Seele Die Ich-Maschine


Kennen Sie das? Zwei Menschen erinnern sich an dieselbe Begebenheit - und doch ganz anders. In unserem Gredächtnis entstehen unsere Bilder von der Welt - und unsere ganz individuelle Wirklichkeit. Eine Reise in unser Innerstes.
Von Frank Ochmann

Wie die Augen leuchten! Vor der flackernden Kerze auf dem kleinen Kuchen bleibt dem Baby vor Staunen der Mund offen. Und sein buntes Papphütchen findet es zum Quietschen komisch. Der erste Geburtstag! Mama und Papa erzählen noch viele Jahre später davon. Fotos machen dann die Runde. Ihr Sprössling sieht sich selbst, lächelt ein bisschen verlegen - und kann sich an rein gar nichts erinnern.

Am Anfang ist Finsternis. Nur langsam, sehr langsam, dämmert es in unseren Köpfen. Trotzdem bieten wir den Lieben in den ersten Monaten unseres Lebens schon eine gute Show: Wir lächeln und flirten, schreien und quengeln auch, wenn uns was nicht passt. Wir geben uns mal bedürftig, mal selbstbewusst, mal einfach nur zum Knuddeln. So gut wie immer schaffen wir es jedenfalls, alle Aufmerksamkeit auf uns zu lenken.

Unseren Genen sei Dank. Denn zur Grundausstattung des Erbguts gehört erfreulicherweise ein Verhaltensprogramm, das uns Überleben und Wohlergehen auch dann schon sichert, wenn wir noch in völliger Abhängigkeit von den Großen in die Pampers pupsen. Wir werden liebevoll umsorgt und vergelten es mit dem süßesten Lächeln, das unsere Gene hergeben. Denn bewusst ist da noch gar nichts. Wir haben nicht den Hauch einer Ahnung, was wir tun oder wer wir sind.

Massenspeicher unter der Schädeldecke

Unter dem Flaum des Babykopfes fehlt dafür nämlich noch das Wichtigste: das Gedächtnis. Das Langzeitgedächtnis, um genau zu sein. Es dauert nach der Geburt noch eine ganze Weile, bis unser Massenspeicher unter der Schädeldecke anständig zu arbeiten beginnt. Volle drei Jahre braucht es, bis das Gedächtnis in etwa so funktioniert, wie es uns als Erwachsenen selbstverständlich ist.

Etwa zur gleichen Zeit erwacht auch unser Bewusstsein. Kein Zufall. Die Knospen im Kopf sind inzwischen so weit gediehen, dass wir uns selbst zum ersten Mal so wahrnehmen, wie wir es auch noch tun, wenn wir mindestens einen Meter Körperlänge zugelegt haben. Wir begreifen allmählich die unüberwindliche Grenze zwischen uns selbst und den anderen da draußen, zwischen Innen- und Außenwelt. Stark macht das - und einsam.

Unser Gehirn strickt jetzt ohne Unterlass an unserem Bild von der Welt. Auch wie wir uns selbst sehen, scheint das Werk eines anonymen Biografen in unseren Köpfen zu sein. Der ordnet und verknüpft unzählige Erfahrungen. Und ständig kommen neue hinzu. Wieder wird sortiert und verbunden. Aus einer immer länger werdenden Kette von Erfahrungen in unserem Langzeitgedächtnis erwächst unser Weltbild und die Geschichte unseres Lebens. Nicht wie ein nüchterner Dokumentarfilm allerdings, so zeigen die neueren Forschungsergebnisse, sondern eher wie ein romantischer Streifen, der uns mal zu Tränen rührt und mal mit Stolz die Brust aufpumpt. Großes Gefühlskino wird in unseren Köpfen gegeben. Der Film unseres Lebens.

Es sind dessen Bilder - und nur diese Bilder - in unserem Gedächtnis, die uns begreifen lassen, wer wir sind und wo wir leben. Darum sind wir, was wir uns merken. Unser Leben baut nicht auf unser Gedächtnis, sagen Hirnforscher, vielmehr baut das Gedächtnis unser Leben. Die Summe der Myriaden miteinander verwobenen Erinnerungen ist unsere "Ich-Maschine".

Heißestes Thema der Hirnforschung

Wie das Bewusstsein entsteht, zählt zu den heißesten Themen der Hirnforschung. Die Frage ist nicht neu. Aber erst seit relativ kurzer Zeit besteht auch die Chance, unter der Schädeldecke selbst nach ihm zu suchen. In hoch auflösenden Scannern regen zum Beispiel gewaltige Magnetfelder bestimmte Atome in unseren lebenden Hirnen an, deren Echo dann aufgezeichnet werden kann. So entsteht ein Bild der Prozesse, die sich im verzweigten Netzwerk der Milliarden miteinander verbundenen Neuronen abspielen. Forscher können beobachten, wie wir denken und fühlen. Sie studieren auch, wie wir uns etwas merken. Vieles ist dabei überraschend und noch nicht völlig verstanden. Doch allmählich zeigt sich ein faszinierendes Bild von der Kommunikation einzelner Hirnareale und von der Entstehung fragiler Netzwerke. Ein Bild von der Heimat unseres Ichs.

Aus der Alltagsperspektive zwischen Maloche und Matratze mag das alles nicht weiter aufregend sein. Unser Bewusstsein und das Wissen um unsere eigene Geschichte sind uns so selbstverständlich wie Herzschlag und Verdauung. Wir müssen nicht darüber nachdenken, müssen nicht wollen, dass das Herz schlägt, der Darm arbeitet oder die Neuronen "feuern". Es geschieht einfach. Ganz so einfach aber ist es zumindest im Fall des Gedächtnisses nicht. Es lohnt sich, genauer hinzusehen. Und es bringt auch etwas für das ganz normale Leben.

Gebildet wird das Gedächtnis nach dem gleichen Muster wie alle anderen Funktionen in unserem Gehirn auch: Von unten nach oben, von hinten nach vorn, vom Einfachen zum Komplexen, vom Unbewussten zum Bewussten, vom biologisch Alten zum Neuen. So hat sich der Dreipfünder aus Nervengewebe in 500 Millionen Jahren Evolution entwickelt, so ergeht es im rasanten Schnelldurchgang auch dem persönlichen Exemplar jedes neuen Erdenbürgers. Ein bisschen was bleibt natürlich von Anfang an hängen. Sonst wären sämtliche Erfahrungen nichtig und flüchtig, jeder Augenblick wie eine neue Existenz. Nicht einmal die primitivsten Lebensvollzüge könnten Neugeborene lernen. Ein Gedächtnis zu haben ist lebenswichtig.

Schon beim Fötus geht es los. Dann sind zwar die komplexeren Strukturen des Gehirns, ja selbst wichtige Sinne noch nicht endgültig geformt, doch ganz einfache Speicherungen funktionieren bereits. Simple Bewegungsfolgen der winzigen Arme und Beine zum Beispiel werden als Muster erfasst und später wiedererkannt. Wenn Mama einen Tritt in die Bauchdecke bekommt, hinterlässt das auch beim strampelnden Kleinen Spuren. Sein keimendes Nervengeflecht merkt sich, wie das geht und wie es sich anfühlt.

Heftiges Gezappel in der Gebärmutter

Auch was "draußen" passiert, wird schon wahrgenommen. Laute Musik etwa, die beim ersten Mal zu großer Aufregung und heftigem Gezappel in der Gebärmutter führt, lässt den Fötus bei täglicher Wiederholung bald ungerührt. Das noch ungeborene Kind gewöhnt sich an die allerersten Erfahrungen seines Lebens. Und sei es an Vaters Vorliebe für Acid Jazz.

Gewöhnung ist die Urform des Gedächtnisses. Sie ermöglicht uns schon als Kleinkind, eine Brücke der Erfahrungen von einem Tag zum anderen zu schlagen. Viel weiter reicht das noch träge sprossende Gedächtnis tatsächlich nicht. Etwa 24 Stunden hält die Gewöhnung an, wie Tests an Säuglingen gezeigt haben. Quietscht das Plastikentchen in dieser kurzen Spanne nicht noch einmal, verblasst der Eindruck bald, den es hinterlassen hat, und ist kurz darauf aus dem kleinen Kopf verschwunden. Nur ganz elementare Erfahrungen bleiben offenbar länger erhalten. Mamas Geruch zum Beispiel. Oder wie sich ihr Herzschlag aus der kuscheligen Höhle ihres Bauches anhört. Aber das war's auch schon.

