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Leben nach dem Tod: Für immer, für ewig

Die Hoffnung auf das nie endende Glück im Jenseits ist so alt wie die Menschheit. Und doch fällt es heute vielen schwer, sich eine Existenz auf der anderen Seite des Todes vorzustellen. Wäre es andererseits nicht schier unerträglich, gar nicht mehr zu sein?

Von Frank Ochmann

Finni ist tot. Nicht einmal drei Jahre alt ist sie geworden. Und nun liegt ihr kleiner Körper beweint und gekühlt im Abschiedsraum der Sternenbrücke. Bis zu fünf Tage kann er hier im Kinderhospiz noch bleiben. In dieser Zeit können Eltern das Unbegreifliche zu begreifen versuchen, Geschwister und Freunde Abschied nehmen. Eine mächtige Gestalt an der Wand mit wallenden goldblonden Locken und ausgebreiteten Schwingen auf dem Rücken hält dem aufgebahrten Mädchen lächelnd die Arme entgegen. "Das Kind öffnete seine Augen ganz und sah in des Engels herrliches, frohes Antlitz hinein", erzählt Hans Christian Andersen in einem seiner Märchen, "und im selben Augenblick befanden sie sich in Gottes Himmel, wo Freude und Glückseligkeit waren. Gott drückte das tote Kind an sein Herz, und da bekam es Schwingen wie der andere Engel und flog Hand in Hand mit ihm."

Wie ein schmuckes Landhotel liegt die Sternenbrücke am grünen Rand von Rissen, einem der Hamburger Elbvororte. Hell und bunt und freundlich ist drinnen alles, auch der Abschiedsraum. Und doch starben hier in den sechs Jahren seit der Gründung schon 70 Kinder. Manche erst wenige Wochen alt, wie die kleine Rahel, die vor Kurzem in einem Weidenkörbchen mit bunten Bändern zu Grabe getragen wurde. Andere, wie die 16-jährige Lea, die sich am Ende noch ein cooles Design für ihre Fingernägel gewünscht hatte, waren schon fast erwachsen. Alle diese Leben endeten "vor der Zeit", wie es manchmal heißt. Als könnten wir je wissen, wann die Zeit gekommen ist. Als könnte es irgendwann einmal nicht zu früh sein.

Hoffnung auf Seligkeit im Jenseits

Ein Wiedersehen, der so innig herbeigesehnte Augenblick, in dem wir die vom Tod Entrissenen noch einmal in die Arme schließen dürfen und in Ewigkeit nicht mehr loslassen müssen, ist die verlockendste und zugleich verzweifeltste Hoffnung, die je Menschen erfasst hat. Sie ist der Kern des Auferstehungsglaubens, auch wenn sich die meisten von uns mit diesem Gedanken heute so schwer tun wie mit allem anderen, was unsere Sinne übersteigt.

Dabei ist die Hoffnung auf ein Überwinden des Todes mindestens so alt wie unsere in Schriften und Skulpturen, Tempeln und Totenriten geronnene Geschichte. Zum imposanten Zeugnis für solchen Glauben ragen die 4500 Jahre alten Pyramiden von Giseh ebenso in den Himmel wie die Minarette der Al-Haram-Moschee von Mekka oder die Türme des Kölner Doms.

Etwa zwei Drittel der Deutschen glauben zwar, es sei besser, über unser Werden und Vergehen nicht zu viel nachzudenken. Über das Jenseits zu grübeln nehme die Freude am Diesseits, fürchten sie. Aber nur 32 Prozent schließen ein Leben nach dem Tod völlig aus. Auch die Jüngeren unterscheiden sich da nicht: 70 Prozent der Befragten im Alter zwischen 9 und 19 Jahren sind der Meinung, nach dem Tod könne nicht alles "aus" sein. Auch der Beruf entscheidet über die Einstellung zum irdischen Ende, wie Soziologen der Universität Hohenheim herausfanden. Unter Bauern etwa, die in den Zyklus von Werden und Vergehen noch eng eingebunden sind, ist die Vorstellung vom Leben nach dem Tod fast eine Selbstverständlichkeit.

