Psyche Depression wird zur Volkskrankheit


Enttäuschung, verminderter Antrieb, ständige Selbstzweifel - diese Symptome quälen weltweit immer mehr Menschen. Bei den 15- bis 44-Jährigen ist die Depression schon jetzt eine der häufigsten Krankheiten.

Frustration, Enttäuschung, verminderter Antrieb, ständige Selbstzweifel, Verlust von Selbstvertrauen, Todesgedanken - mit diesen Symptomen quälen sich weltweit derzeit etwa 121 Millionen an Depressionen erkrankte Menschen. Tendenz steigend. "Die Welt ist ein Stück weit komplexer und anspruchsvoller geworden. Auch sind die Menschen gegenüber der Krankheit jetzt aufgeschlossener", erläutert der Psychologieprofessor Martin Hautzinger von der Universität Tübingen. Die diagnostischen Kriterien seien einheitlicher, auch die Therapeutendichte habe zugenommen. Dazu kämen gesellschaftliche Krisensituationen wie Arbeitslosigkeit und soziale Konflikte.

Als einen der Hauptgründe für den Anstieg von Depressionen bezeichnet die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die steigende Lebenserwartung. Und alte Menschen sind besonders von der Krankheit betroffen. Sie müssten zum Beispiel viel häufiger auf Verluste reagieren, wie etwa den Tod des Ehepartners, sagte der Kassler Psychiater und Psychoanalytiker Hartmut Radebold der Ärztezeitung. Zudem "müssen sie damit fertig werden, dass ihre Fähigkeiten nachlassen". Das reiche vom Sehen und Hören bis hin zur Sexualität. Hinzu kämen Kränkungen und Abhängigkeiten, etwa in der Pflege oder Klinik, sowie Krankheiten und Behinderungen. Wenn dann noch viel Zeit zum Nachdenken bleibe, seien Depressionen nahe, hieß es im Blatt.

Schätzungen: Jeder vierte Mensch weltweit

Vor allem wegen der steigenden Lebenserwartung werden nach Schätzungen der WHO schwere Depressionen im Jahr 2020 nach Herzkrankheiten das zweithäufigste Leiden überhaupt sein. Jeder vierte Mensch weltweit werde irgendwann im Leben von einer psychischen Krankheit betroffen sein.

Bei den 15- bis 44-Jährigen sei die Depression bereits jetzt Volkskrankheit Nummer zwei, hatte Franz Resch von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) schon vor einiger Zeit festgestellt. Bereits 20 Prozent der Jugendlichen zwischen 12 und 18 Jahren gerieten in psychische Krisen. Ganz oben auf der Liste stünden dabei Magersucht, Depressionen und Aggressionsstörungen.

Auch bei Kindern möglich

Als "besonders wichtig" sieht es der Lübecker Kinderpsychologe Ulrich Knölker an, dass "man sagt, es gibt so etwas bei Kindern". Früher seien Anzeichen oft "bagatellisiert" worden, teilweise auch noch heute. "Viele Eltern wollen es nicht wahr haben." Häufig würden beide, Kinderarzt und Eltern, dagegen streben.

Beziehungsprobleme der Eltern, Verlust eines Elternteils durch Scheidung oder Tod, Wohnungswechsel, Leistungsdruck und Mobbing in der Schule sind nur ein paar Ursachen, die bei Kindern und Jugendlichen zur Erkrankung führen können. "Kinder sind empfindsamer, reagieren sehr intensiv und emotional auf bestimmte Dinge", sagt Knölker, der eine bessere Schulung der Kinderärzte fordert.

Verstärkte Schulung der Hausärzte nötig

Prof. Hautzinger arbeitet derzeit an einem Projekt, um Hausärzte bei der Behandlung von Erwachsenen fortzubilden. Mit Hilfe eines Fünf-Fragen-Bogens der WHO soll es den Ärzten möglich sein, Depressionen auszuschließen oder wahrscheinlich zu machen. Nach Expertenschätzungen behandeln Hausärzte 70 bis 90 Prozent der Depressiven, aber nur 50 bis 75 Prozent der Fälle mit einerklinischen relevanten Depression werden erkannt. Das liegt auch mit daran, dass Patienten, vor allem Männer, wenig über ihre Probleme reden.

"Doch seit knapp zwei Jahren beobachten Experten eine kleine Trendwende. Es kommen Jahrgänge in die Praxen und Beratungsstellen, die aufgeschlossener für die Behandlung psychischer Probleme sind", sagt Prof. Radebold. Und sein Kollege Hautzinger freut sich, "dass Depressionen in der Öffentlichkeit nicht mehr als Makel, sondern als nicht selbst verschuldete Krankheit angesehen werden".

Susan Mühne, DPA DPA

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