Diese primitivste und ganz und gar unbewusste Form der Gedächtnisses geht uns auch im Erwachsenenalter nicht verloren. "Priming" (ins Deutsche übersetzt "Bahnung" oder "Prägung") nennen Gedächtnisforscher den Prozess, den Werber und Wahlkampfmanager zu nutzen wissen. Er erlaubt es ihnen, ihre Slogans per Wiederholung tief in unsere Hirnwindungen zu schreiben, ohne dass wir uns dagegen wehren könnten. Wir merken es nicht einmal.

Doch unser Körper signalisiert, dass die Botschaft angekommen ist, und sei sie noch so versteckt übermittelt worden. Tests mit einer Art Lügendetektor haben deutlich gemacht, dass selbst extrem kurz gezeigte und zwischen neutralem Blendwerk verborgene Bilder einen Weg in unseren Kopf finden. Werden sie später wiederholt, sinkt der elektrische Hautwiderstand der Versuchsteilnehmer. Ein untrügliches Zeichen, dass uns die Botschaften berühren, dass wir sie uns gemerkt haben, obwohl unser Bewusstsein nichts von ihnen weiß - so ganz viel bekommt das ohnehin nicht mit. Eine der wichtigsten Eigenschaften des Gedächtnisses ist eine, die uns verunsichern kann: Der allergrößte Teil unserer

Erinneruingen im Unterbewusstsein

Erinnerungen nämlich ist unbewusst und wird in unsere Köpfe geschleust, ohne dass wir darauf irgendeinen Einfluss hätten. Trotzdem prägen uns solche Erfahrungen nicht weniger als all jene, die es wenigstens ab und zu bis ins Bewusstsein schaffen.

Unablässig fließt ein gewaltiger Strom von Informationen in unser Gehirn. So wenig jedoch eine Videokamera entscheiden kann, welche Aufnahme gelungen ist und welche getrost gelöscht werden könnte, sind auch unsere Augen und die anderen Sinnesorgane in der Lage zu filtern. Ob nützlich oder nicht, alles muss rein, was wir sehen, fühlen, riechen, schmecken oder hören. So imposant die Speicherkapazität unseres Gehirns mit seinen 100 bis 200 Milliarden vernetzten Nervenzellen auch ist, sie ist doch begrenzt. Also muss sortiert werden, geprüft und verworfen. Aber was ist wirklich wichtig?

Was hat sich Ihnen eingeprägt? Tief und unauslöschlich? Die Höhe des Bruttosozialproduktes von 1994 oder Babys erstes Lächeln im selben Jahr? Genau. Nur was uns in Wallungen bringt, was die Sedimente der Seele aufwirbelt und uns das Blut durch die Adern jagt, verdient einen bleibenden Platz in den grauen Zellen. Zwar muss uns nicht alles gleich existenziell berühren. Doch ganz ohne Begeisterung und Gefühl rauscht rechts raus, was links reinkam. Latein- vokabeln, binomische Formeln, die Geheimnisse des Zitronensäurezyklus.

Die Qualitätskontrolle der Eingänge liegt tief in unserem Kopf, ziemlich genau in der Mitte, im Limbischen System, unserer Gefühlsküche. Dort wird Wertvolles vom Tand getrennt und zur Speicherung weitergereicht. Der Rest landet auf der Müllkippe unserer Lebensgeschichte, verblasst bald und vergeht.

Die Puzzlesteine unseres Lebens

Amygdalae, Mandelkerne, heißen die beiden symmetrisch angeordneten Areale im Kopf, die unsere Sinneseindrücke bewerten und mit einer Art emotionalem Preisschild versehen. Ein paar Zentimeter hinter unseren Augen entscheiden diese beiden Knubbel damit auch darüber, was sich im Laufe der Jahre zu unserer Lebensgeschichte fügt, welches Puzzlesteinchen zu unserem inneren Porträt hinzugefügt wird und welches nicht.

Dieser Kontrollmechanismus dient nicht nur der Ego-Pflege. Seine wichtigste Aufgabe ist es, unser Überleben zu sichern. Was uns in Gefahr bringen kann, macht Angst. Und darum ist Angst ein besonders intensives Gefühl, das die Amygdala hervorbringt. Entsprechend langlebig ist auch die so hervorgerufene Speicherung. Denn nie dürfen wir vergessen, welche fatalen Folgen es haben kann, einen giftigen Krabbler auf dem Boden zu übersehen. Nie dürfen wir vergessen, dass alles, was glüht, wahrscheinlich viel zu heiß ist für unsere empfind- liche Haut.

