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Umstrittene Studie: Hirnscans, Hormone und Homosexualität

Schon lange wollen Forscher klären, wann und aus welchen Gründen sich entscheidet, ob ein Mensch hetero- oder homosexuell wird. Schwedische Wissenschaftler warfen dafür nun einen Blick ins Hirn von Homos und Heteros - mit einem eindeutigen Ergebnis, das trotzdem viele Fragen offen lässt.

Von Nina Bublitz

Magnetresonanztomographie-Aufnahmen eines Gehirns

Magnetresonanztomographie-Aufnahmen eines Gehirns

Es gibt eine Reihe von Studien, in denen Forscher nach Unterschieden bei homo- und heterosexuellen Probanden suchen. So ermittelten etwa schwedische Forscher um Ivanka Savic, dass ein männliches Pheromon nicht heterosexuelle Frauen anregt, sondern auch homosexuelle Männer. Bei beiden wurden, so berichteten die Wissenschaftler, die gleichen Hirnregionen aktiv. Heterosexuelle Männer reagierten dagegen nicht auf den Duftstoff.

Nun hat Frau Savic vom Stockholmer Karolinska Institut nachgelegt: Sie untersuchte mit ihrem Kollegen Per Lindström, ob sich nicht nur bei der Reaktion auf einen Duft, sondern auch im Gehirn selbst Unterschiede zwischen Hetero- und Homosexuellen zeigen.

Unterschiede zwischen Homo- und Heterosexuellen

In ihrer Studie konzentrieren sich die Forscher auf zwei Gehirn-Merkmale, welche sich bei Männern und Frauen unterscheiden: Die Asymmetrie der Hirnhemisphären sowie die Verknüpfungen im sogenannten Mandelkern, einer Region, die sich einschaltet, wenn Furcht angebracht ist, aber auch bei der emotionalen Verarbeitung allgemein eine Rolle spielt. Diese Hirnmerkmale bilden sich wahrscheinlich schon vor der Geburt aus. Unterschiede lassen sich, so schreiben die Forscher in den "Proceedings of the National Academy of Sciences", kaum durch Lernprozesse oder bestimmte Verhaltensweisen erklären. Zudem handele es sich hier um Bereiche, die nicht direkt bei der Fortpflanzung eine Rolle spielten.

Insgesamt 90 Probanden nahmen an der Studie teil - je 25 heterosexuelle und 20 homosexuelle Frauen und Männer. Sie wurden mittels Magnetresonanztomographie (MRT) untersucht, 50 von ihnen auch Positronen-Emissions-Tomographie (PET). Alle Probanden waren Rechtshänder, denn bei Linkshändern ist die Asymmetrie meist geringer ausgeprägt.

Das Ergebnis der Studie

Bei den homosexuellen Frauen fanden die Forscher - ebenso wie bei den heterosexuellen Männern - eine Asymmetrie der Gehirnhälften: Die rechte Hemisphäre ist etwas größer als die linke. Bei den heterosexuellen Frauen dagegen waren die Hirne symmetrisch - genau wie bei den Schwulen, die an der Studie teilnahmen. Bei der Untersuchung der Amygdala zeigten sich ebenfalls typisch weibliche Strukturen bei den Schwulen sowie typisch männliche bei den Lesben.

Dies passt zu schon früher ermittelten Daten, welche Savic zitiert: So sollen homosexuelle Männer in Sprachtests tendenziell besser abschneiden als ihre heterosexuellen Geschlechtsgenossen. Homosexuelle Frauen dagegen schlagen sich bei Tests, in denen das räumliche Vorstellungsvermögen gefragt ist, besser als heterosexuelle.

Savics Hirn-Studie ist nicht die erste dieser Art, schon länger versuchen Wissenschaftler, Unterschiede in den Gehirnen von Hetero- und Homosexuellen zu verorten. Im vergangenen Jahr etwa berichteten deutsche und britische Forscher im Fachblatt "Plos One", dass die Verteilung und Menge der grauen Masse im Gehirn je nach sexueller Orientierung differiert. Und bereits Anfang der 90er hatte Neuroforscher Simon LeVay ähnliche spezifische Unterschiede postuliert, seine Studien wurden jedoch wegen methodischer Mängel von Fachkollegen angezweifelt.

Was sagen diese Daten letztendlich aus?

Savic selbst gibt zu, dass ihre Studie "nicht erlaubt, die möglichen Ursachen (für die sexuelle Orientierung) einzugrenzen". Diese seien wahrscheinlich vielschichtig, meint die Stockholmer Forscherin. Wissenschaftler nehmen an, dass die Konzentration der Sexualhormone Östrogen und Testosteron im Mutterleib sowie im späteren Leben eine Rolle spielt. Ebenso könnten die im Körper vorhandenen Rezeptoren für diese Hormone sowie die Verstoffwechselung des Testosterons beeinflussen, ob sich jemand in Männer oder in Frauen verliebt. Ob genetische Faktoren ebenfalls einfließen, lässt sich nicht beantworten. Momentan geht man davon aus, dass dies bei Männern eher der Fall sein könnte als bei Frauen.

Was genau die sexuelle Orientierung bestimmt, kann Ivanka Savic, ebenso wie andere Hirnforscher, also nicht klären - und vielleicht ist das auch gut so. Viele Schwule kritisieren solche Studien aus Sorge, was irgendwann darauf folgen könnte. Ein Leser der britischen Webseite "PinkNews" fasst die Befürchtungen treffend zusammen: "Wieder ein Versuch - ob bewusst oder nicht - aus Homosexualität als Abweichung, als Abart zu definieren. Vielleicht können sie dann in der Zukunft ja dafür sorgen, dass keine Babys mit diesem 'biologischen Fehler' zur Welt gebracht werden."

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