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Kopfwelten: Nur die Liebe zählt

Ein Vorschlag von Justizministerin Brigitte Zypries, das Adoptionsrecht auch für homosexuelle Paare vollständig zu öffnen, sorgt für hitzige Debatten. Das Wohl der Kinder sei in Gefahr, sagen Konservative. Doch diese Behauptung steht auf tönernen Füßen.

Von Frank Ochmann

Ob homosexuelle Paare ebenso Kinder adoptieren dürfen wie heterosexuelle, sorgt für Diskussionen

Ob homosexuelle Paare ebenso Kinder adoptieren dürfen wie heterosexuelle, sorgt für Diskussionen

Das zur Beruhigung, liebe verstörte Mitglieder der Fraktionen von CDU und CSU (aber längst nicht nur dort), geschätzte Freundinnen und Freunde einer wortwörtlichen Bibelauslegung, werte Anhänger von Papst Benedikt XVI. und alle, die sich sonst noch vom Vorschlag aufgeschreckt fühlen, künftig homosexuellen Paaren ein volles Adoptionsrecht zuzugestehen: Fürchtet nicht um die Säulen des Abendlandes! Alles bleibt erst einmal, wie es ist.

Denn natürlich ist auch Brigitte Zypries schon im Wahlkampf. Und deshalb verbreitet sie gern mal eine Idee, die ihr und ihrer Partei für ein paar nachrichtenmaue Sommertage besondere Aufmerksamkeit sichert. Andererseits weiß sie aber genau, dass sie so schnell nicht in die Verlegenheit kommen wird, sich für ihren Vorschlag wirklich einsetzen zu müssen. Käme es ihr darauf tatsächlich an, hätte sie die vergangenen Jahre als Justizministerin - sie gehörte auch schon dem zweiten Kabinett Schröder an - nutzen können, um aus einer Überzeugung ein Gesetz werden zu lassen. Hat sie aber nicht. Wem darum ein neues Adoptionsrecht erst in der Sommerpause vor den nächsten Wahlen einfällt, muss sich nicht wundern, wenn nicht so ernst genommen wird, was wohl auch nicht so ernst gemeint war.

Es geht um das Kindeswohl

Machen wir uns trotzdem ein paar Gedanken zum Thema. Denn das ist jenseits allen Parteiengewurschtels wichtig. Nicht übrigens, weil es um Schwule und Lesben geht und deren "Selbstverwirklichung", wie gern mal behauptet wird, sondern weil es um Kinder geht.

Die Kernfrage ist die: Was braucht ein Kind, um glücklich werden zu können? Oder wenn wir es ein bisschen präziser fassen: Was braucht ein Kind, ein elternloses zumal, um sich geistig und sozial zu seinem Besten entwickeln zu können?

Die Antwort ist so einfach wie schwerwiegend: Ein Kind braucht für seine psychische Entwicklung vor allem eine "sichere Bindung". Will heißen, es muss wissen, wo es hingehört, wer zu ihm hält, wer es liebt und stützt und fördert. Es braucht Menschen, zu denen es auch dann zurückkehren und bei denen es Halt und Schutz finden kann, wenn es beim Erkunden der zunächst kleinen und dann immer größeren Welt einmal nicht so läuft, wie es sollte. Auch dann, wenn es selbst "Mist gebaut" hat. Diese grundsätzliche und letztlich bedingungslose Zuneigung ist es, die ein Kind vor allem braucht. Und wer sich um das "Kindeswohl" sorgt, wie es oft heißt, wird sich zuerst um ein solches festes Fundament sorgen müssen.

Geborgenheit nur in klassischen Vater-Mutter-Kind-Familien?

Nächster Schritt: Gibt es irgendeinen (belegbaren!) Grund anzunehmen, dass diese Art der Geborgenheit nur in klassischen Vater-Mutter-Kind-Familien gewährleistet wird? Nein, sagt die von Ministerin Zypries in Auftrag gegebene Studie des Staatsinstituts für Familienforschung an der Universität Bamberg. Das ist vor allem gut für die Universität Bamberg, denn dieses Resultat deckt sich mit einem Stapel internationaler Studien, deren Autoren bereits derselben Frage nachgegangen sind.