Auch was uns Spaß macht und das Herz hüpfen lässt, hat einen leichteren Zugang zu unserem Langzeitgedächtnis als staubtrockener Stoff, den wir in der Schule oder später bei der Vorbereitung des nächsten Geschäftsberichtes pauken müssen. Ausnahmslos immer treten Gedächtnisinhalte mit einem emotionalen Mantel auf. Und ist der zu billig, verweigert die Amygdala wie ein bulliger Türsteher den Eintritt. Es wäre hilfreich, wenn sich diese Einsicht auch in den Schulen und Universitäten durchsetzte. Nur was uns neugierig macht, was uns packt und unsere Gefühle mobilisiert, bleibt beim Lernen auch hängen.

Wie das passiert, war lange nicht klar, obwohl es die Menschen offenbar schon immer beschäftigte. Im Alltagsleben entstanden die frühesten Vorstellungen von der Arbeitsweise des Gedächtnisses. Weil zum Beispiel in der Antike Verträge und Bilanzen auf Wachstafeln geritzt wurden, schienen solche "Engramme" auch im Gehirn unsere Erinnerungen festzuhalten. In späteren Konzepten wandelte sich das Gehirn zur säuberlich geordneten Registratur: Alles von Bedeutung schien danach ein eigenes Fach in unseren Köpfen zu haben. Der Satz des Pythagoras ebenso wie der erste Kuss.

Kopfverletzungen schwächen die Erinnerung

Mediziner aber beobachteten etwas anderes. Wer eine schwere Kopfverletzung erlitten hatte, verlor nämlich nie nur bestimmte Erinnerungen. Vielmehr wurde das Gedächtnis insgesamt schwächer. Das sprach für die These, alle Erinnerungen würden überall im Gehirn gespeichert und nicht in einem speziellen Areal. Inzwischen ist es Hirnforschern gelungen, ein klareres Bild zu gewinnen, das frühere Beobachtungen bestätigt, zugleich aber ganz neue Wege weist.

Schon vor gut hundert Jahren hatte der französische Psychologe Théodule Ribot bei seinen Patienten beobachtet, was er dann in einer nach ihm benannten Regel formulierte: Je länger eine Erinnerung zurückreicht, desto tiefer ist sie in unser Gedächtnis eingeschrieben. Jeder, der morgens den Autoschlüssel sucht oder das Handy, kennt das. Trotzdem wird keiner seinen eigenen Geburtstag vergessen, wenn er gesund ist, oder die Namen seiner Eltern. Wiederholung ist der Schlüssel zur "Regel von Ribot".

Vor allem die unbewussten Teile des Gedächtnisses sind auf Wiederholungen angewiesen. Erst wenn beim Tanzen eine bestimmte Schrittfolge oder beim Autofahren das Nacheinander von "Gas weg - Kupplung treten - schalten" so in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass beim Ablaufen des Programms kein Gedanke daran mehr nötig ist, haben wir sie wirklich verinnerlicht.

Doch was genau geschieht dabei in unseren Köpfen? Wie wird eine Infor- mation ins Langzeitgedächtnis geschrieben? Hier hilft der Vergleich mit einem Computer. Unser Kurzzeitgedächtnis entspricht dabei dem Arbeitsspeicher. Schalten Sie den Strom ab, sind alle Inhalte unrettbar verloren, es sei denn, Sie haben sie zuvor auf der Festplatte oder einer CD gesichert. Auch Informationen im Kurzzeitgedächtnis geraten in Vergessenheit, wenn sie nicht ins Langzeitgedächtnis weitergeschoben werden. Und das muss in Sekunden geschehen.

Doch was dem Gedächtnis hilft, Inhalte zu festigen und für das spätere Erinnern parat zu halten, markiert zugleich seinen blinden Fleck: Es kann den Unterschied zwischen tatsächlichen und eingebildeten Ereignissen nicht genau erkennen. Bleiben wir an einer fixen Idee hängen, verfestigt sie sich in den Netzwerken des Gehirns auf Dauer so sehr, dass sie für uns irgendwann zur unbestreitbaren Realität wird. Das kann ganz harmlos sein, wenn es beim Plausch daheim nur darum geht, ob der Weihnachtsbaum tatsächlich schon vor zwanzig Jahren kein Lametta mehr trug. Das kann aber auch ganze Familien in Krisen und tiefes Leid stürzen, wenn Erinnertes allein nicht mehr ausreicht, einen angeblichen Fall von Kindesmissbrauch zu klären.