Die Romantik hat die Hoffnung auf Seligkeit im Jenseits noch ohne alle Hemmungen ausgekostet: "Die Zukunft - lieblicher Gedanke! - gibt Herz dem Herzen einst zurück, und dort im Auferstehungstranke trinkt Seel in Seel ein ewig Glück." Spätestens wenn der Schauspieler Ben Becker diese honigschweren, fast 200 Jahre alten Zeilen von Lord Byron auf CD oder Bühne über Sphärenklänge hinweg brummt und flüstert, treffen sie auch viele Heutige ins Mark. Es ist ja nur menschlich, wenn uns das Thema Tod packt - und trotzdem auch das Weite suchen lässt. Wenn Jade Goody aus der britischen "Big Brother"-Variante vor der Kamera von ihrem nahen Krebstod erfährt, dann im Scheinwerferlicht leidet und vier Wochen vor dem Ende strahlend und in Weiß heiratet, als wollte sie mit dem Apostel Paulus rufen "Tod, wo ist dein Stachel?", finden das nicht wenige ähnlich abstoßend wie 2005 den qualvoll langsamen und zumindest beinah öffentlichen Tod Papst Johannes Pauls II.

Funkstille aus dem Totenreich

Das Sterben sichtbar zu machen und alle Ängste und Hoffnungen auszuloten, wie es gerade der vom Lungenkrebs gezeichnete Regisseur Christoph Schlingensief mit mittelalterlichem Sinnenrausch in seinem Stück "Mea Culpa" vorführt, halten viele heute für geschmacklos. Doch über die weitaus längste Zeit der Geschichte war es gerade die Verdrängung und Ausgrenzung des Todes, die jede Pietät vermissen ließ. Der Anfang des 18. Jahrhunderts in Frankreich berühmte Prediger Jean- Baptiste Massillon sagte: "Man fürchtet weniger den Tod, wenn man bezüglich seiner Folgen ruhig ist." Welche Folgen also erwarten wir? Worauf dürfen wir noch hoffen am Ende unserer Tage?

Der Amerikaner Thomas Bradford wollte 1921 das ultimative Experiment dazu durchführen: Per Zeitungsanzeige suchte er ein telepathisch und spiritistisch begabtes Medium, das auf Empfang gehen sollte, sobald er aus dem Jenseits berichtete. Eine Frau namens Ruth Doran fand sich schließlich, und Bradford bereitete alles für die finale Expedition vor. Er dichtete das Haus ab und öffnete den Gashahn. Nie wieder allerdings wurde auch nur ein Gedanke von ihm wahrgenommen. Ihrer Berufsehre treu, gab Ruth Doran die deprimierende Funkstille aus dem Totenreich öffentlich zu Protokoll.

An die 50 ähnliche und genauso erfolglose Forschungsversuche soll es weltweit gegeben haben. Nicht mitgerechnet sind die 39 Jünger der Sekte Heaven’s Gate, die sich 1997 mit hoch dosiertem Schlafmitteltrunk aus dem Leben verabschiedeten, weil sie glaubten, ein Raumschiff hinter dem Kometen Hale-Bopp werde sie in ewige Glückseligkeit führen.

Alles können wir uns offenbar vorstellen - insgeheim wenigstens: ein Weiterleben auf einer rein geistigen Ebene in dem, was wir zeitlebens vielleicht an Bildern, Büchern oder Bankkonten geschaffen haben. Die im Tod vollzogene Trennung einer unsterblichen Seele vom vergänglichen Leib bekennen Christen wie Muslime, während das für Juden unvorstellbar ist. Ihrem Schöpfungsglauben zufolge wurde der Mensch, wie alle Tiere, von Gott aus Lehm geformt, dem er das Leben durch die Nase einhauchte: Die tiefe Verbundenheit der gesamten Schöpfung verträgt die Abwertung der Materie nicht. Dass es schließlich gar eine Wiedergeburt im Diesseits gibt, glauben viele Asiaten.

Eine ungeheuerlich schweigende Leere?

Ob vom biblischen Alpha der Schöpfung zum Omega der letzten Tage oder im ewigen kosmischen Kreislauf der Buddhisten - aus der Fantasie, die über den Tod hinausreicht, entstehen Himmel und Höllen, Paradiese und Unterwelten. Elysium und Hades bei den Griechen, Walhall und Hel in der Mythologie der Germanen. Oft ganz ähnlich und in den Details menschlicher Fantasie entsprechend doch schier unerschöpflich scheint das in vielen Jahrtausenden entfaltete Spektrum der Jenseitserwartungen.

Nur eines will uns offenbar nicht in den Kopf, selbst wenn wir mit intellektueller Gelassenheit das Gegenteil vertreten, solange wir dabei noch ein Glas in der Hand halten können: Das unwiderrufliche Ende, das Aus und Vorbei für uns und alle, die wir lieben, übersteigt schlicht die menschlichen Möglichkeiten. Einfach nur nicht zu sein, ist für unser Gehirn so wenig vorstellbar wie eine vierte Dimension. Können wir uns denn ein inneres Bild davon machen, wie es uns vor unserer Geburt erging? Genauso versagt unsere Fantasie eben auch in der anderen Richtung.

Es sei denn, wir machen auch gebrochenen Auges ungefähr so weiter wie bisher. Das können wir uns selbstverständlich vorstellen. Auch wenn es dann glücklicher zugeht, freier zudem, mit ewig blühenden Gärten und süßesten Früchten vielleicht, aber aufs Ganze gesehen eben doch sehr ähnlich dem, was wir schon kennen. Ägyptische Pharaonen zum Beispiel ließen buchstäblich alles, was sie "drüben" zu benötigen glaubten, mit in ihre Gräber oder wenigstens ganz in die Nähe packen. Nicht nur Nahrung, sondern auch Waffen, Streitwagen und ganze Schiffe. Viele andere Kulturen taten es ihnen gleich.

"Ich fürchte, die radikale Unbegreiflichkeit dessen, was mit ewigem Leben gemeint ist, wird verharmlost", kritisierte kein Atheist, sondern der über Jahrzehnte überaus einflussreiche katholische Theologe Karl Rahner 1984, im Jahr seines Todes. Und damit stellt er nicht nur solche heidnischen Traditionen infrage, sondern auch den lange verbreiteten abendländischchristlichen Glauben. Zu sehr sei das alles mit Vertrautem ausstaffiert und viel zu simpel gedacht "als Freude und Friede, als Gastmahl und Jubel und all das". Und was hatte er als Gegenmodell anzubieten? "Eine ungeheuerlich schweigende Leere."

Den intellektuellen Überflieger mag das ja befriedigen, solange er seine Gedanken zusammenhalten kann und der kühle Verstand nicht von heißen Gefühlen oder Demenz überwältigt wird. Buddhisten vielleicht auch, die - bis auf mögliche Wiedergeburten - gar keinen Neubeginn erwarten, sondern das Nirwana, das "Auswehen" und Erlöschen aller diesseitigen Vorstellungen. Doch selbst darin bleibt noch ein unbeschreiblicher und für unseren Verstand nicht greifbarer Rest dessen, was uns hier und jetzt ausmacht. Auch wenn die Worte dafür fehlen, ist selbst das Nirwana nicht einfach nur Vernichtung.

Wunsch, sich im Kosmos aufzulösen

Trotzdem bleibt die Kritik der vernunftbesessenen Aufklärung, bleibt die Kritik sogar derer, die den christlichen Glauben professionell zu formulieren versuchen. Was also dürfen dann, wissenschaftlich beglaubigt, die noch hoffen, die in der Osternacht ihre Kerzen anzünden und die alten Auferstehungshymnen hören? "Dies ist die selige Nacht, in der Christus die Ketten des Todes zerbrach und aus der Tiefe als Sieger emporstieg", jubeln die Engelchöre im "Exsultet" aus dem vierten oder fünften Jahrhundert, das bis heute nicht nur in katholischen Kirchen angestimmt wird. "Wahrhaftig, umsonst wären wir geboren, hätte uns nicht der Erlöser gerettet." Und was bleibt dann denen noch an Erwartung, deren Glaube mit der Osterkerze verlischt und denen sich das unausweichliche irdische Ende wirklich als "schweigende Leere" oder gieriger schwarzer Schlund präsentiert?

"Das ist kein Gedanke, der mir Schrecken einflößt, dass ich ein Teil der Natur bin, dass ich wie ein Blatt herunterfalle und vermodere, und dann wächst der Baum weiter, und das Gras wächst, und die Vögel singen, und ich bin ein Teil des Ganzen", bekannte die 2003 verstorbene Theologin Dorothee Sölle gegen Ende ihres Lebens. Der Wunsch, sich gleichsam im Kosmos aufzulösen, aus dem wir hervorgegangen sind, ist nicht selten. Selten aber äußert er sich so spektakulär wie beim Drogenguru der 1960er Jahre, Timothy Leary, oder bei James Doohan, dem "Scotty" vom Raumschiff "Enterprise", deren Asche auf ihren Wunsch mit einer Rakete ins All geschossen wurde.

Sich in eine lange Reihe von Ahnen einzufügen und in dieser, manchmal feierlich verehrt und beräuchert, auch nach dem Tod fortzuexistieren war den antiken Römern ebenso vertraut, wie es heute noch von vielen Menschen in Asien praktiziert wird. Auch bei uns ist das in einer zusehends entchristlichten Umgebung verbreitet. Viele hoffen, in ihren Kindern weiterzuleben, in Erinnerung und Gedenken. Aber was, wenn die Kinder vor den Eltern sterben? Also lieber gleich wegschauen und das Ende verdrängen? Lieber hinein ins pralle Leben und solange wie möglich am Nichts vorbeifeiern? "Doch alle Lust will Ewigkeit", wusste auch Friedrich Nietzsche, bevor sein Geist im Dämmer versank, "will tiefe, tiefe Ewigkeit!"

"Komme ich denn in den Himmel?"

In der Sternenbrücke braucht es keine gescheiten Philosophen und Theologen, um die Fragen nach unserem Woher, Wohin und Warum zu stellen. Im Kinderhospiz schreien einem die blauen und gelben Wände mit flatternden Schmetterlingen und bunten Blümchen, mit funkelnden Sternen und schillernden Regenbogen entgegen. Ganz leise zumeist werden die uralten Fragen auch von den "Finalkindern" gestellt: "Komme ich denn in den Himmel? Muss ich da allein hin? Und wie ist es da?" Wenn eines der Kleinen im Bettchen oder auf den Fluren draußen Antworten von den Großen sucht, lassen Ärzte das Stethoskop sinken, und Putzhilfen stellen die Eimer weg. In diesem Moment, das wissen sie alle und sind darauf vorbereitet, kann nichts anderes wichtiger sein.

Alle treten wir früher oder später auf unsere eigene "Sternenbrücke", über die der Weg nur in eine Richtung führt. Natürlich wissen wir das, auch wenn es uns vielleicht unruhig macht, ängstlich oder ärgerlich. Vielleicht ist es diese verstörende Gewissheit, so denken Anthropologen, die uns überhaupt erst zu Menschen macht. Keiner anderen Art ergeht es wie uns. Liebe, Freude, Angst und sogar Trauer kennen auch Tiere. Doch nur wir wissen, dass wir dem Sterben mit jedem morgendlichen Aufwachen wieder einen ganzen Tag näher sind. Wo sich aber das Lebensende wie eine mächtige dunkle Mauer vor unserem geistigen Auge erhebt, wird die Frage nach dem Jenseits unausweichlich.

Auch wenn die Zeichen noch ganz undeutlich sind, die aus dem Nebel der Vorgeschichte aufsteigen, wissen wir heute einigermaßen verlässlich, wann und wo diese Frage zum ersten Mal gestellt und vielleicht auch schon ein erstes Mal beantwortet wurde. Wissenschaftler reden vom "symbolischen Verhalten", wenn sie auf Handlungen unserer Vorfahren treffen, die ohne erkennbaren praktischen Nutzen sind. Die also nicht satt machen oder Wunden heilen, zum Sex verführen oder Schutz bieten vor Blitzen und Bären. Warum ritzt einer Kreuze oder Punktmuster in einen Tierknochen und legt ihn zu einem Toten? Warum wendet er sich nicht einfach ab, wenn einer neben ihm leblos zusammensinkt oder nicht mehr aufsteht nach einer durchfrorenen Nacht?

Dass Tote nicht liegengelassen werden, wo sie starben, hat beim Gedanken an Verwesung und lauernde Aasfresser in der Umgebung auch leicht nachvollziehbare weltliche Gründe. Der erste bekannte "Zentralfriedhof " ist eine Grube in der Sierra de Atapuerca nahe der Stadt Burgos in Spanien. Gleich 28 frühmenschliche Skelette des Homo heidelbergensis samt sauber gearbeitetem Faustkeil wurden dicht beieinander entdeckt. Und, so die Forscher, nur die Absicht ihrer Zeitgenossen kann sie vor 400.000 Jahren dort hingebracht haben.

Totenkult der Ahnen

Warum das geschah, können wir heute nur ahnen. Trennte sich damals in der Vorstellung und im vielleicht schon praktizierten Totenkult unserer Ahnen eine unsterbliche Seele vom vergänglichen Leib? So, wie es viele im christlich geprägten Teil der Welt selbst dann noch für selbstverständlich halten, wenn sie den Glauben längst abgelegt haben? Öffnete sich damals zum ersten Mal ein ewiger Himmel?

Spätestens aus einer Zeit vor 100.000 Jahren stammen Zeichen, die keinen Zweifel mehr an ihrer Symbolik lassen und an einem Bezug über das mit natürlichen Sinnen Wahrnehmbare. In südafrikanischen Höhlen wie der von Blombos finden sich diese Artefakte ebenso wie im Gebiet der Levante am Mittelmeer zwischen der Türkei und Ägypten. In diesen Regionen, scheint es, hat der menschliche Geist die schwarze Mauer des Todes zum ersten Mal ganz erklommen.

Dort auch begann er, das Reich dahinter mit seiner Fantasie zu erkunden und schließlich im Diesseits Vorbereitungen für das Jenseits zu treffen. Unsere heute noch lebendigen inneren Bilder von Himmel und Hölle, von lockenden Paradiesen und furchtbaren Unterwelten erhielten dort wohl die ersten groben Konturen. Warum sonst wurden Tote nicht irgendwie beigesetzt, sondern oft in eine zusammengekauerte Haltung gebracht, die an einen Embryo im Mutterleib erinnert? Warum wurden Ziegenhörner und Elfenbeinzähne oder Blumen zu den Leichen gelegt? Warum wurden vor Zehntausenden Jahren Gräber mit Ockerpulver rot gefärbt - wenn nicht aus dem Grund, eine rituelle Brücke in ein Jenseits und zu einem neuen, anderen Leben zu schlagen?

"Der Sarg ist ein zweites Zuhause für mein Kind", sagt ein Vater im Hospiz. "Und ein Zuhause macht man doch schön." Das ist inzwischen eine erprobte Tradition in der Sternenbrücke. Alle, die trauern und die sich in den Tagen, Wochen, Monaten zuvor gesorgt haben, die geholfen haben und mit jedem Atemzug gebangt, sie alle wischen sich die Tränen ab, nehmen die Farbeimer und machen das letzte Zuhause für ihren Liebling schön.

Kann man es aushalten, in solchen Stunden nichts zu tun? Die meisten "frisch verwaisten Eltern", wie sie in der Sternenbrücke heißen, spüren Erleichterung, wenn sie die Särge für ihre Kinder selbst gestalten können. Mit all der Liebe, die mit einem Mal ziellos geworden ist, geht es gemeinsam daran, ihn von außen und auch innen zu verschönern. Fotos werden in den Deckel eingeklebt, Stofftiere neben das Kissen gelegt. Und manchmal muss auch noch ein Versprechen erfüllt werden. "Was ist denn, wenn ich gar nicht tot bin da unten? Was mach ich dann?" Für Ute Nerge, die Gründerin und Leiterin der Sternenbrücke, sind solche Sorgen ihrer Schützlinge an der Tagesordnung. Auch die Frage nach dem Scheintod ist alt. Und furchtbar. Vermeintlich Tote, so glaubten und glauben noch immer viele, könnten ein grausiges Nachleben haben, gefangen im eigenen Grab. Dass Haare und Nägel weiterwachsen, sind noch eher harmlose Vermutungen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Gruseliger ist es, wenn von dumpfen Geräuschen aus der Tiefe und von innen zerkratzten Sargdeckeln erzählt wird. Sogar zu Geburten soll es in Gräbern schon gekommen sein. Auch wenn so gut wie nichts davon wahr ist, dem Schauer können wir uns bei solchen Fantasien auch als Erwachsene kaum entziehen.

Ist der Tod der Aufbruch in ein neues Leben?

Ist der Tod der Aufbruch in ein neues Leben?

Die Angst vor dem Scheintod

"Ich kann doch mein Handy mitnehmen!", fällt der siebenjährigen Anna plötzlich ein. "Und was machst du, wenn der Akku leer ist?", gibt Ute Nerge nüchtern zu bedenken. Ratlosigkeit zuerst. Dann findet sich aber doch noch eine Lösung, die auch schon Zeitgenossen etwa ab dem 18. Jahrhundert beruhigt hatte, als unter den Menschen in Europa mit dem Schwinden des Glaubens in der Zeit nach der Aufklärung die Furcht vor dem Scheintod wuchs. Man wusste sich zu helfen: Ein Glöckchen oben auf dem Grab wurde mit einer Schnur an einem Finger des Bestatteten verbunden. So bestand Aussicht auf Rettung, sollte das Herz doch noch schlagen. Die kleine Anna hat das erprobte Konzept schließlich überzeugen können. Und so bekam sie dann auch die versprochene Glocke, nachdem sie, ein bisschen beruhigt hoffentlich, gestorben war. Geläutet hat sie nicht mehr.

