sind ganz weit auseinander, am Ende des Jahres 2001. Und doch will Almuth über eine Adoption nicht wirklich nachdenken. "Ein Kind soll doch eine Fortsetzung von mir und Torsten sein." Tatsächlich sind sie für eine Adoption inzwischen zu alt, sie mit 41 und er mit 47 Jahren. Zu alt für die Adoption eines deutschen Babys. Die Jugendämter bevorzugen Paare unter 40 Jahren. "Eine Unverschämtheit", findet Torsten Paeglow. Er hat eine Adoption eigentlich abgelehnt. Aber er würde sie unterstützen, "wenn es Almuth glücklich macht". Er sagt noch, dass er laut Fitness-Test den Körper eines 34-Jährigen habe.

Der nächste Versuch beginnt im Februar 2002. Diesmal hat Torsten gefragt, ob Almuth es nicht noch einmal versuchen wolle. Er hat gemerkt, wie sehr sie immer noch hofft. "Ich bin auch nichts ohne meinen Sport", sagt er. "Nur", und dann zögert er, "nur zieht mich mein Sport nicht so runter." Die Ärzte finden eine Eizelle, die sich nicht befruchtet. Es sollte eigentlich das letzte Mal sein, wie schon vorher und davor. Aber Almuth hat noch Medikamente übrig. Ein Arzt fragt sie, ob sie nicht langsam aufgeben will.

Im November 2002 startet Almuth ihren allerallerletzten Versuch. Drei Follikel, keine Befruchtung.

Es ist das Ende. "Man kann nicht weitermachen bis zum finanziellen Ruin", sagt Almuth. Sie ist 41 Jahre alt, und die zehn Jahre ihrer Ehe hat sie versucht, schwanger zu werden. Es ist wie ein Tod. Almuth sagt, schon oft habe sie in ihren Träumen vor einer Babyklappe gestanden und den Frauen, die anscheinend so einfach schwanger wurden, die ungewollten Babys abgenommen. Warum die und ich nicht? Auf der Beerdigung ihrer Mutter hat sie die Enkel gesehen, sieben Jungs und ein Mädchen. Sie hat daran gedacht, dass an ihrem Grab einmal keine Kinder stehen werden.

Vielleicht wäre eine unausweichliche Diagnose einfacher zu akzeptieren. Sie kann keine Kinder bekommen und fertig. Aber in einer Welt, in der Mediziner 60-jährige Frauen schwanger werden lassen, wer glaubt da, dass es bei einer völlig gesunden Vierzigjährigen nicht klappen könnte? "Sei doch froh, dass du deine Ruhe hast!", sagen ihre Freunde, die natürlich alle Kinder haben und darunter leiden, dass sie nicht spontan abends ins Kino gehen können. Almuth möchte nicht spontan ins Kino gehen. "Wir könnten eine perfekte Beziehung leben", sagt ihr Mann. "Ja", sagt Almuth.

Praktische Hilfe

Viele Betroffene tauschen sich in Internetforen aus, die auch Informationen rund um die Kinderwunschbehandlung bereithalten: www.wunschkinder.de, www.klein-putz.de

Der Diplompsychologe Dr. Tewes Wischmann hat das Beratungsnetzwerk Kinderwunsch Deutschland (BkiD) gegründet, das vor allem Frauen Hilfe anbietet, die trotz aller medizinischen Hilfe keine Kinder bekommen können: Telefon: 06221-568137 www.bkid.de, info@bkid.de

Weitere Literatur: Martin Spiewak: Wie weit gehen wir für ein Kind? Im Labyrinth der Fortpflanzungsmedizin, Eichborn Verlag, 22,90 Euro, www.ungewolltekinderlosigkeit.de ist eine Website zu diesem Buch

Im Frühjahr 2003 hätte sie nach dem Rhythmus der vergangenen Jahre eigentlich einen nächsten Versuch starten sollen. Das Leben ist plötzlich leer ohne die Hormonfahrpläne, ohne die Spritzentermine. Ohne das Warten und vor allem ohne die Hoffnung. Almuth beginnt eine Psychotherapie. 33 Stunden lang über 33 Wochen spricht sie mit ihrer Therapeutin, gewinnt Abstand von der Sucht Kinderwunsch. Und Abstand von ihrer Ehe. "Unsere Liebe ist auf der Strecke geblieben", sagt sie. Sie haben sich nichts mehr zu sagen. Es war nie sein Wunsch, Kinder zu bekommen. Der Kinderwunsch war Almuths. Und jetzt, wo ihr Traum zu Ende geht, bleibt dem Ehepaar Paeglow nichts mehr.

"Wir werden uns trennen", sagt Almuth. Sie will ein neues Leben anfangen, einen neuen Job suchen, nach Hamburg ziehen. Manchmal fragt sie sich, warum sie den Schritt nicht vorher gemacht hat. Warum sie nicht doch einfach eine Samenspende ausprobiert hat. Aber es ist, wie es ist. Sie lacht. "Ich habe eine posi- tive Vorahnung für 2004."

Cornelia Fuchs und Christian Schmid (Fotos)

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