Wir müssen sogar noch einen Schritt weitergehen, sagen die Hirnforscher inzwischen. Denn unser privater Kosmos im Kopf wird dauernd neu erschaffen. Auch was schon war und längst seine Neuronenbahnen gebildet und womöglich über Jahre verstärkt hat, wird beim Erinnern immer wieder verändert. Vielleicht ein wenig geschönt oder dramatisiert, hier und da ergänzt oder getrimmt - in jedem Fall gefärbt und passend gemacht für die Regungen des Augenblicks. Und geht es dann zurück in den Speicher der Großhirnrinde, trägt das alte, polierte Ereignis ein neues emotionales Gewand. Neuronale Vernetzungen werden umgebaut, einige Zweige sterben ab, ein paar andere kommen hinzu - und nichts ist, wie es einmal war.

Können wir uns dann überhaupt noch sicher sein, wer wir sind? Wer wir waren? Natürlich ist niemand gezwungen, sich mit dem zu beschäftigen, was die Hirnforschung in den vergangenen Jahren zutage gefördert hat. Wir können fröhlich vor uns hin leben, lachen, lieben und leiden, wie es halt kommt. Wir müssen uns nicht verunsichern lassen, von akademischen Debatten über die Entstehung unseres Bewusstseins, über freien Willen und den Tod der Seele. Doch werden wir so oder so Erfahrungen machen, die uns die Sicherheit nehmen, wir hätten alles im Griff und seien die Schmiede unseres Glücks.

Alltägliche Gewissheiten zerbröseln

Es muss nicht gleich die Alzheimersche Krankheit sein, die unsere alltägliche Gewissheit zerbröseln lässt. Polizisten wissen, dass ihnen bei einem Unfall ungefähr so viele Versionen des Hergangs präsentiert werden, wie Zeugen zugegen waren. Oma lässt keinen Zweifel daran zu, dass es in ihrer Jugend zu Weihnachten immer geschneit hat. Ausnahmslos. Und war das nicht wieder ein schöner Abend beim Italiener vor drei Tagen? "Schmeckte vorzüglich, der Barolo", sagt er. "Der Nebbiolo, Schatz", sagt sie.

"False memories", wie Wissenschaftler die Erinnerungen eines irrenden oder auch irregeleiteten Gedächtnisses nennen, lauern in jedem Winkel des Gehirns. Meistens spielt das allerdings keine große Rolle. Ob unser Lieblingsteddy wirklich braun war oder nicht doch schwarz, bleibt folgenlos, falls es nicht gerade das Thema eines handfesten Krachs unter Geschwistern ist. Doch haben Forscher zeigen können, dass sich auch sehr komplexe Ereignisse in unsere Köpfe schleichen können, die in Wahrheit so nie stattgefunden haben. Auch dann ist es nur selten erforderlich, den Schaden in langwierigen psychologischen Prozessen einzugrenzen. Im Normalfall ist die Schnittmenge unserer eigenen Erinnerungen und der unserer Familien, Freunde und Arbeitskollegen so groß, dass wir zwar nicht völlig glatt, aber doch sicher durchs Leben kommen.

Es kann trotzdem nicht schaden, sich zwei wichtige Einsichten der Gedächtnisforschung klar zu machen: Die meisten unserer Erinnerungen liegen im Unbewussten, und alle Erinnerungen unterliegen einem stetigen Wandel, auch wenn die Veränderungen vielleicht kaum ins Gewicht fallen und im Alltag ohne Folgen bleiben. Dennoch entstehen immer neue Bilder in unseren Köpfen. Abbilder der Welt da draußen, die ihr Aussehen verändern, wenn wir den Standpunkt wechseln oder das Licht, das auf sie fällt. Aber auch unser Ich, das Bild von uns selbst, unterliegt zwangsläufig diesem fortwährenden Wandel.

Vielleicht ist die Sprache der Wissenschaft zu kalt, um das einzusehen. Der französische Schriftsteller Marcel Proust hat es so formuliert: Unser Gedächtnis sei wie ein Schaufenster, in dem mal das eine, mal ein anderes Foto desselben Menschen ausgestellt würde. Nur das neueste Bild aber sei für eine gewisse Zeit auch zu sehen.

print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker