Studie Glaube, Hoffnung, Heilung


Glaube kann nicht nur Berge versetzen, sondern auch Menschen vor Krankheiten schützen. Das behaupten neueste Untersuchungen aus den USA - doch nicht alle Forscher sind sich darin einig.

Mehr als 1200 unabhängige Untersuchungen haben in den vergangenen Jahren die Beobachtung bestätigt, dass Religiosität ein wirksames Medikament sein kann. Menschen, die an eine höhere Macht glauben, sind weniger oft im Krankenhaus, genesen schneller von Krankheiten, haben einen niedrigeren Blutdruck und scheinen besser gegen Herz- und Kreislaufkrankheiten geschützt zu sein. Sie sind ferner nach Operationen schneller wieder auf den Beien und benötigen weniger Schmerzmittel, sie reagieren auf Belastendes weniger mit Depressionen und erholen sich meist in kürzester Zeit, wenn sie dennoch einmal depressiv werden.

Spiritualität stärkt die Abwehr

Wie die Zeitschrift "Psychologie heute" berichtet, haben die - meist amerikanischen - Untersuchungen auch gezeigt, dass Menschen, die einer spirituellen Praxis nachgehen, über ein stärkeres Immunsystem verfügen. Sie haben deutlich niedrigere Blutwerte von Interleukin-6, das bei chronischem Stress erhöht ist und als Zeichen eines geschwächten Immunsystems gilt. Dies wiederum ist bekanntlich ein wichtiger Faktor bei zahlreichen Erkrankungen, von einfachen, immer wiederkehrenden Infekten bis hin zu schwerwiegenden Krankheitsbildern.

Das alles bedeutet nicht, dass Spiritualität in Zukunft ärztlich verordnet werden sollte. Heilung lässt sich nämlich auf spirituellem Wege nicht erzwingen. Der Schlüssel zum Erfolg scheint gerade in der Absichtslosigkeit zu liegen. Der Psychologe Michael Utsch von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin verweist in einem Beitrag des Sammelbandes "Positive Psychologie" darauf, dass Meditationsforscher sowohl christlicher als auch buddhistischer Tradition übereinstimmend zu einem paradox erscheinenden Befund gekommen sind: Die Heilwirkung der Meditation ist gerade dann besonders groß, wenn sie weder zielgerichtet noch funktional eingesetzt wird. "Gesundheit und Entspannung treten demnach nur als individuelle Nebeneffekte ein", schreibt Utsch.

Kein Placedo-Effekt

Der Arzt für innere Medizin Linus Geisler, Mitglied der Enquetekommission Ethik und Recht in der modernen Medizin, betonte in einem Interview von "Psychologie heute", dass die Heilung durch Glaube nicht dasselbe sei wie der Placeboeffekt. "Im weitesten Sinne kann natürlich jede Therapiemaßnahme auch Placeboeffekte entfalten", sagte er. "Die im Glauben wirksam werdenden Kräfte sind aber sehr spezifisch. Sie basieren auf Spiritualität, also einem Bezogensein auf eine über das unmittelbare Ich hinausreichende Wirklichkeit."

Die Zeitschrift verwies in einer früheren Ausgabe auf Befunde des Klinischen Psychologen David Larson vom National Institute for Healthcare in Rockville zur Wirksamkeit von Religiosität. Ihnen zufolge wirkt sie sich in 84 Prozent der Fälle positiv aus, in 13 Prozent neutral und in drei Prozent abträglich.

Tatsächlich scheint religiöser Glauben nicht immer einen positiven Effekt zu haben. Ja, Religiosität kann auch krank machen. Der Psychologieprofessor Kenneth Pargament von der Bowling Green State University in Ohio kam in einer Untersuchung zu folgendem Ergebnis: Gläubige, die in der Furcht leben, für ihre Sünden von einem strengen Gott bestraft zu werden, und die diese Strenge auch in ihrer Glaubensgemeinschaft als "emotionales Klima" erleben, neigen stärker zu Depression, Ängsten und psychosomatischen Störungen als Nichtgläubige. Umgekehrt fördert der Glaube an einen freundlichen Gott, der Schwächen nachsichtig beurteilt, in Verbindung mit emotionaler Geborgenheit in einer Glaubensgemeinschaft psychisches und körperliches Wohlbefinden deutlich.

Was Gläubige mit Optimisten eint

Wissenschaftliche Befunde zur Wirkung von Religiosität gleichen in mancher Beziehung Befunden zum Einfluss von Optimismus auf die Gesundheit. Das verdeutlichte vor einiger Zeit ein Bericht in der Zeitschrift "Bild der Wissenschaft". Sowohl bei religiösen Menschen als auch bei Optimisten scheinen die persönliche Weltsicht und die grundlegende Einstellung zum Leben entscheidende Wirkung zu haben. Bei beiden sind auch Gelassenheit und ein Grundvertrauen in den Gang der Dinge Wesensmerkmale. Speziell für religiöse Menschen nannte der Jesuit Bernhard Grom unlängst in einem Beitrag der Zeitschrift "Stimmen der Zeit" zum Thema auch einige konkret-praktische Faktoren. So etwa eine Unterstützung durch die Gemeinschaft und eine vom Glauben her motivierte gesunde Lebensführung.

Rudolf Grimm/DPA DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker