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Überleben in Extremsituationen: Was der Untergang der Titanic übers menschliche Verhalten verrät

An Bord der zwei Luxusliner Titanic und Lusitania herrschten extreme Verhältnisse, als sie sanken. Unter Zeitdruck versuchten die Menschen, ihr Leben zu retten. Forscher haben jetzt anhand der Passagierlisten untersucht, wie diese Situationen das Sozialverhalten beeinflussen.

Bei einem Vergleich zweier Schiffstragödien kamen Forscher zu dem Schluss, dass sich in Extremsituationen mit starkem Zeitdruck zunächst der egoistische Überlebensinstinkt durchsetzt. Soziales Verhalten wie Rücksichtnahme ist erst nach einiger Zeit wieder möglich. Dies fand ein Forscherteam heraus, das die Passagierlisten der beiden gesunkenen Luxusliner Lusitania und Titanic prüfte. Ihre Ergebnisse stellten die Wissenschaftler um Bruno S. Frey von der Universität Zürich im Fachmagazin "PNAS" vor.

Um das Zusammenspiel von natürlichem Überlebensinstinkt und eingeprägten Sozialnormen zu untersuchen, wählten sie zwei vergleichbare Situationen. Am 14. April 1912 sank die Titanic bei ihrer Jungfernfahrt im Nordatlantik nach der Kollision mit einem Eisberg innerhalb von 160 Minuten. Dabei starben 1517 von 2207 Menschen an Bord. Drei Jahre später versenkte während des Ersten Weltkriegs ein deutsches U-Boot ebenfalls im Nordatlantik das britische Passagierschiff Lusitania. Es sank schon nach 18 Minuten. Von den 1949 Passgieren und Crew-Mitgliedern verloren 1198 ihr Leben. Beide Tragödien teilen neben der geografischen und zeitlichen Nähe etliche Parallelen: Die Rettungsboote auf der Titanic und der Lusitania boten nicht genügend Platz für alle Menschen, und der Anteil von Männern, Frauen und Kindern war auf beiden Luxusdampfern fast identisch.

Auf der Titanic regierte der Instinkt

Aus zahlreichen historischen Quellen ermittelten die Forscher Geschlecht, Alter und Nationalität der Passagiere sowie den gezahlte Preis für die Schiffspassage und die gebuchte Klasse. Daraus entstand eine Formel, die für einen typischen Passagier die Überlebenswahrscheinlichkeit vorhersagt. Auffällig unterschiedlich war die Zusammensetzung der Überlebenden - obwohl beide Kapitäne die Losung ausgaben, Kinder und Frauen zuerst in die Boote zu lassen. An diese Vorgabe hielt man sich offenbar nur auf der Titanic. Frauen hatten hier eine um 48,3 Prozent höhere Überlebenschance, die von Kindern lag um 14,8 Prozent über der von Erwachsenen. Auch die Begleitpersonen von Minderjährigen hatten eher das Glück, in einem der Rettungsboote aufgenommen zu werden.

Auf der Lusitania retteten sich dagegen auffällig viele junge Männer und Frauen. Diese Besonderheit führt Bruno Frey auf die unterschiedliche Geschwindigkeit zurück, mit der die Schiffe sanken. Die Menschen auf der Lusitania standen unter extremem Zeitdruck und versuchten sich in panischer Flucht zu retten. Die stärksten Menschen im Alter von 16 bis 35 Jahren setzten sich am ehesten durch und überlebten. Standesunterschiede oder soziale Kriterien spielten hier keine Rolle. Frauen hatten beispielsweise eine nur um 10,4 Prozent erhöhte Überlebenschance. Der Untergang der Titanic zog sich dagegen über Stunden hin. Hier blieb den Menschen Zeit zum Abwägen. Dabei setzte sich die Rücksicht auf schwächere Mitglieder der Gemeinschaft gegen den egoistischen Überlebensinstinkt eher durch.

Wissenschaftler denken, dass die sogenannte Fight-or-Flight-Reaktion (Kampf oder Flucht) auf der Lusitania dominierte: In Gefahrensituationen veranlasst das Gehirn die Freisetzung von Adrenalin, das sofort Herzschlag, Muskelanspannung und Atmungsfrequenz erhöht. Erst nach wenigen Minuten setzt die Selbstregulation ein und der Mensch wird gelassener. Jetzt regiert auch das Bewusstsein über den Instinkt wieder, das in der Großhirnrinde sitzt. Die Dauer des Untergangs, meinen die Wissenschaftler, erkläre also die unterschiedlichen Verhaltensweisen. Die aus dem Datenbestand erarbeitete Überlebensformel widerspricht gängigen Wirtschaftstheorien: Sie gehen davon aus, dass Menschen generell selbstsüchtig handeln, beeinflusst durch äußere Bedingungen. Die Wissenschaftler schließen aber nicht aus, dass weitere Faktoren existieren, die erst durch weitere Katastrophenanalysen bewertet werden können. So spiele etwa die Konstruktion eines Schiffs eine bestimmende Rolle bei der Evakuierung.

DDP/AP / AP