Das heißt ja nicht, es gäbe überhaupt keine Unterschiede zu entdecken zwischen "denen" und "jenen". Aber sind Familien oder überhaupt Menschen auf irgendeine Art und Weise normierbar? Der Tenor einschlägiger wissenschaftlicher Untersuchungen ist einhellig: Nicht die sexuelle Orientierung der Eltern ist ein zentrales Kriterium für die Frage, ob ein junges, reifendes Leben in ihrer Obhut gelingen kann. Ausgehend von dem, was an angeborenen Begabungen und Persönlichkeitsmerkmalen des Kindes mitgebracht wird, ist vielmehr der Grad und die Verlässlichkeit der elterlichen Zuwendung zum Kind entscheidend.

Also noch einmal das "Kindeswohl": Wenn es wirklich das ist, was die Gegner eines erweiterten Adoptionsrechtes antreibt, warum fehlen dann zum Beispiel immer noch Kita-Plätze? Warum haben Hartz-IV-Kinder schlechtere Bildungs- und damit Lebenschancen als Sprösslinge aus den feinen Kreisen? Warum verrotten - öffentliche - Schulen und Universitäten? Warum fehlen Mitarbeiter in den örtlichen Sozialdiensten, die vielleicht verhindern könnten, dass Kinder aus (nahezu immer) heterosexuellen Beziehungen aus welchem fürchterlichen Grund auch immer vernachlässigt werden oder gar in einer Kühltruhe enden?

Ein Produkt des 19. Jahrhunderts

Es gibt für Politiker reichlich Gelegenheit in diesem Land, die Wertschätzung für das Kind nicht nur feierlich in Mikrofone zu tönen, sondern in die Tat umzusetzen. Solange das aber nicht hinreichend geschieht, steht jedes moralische Aufplustern gegen Familien mit homosexuellen Elternpaaren im Verdacht purer Heuchelei.

Volker Kauder oder Norbert Geis und alle anderen Verteidiger eines traditionellen Familienbegriffes haben natürlich das in einer Demokratie unbestreitbare Recht, diese Position laut und vernehmlich zu vertreten, solange sie dabei zum Beispiel nicht vernebeln, dass dieses propagierte Familienbild ein Produkt des 19. Jahrhunderts ist und nicht etwa aus der Geburtsstunde des christlichen Abendlandes stammt.

Es ist auch ihr gutes Recht, Schwule und Lesben nicht zu mögen. Eines aber dürfen sie alle nicht: Ihre Ideologie hinter fadenscheinigen und wissenschaftlich nicht haltbaren Argumenten im vermeintlichen Interesse eines Kindeswohles verstecken, das in diesem Land zweifellos gefährdet ist. Ganz sicher aber nicht durch die Frage, ob die elterliche Liebe Homosexueller nicht genau so viel wert sein muss wie die Heterosexueller. Auch im Wahlkampf muss soviel Ehrlichkeit noch sein.

Literatur:

Adamczyk, A. & Pitt, C. 2009: Shaping attitudes about homosexuality: The role of religion and cultural context, Social Science Research 38, 338-351
Erich, S. et al. 2009: An empirical analysis of factors affecting adolescent attachment in adoptive families with homosexual and straight parents, Children and Youth Services Review 31, 398-404
Rivers, I. et al. 2008: Victimization, Social Support, and Psychosocial Functioning Among Children of Same-Sex and Opposite-Sex Couples in the United Kingdom, Developmental Psychology 44, 127-134
Stacey, J. & Biblarz, T. J. 2001: (How) Does the Sexual Orientation of Parents Matter?, American Sociological Review 66, 159-183
Wainright, J. L. & Patterson, C. J. 2006: Delinquency, Victimization, and Substance Use Among Adolescents With Female Same-Sex Parents, Journal of Family Psychology 20, 526-530
Wainright, J. L. & Patterson, C. J. 2008: Peer Relations Among Adolescents With Female Same-Sex Parents, Developmental Psychology 44, 117-126