Aber was heißt das? Konnte sie nicht läuten, oder wollte sie es vielleicht gar nicht? Es gibt etliche, die behaupten, die andere Seite des Todes schon gesehen zu haben - und zumeist bedauern sie es, wenn sie durch Wiederbelebungsmaßnahmen noch einmal zurück ins diesseitige Leben geführt wurden. So unbeschreiblich schön war das, was sie erfahren durften.

Nah-Tod-Erfahrungen von Patienten werden in der medizinischen Literatur seit dem 19. Jahrhundert beschrieben. Immerhin bis zu 18 Prozent der Überlebenden eines Herzstillstandes erzählen davon, dass sie selbst ihren Körper von außen beobachten konnten, dass sich in vielen dieser Fälle gleißend helle Tunnelröhren vor ihnen auftaten, durch die sie allmählich nach oben wanderten, und dass dort, auf der anderen Seite, verstorbene Verwandte und Freunde auf sie gewartet hätten. Ist es verwunderlich, wenn solche Zurückgekehrten glauben, sie wären schon im Himmel oder wenigstens an seiner Schwelle gewesen?

Diese Erlebnisse hinterlassen gewöhnlich einen ungeheuer tiefen Eindruck und prägen das weitere Leben. Ein Psychiater der Universität von Virginia in Charlottesville hat sich noch einmal mit Patienten in Verbindung gesetzt, die solche Erfahrungen vor mehr als 20 Jahren gemacht hatten und schon damals untersucht worden waren. Entgegen der Erwartung des Arztes hatte sich über all die Zeit an der Intensität des in der Nähe des Todes Erlebten nichts verändert. Nichts war verblasst, stand mit früheren Aussagen im Widerspruch oder wurde im Nachhinein als weniger wichtig beurteilt. An der Authentizität dieser Erlebnisse und der durchweg als überwältigend positiv empfundenen Gefühle, die für die Betroffenen damit verbunden waren und sind, kann es keinen Zweifel geben, so das Fazit der Studie. Aber ist damit der Himmel bewiesen?

Der Glaube an ein Danach schenkt Kraft

Vielleicht ist das ja auch einfach die falsche Frage. Diesen Menschen zumindest muss nichts bewiesen werden, denn von ihrer Überzeugung kann sie in den meisten Fällen nichts und niemand mehr abbringen. Und was wäre gewonnen, wenn sie anschließend vielleicht dieselbe Angst vor dem Tod wieder hätten, die sie schon überwanden? Und wir? Glauben wir solchen Menschen wirklich eher, wenn wir sie verkabelt und durchgemessen haben? Mit dem Leben nach dem Tod ist es letztlich wie mit der Frage nach Gott - die einen sagen so, die anderen so.

Immerhin das lässt sich wissenschaftlich zeigen: Der Glaube an ein Leben nach dem Tod hat Auswirkungen auf das Leben vor dem Tod. Er hilft Menschen bei der Stressbewältigung, nimmt die Angst vor Krankheiten und lässt sie die besser überstehen, wenn es sie doch erwischt. Und auch wenn es die anderen trifft, schenkt der Glaube an ein Danach Kraft. Wir kommen ohnehin, so oder so, nicht raus aus der einen oder anderen Form des Glaubens. Das ist tatsächlich ein Ergebnis moderner Forschung. Religiös zu sein gehört zu unserer Natur, sagen Wissenschaftler immer häufiger. Und ihre Gewissheit steigt, je tiefer sie in unsere Gehirne eindringen und sie experimentell befragen.

Das beweist am Ende natürlich nur den Glauben, nicht das, was geglaubt wird. Doch spielt das wirklich eine Rolle? Hat es irgendeine Bedeutung für die Eltern in der Sternenbrücke, die - wie es dort üblich ist - mit ihren toten Kindern auf dem Arm in den "Garten der Erinnerung" mit seinen kleinen Gedenksteinen, Kerzen, Fotos und Spielzeugfiguren gehen? Und wie hätte Finnis Mutter mit dem Tod umgehen sollen? Aufgeklärter?

"So, Finni, jetzt sind wir ganz alleine, und ich kann es nicht begreifen, dass du gestern für immer deine Augen geschlossen hast", schreibt sie an ihre tote Tochter. "Ich weiß, was ich gesagt habe zu anderen Menschen: Du bist ein Engel. Aber gestern Abend hatte ich wieder das Gefühl gehabt, dass es noch zu früh war. Aber wann ist der richtige Moment, über die Sternenbrücke zu gehen? Irgendwann werden wir uns wiedersehen. Aber dann kommst du mir entgegengelaufen."

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