Polnisch-russische Grenze Allein unter Schmugglern


Mit Schmuggelgut geht es über die Grenze, werden die Zöllner den Bus filzen? Bettina Bruns kennt den Angstschweiß, der in solchen Momenten entsteht - hat sie doch für ihre Doktorarbeit ein Jahr unter Schmugglern an der polnisch-russischen Grenze verbracht.
Von Thomas Matsche

Bloß nicht auffallen! Das war das Motto von Bettina Bruns. Schließlich wollte sie hautnah miterleben, wie es ist, wenn polnische Schmuggler, im Linienbus nach Russland reisen, sich dort ihre Waren besorgen und am Abend wieder zurück fahren. Im Erfolgsfall mit mehreren Stangen Zigaretten im Gepäck, die zuvor irgendwo im Bus oder am Körper versteckt waren. Bei solchen Aktionen Mäuschen spielen und in Alltagsgesprächen erfahren, worauf es beim Warenschmuggel ankommt, das wollte die Doktorandin erforschen.

Immer wieder hat sie den Menschen vor Ort ihre Rolle klargemacht: Sie ist eine junge, ein bisschen naive Studentin, die für die Uni etwas über die Grenze schreibt. Sie wolle niemanden in die Pfanne hauen oder etwas ausplaudern. Dafür hatte die junge Wissenschaftlerin extra polnisch gepaukt. Das notwendige Vertrauen bei den Menschen zu schaffen, hat Monate gedauert. Und doch wäre die Sache beinahe schief gegangen und wochenlange Arbeit wäre vergeblich gewesen.

Die Angst immer im Nacken

Zu Bruns Informationsgebern zählen nicht nur Schmuggler oder Einwohner des Ortes, sondern auch Grenzbeamte. Besonders mit einem Zöllner hatte sie sich in einer Kneipe nett unterhalten, ihn über seine Arbeit und sein Leben an und mit der Grenze befragt. Und genau jener polnische Grenzer stieg eines Tages für eine Passkontrolle in den Schmuggler-Bus, in dem Bettina Bruns saß - aber auch die Schmuggler, die nicht wussten, wie weit die Verbindungen der Deutschen reichten. "Als er mich erkannte und fragte, wann wir uns mal wieder treffen könnten, da es beim letzten Mal doch so schön war, trat mir der kalte Angstschweiß aus, da ich dachte, dass das Vertrauensverhältnis damit zerstört sei und ich meine Zelte hier abbrechen könne", erinnert sich die zierliche Wissenschaftlerin. Doch es passierte nichts. Bettina Bruns wurde nicht als Verräterin abgestempelt.

Das freundschaftliche Verhältnis wurde noch einmal auf eine harte Probe gestellt, als bei einer anderen Fahrt die russischen Zollbeamten sehr lange und ausführlich die Deutsche und ihren Pass musterten. "Sie konnten einfach nicht verstehen, warum ich mit im Bus saß." Als alle anderen wieder Platz genommen hatten und auch Bruns wieder in den Bus gelassen wurde, kam eine russische Beamtin nochmals herein, um den Pass der "deutschen Frau" erneut zu kontrollieren. In dem Moment waren alle Schmuggler dabei, ihre Zigaretten hinter Gardinen oder in den Sitzen zu verstecken. "Es war ein heilloses Chaos." Die Routine der Grenzkontrolle war durch Bettina Bruns ordentlich durcheinander geraten. Doch es passierte nichts.

Ahnungslosigkeit als Strategie

Im Gegenteil: Viele der Leute freuten sich, dass sich jemand für ihre soziale Lage interessierte, auch wenn die Deutsche nicht bei allen Schmugglern auf volles Verständnis stieß. "Bei meiner ersten Busfahrt setzte ich mich auf den Platz direkt an der Tür. Plötzlich kam eine Frau wutentbrannt auf mich zu und fragte mich, warum ich auf ihrem Platz sitze." In solchen Momenten half ihr wieder ihre Rolle - als junge, ahnungslose Studentin, die die örtlichen Gepflogenheiten nicht kennt und eher beschützt als ausgeschlossen werden sollte.

Schritt für Schritt heran an die Schmuggler

Nachdem viele Einwohner von der Deutschen wussten, kam Bettina Bruns Schritt für Schritt auch an die Schmuggler ran. Bei den Behörden war das um einiges einfacher. Denen reichte ein Schreiben des Doktorvaters, in dem das Forschungsvorhaben beschrieben war. Daten und Interviews erhielt sie problemlos. Zwei Frauen um die 50, die bereits sechs Jahre zum Schmuggeln nach Russland fuhren, konnte Bettina Bruns irgendwann ausfindig machen und auf den Fahrten begleiten. Dazwischen immer wieder Warten und ständig die quälende Frage: Reicht das Datenmaterial aus und sollte man nicht mehr sammeln und mit noch mehr Menschen reden? Geplante Gespräche gestalteten sich schwierig, da einige Interviewpartner mehrmals nicht zum Termin erschienen oder kurz vorher absagten. "Es gab Tage, da war ich schon sehr frustriert und anfangs habe ich oft über einen Ortswechsel nachgedacht."

"Spring-aus-dem-Schuh!"

Anfang nächsten Jahres will Bruns ihre Doktorarbeit abgeben. Noch heute muss sie an die Armut der Leute denken, für die die Einnahmen aus dem Schmuggelgeschäft lebensnotwendig waren. Oft kombinierten die Menschen ihre Schmuggeleinkünfte mit normalen Erwerbseinkommen oder staatlichen Mitteln. "Viele leben von einem Einkommensmix und haben folglich auch kein Problem damit, ihr faktisch illegales Verhalten moralisch zu legitimieren", so Bruns. Die meisten Schmuggler sind gut vernetzt und arbeiten selbstverständlich mit Handys. Man tauscht sich etwa darüber aus, wie welcher Zöllner kontrolliert. Viele Grenzbeamte haben Spitznamen. "Ein ganz besonders fieser Kontrolleur hieß Adolf Hitler." Ein anderer "Spring-aus-dem-Schuh".

Fünf geschmuggelte Stangen sind eine Ordnungswidrigkeit

Die Behörden lassen den Kleinhandel meist zu und konzentrieren sich auf die "großen Fische", die lastwagenweise Zigaretten erst nach Polen und dann nach Deutschland transportieren. Genauere Kontrollen sind an der EU-Außengrenze ohnehin nicht möglich. Und fünf geschmuggelte Zigarettenstangen - erlaubt ist eine - gelten nicht als Straftat, sondern Ordnungswidrigkeit. "So lange das Wohlstandsgefälle zwischen der polnischen Seite und der Region um Kaliningrad besteht, wird es an der Grenze Schmuggel geben, der den Menschen ein Einkommen verspricht", so die Wissenschaftlerin. Nur einmal ist Bettina Bruns aus ihrer Beobachterrolle ausgestiegen. "Aus Gefälligkeit habe ich eine Stange Zigaretten für die Frauen mitgenommen - ganz legal natürlich."


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