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Eine Flasche Wein und drei Gin Tonic: "Die füllen mich hier ab": Auf ein Glas mit Jens Spahn von der CDU

NEON traf bis zur Bundestagswahl 2013 junge Politiker dort, wo sie offen reden: in der Kneipe. Jens Spahn trank ziemlich viel. Mit unserer Autorin sprach er darüber, wie es eigentlich passt, als Homosexueller in der CDU zu sein.

Ich bin von München nach Berlin geflogen, nur um im österreichischen Schönbrunn zu landen. Das Schönbrunn ist ein Restaurant im Volkspark Friedrichshain, Jens Spahn hat es ausgesucht. Kurz vor 18 Uhr, ich sitze auf der Sonnenterrasse unter einer Markise mit Blick auf den Schwanenteich und die Wasserfontäne. Es ist kein Ort, an dem christlichsoziale Werte in Gefahr wären, hier können sich Rentner beim Sonntagsausflug wunderbar besaufen. Die Alkoholkarte ist lang.

Ein richtiges Essen am frühen Abend, das haben in dieser Serie tatsächlich nur CSU und CDU geschafft. NEON-Redakteure haben im halben Jahr vor der Wahl sieben Politiker zwischen 26 und 37 getroffen, uns wurde Bier in den Schoß geschüttet (unabsichtlich) und Wurstplatte kredenzt (absichtlich), es wurden ordinäre Guinness aus Irland getrunken und exotische Schnäpse aus Erfurt, die wie winzige Biere aussahen.

Ich treffe zum Abschluss Jens Spahn, den gesundheitspolitischen Sprecher der CDU, der zwar erst 33 Jahre alt ist, aber gerade seinen vierten Bundestagswahlkampf bestreitet. Seit elf Jahren ist er Abgeordneter. Immer gewann er seinen Wahlkreis Steinfurt I-Borken I im Münsterland.

Jens Spahn scheint ein Typ voller Widersprüche zu sein

Vielen gilt Jens Spahn als künftiger Gesundheitsminister. Eine Menge von dem, was ich im Vorfeld über ihn gelesen habe, klang schauderhaft. Obwohl Jens Spahn schwul ist, stimmte er gegen das Adoptionsrecht für Homosexuelle – dabei hatte er noch kurz zuvor für die Gleichstellung geworben. Er soll – als Gesundheitspolitiker! – durch ein Firmenkonstrukt Geld am Pharmalobbyismus verdient haben, und als Teenager trat er in die Junge Union ein, weil ihm das Atommüllzwischenlager in Ahaus, vor seiner Haustür, richtig vorkam. Jens Spahn scheint ein Typ voller Widersprüche zu sein. Wie ist ein junger, schwuler Mann, der im Berliner Stadtviertel Prenzlauer Berg wohnt und als katholischer Konservativer in der CDU eine ziemlich schnelle Karriere hingelegt hat? Und, auch wichtig: Wird er so viel trinken, wie konservative Politiker gern behaupten, dass sie können?

Jens Spahns vier politische Kernforderungen.

Erste Einschätzung: ja. Jens Spahn hat mit 1,91 Metern beste körperliche Voraussetzungen. Er ist kräftig gebaut, in einem guten Sinn. Gerade kommt er vom Sport. Zwei- bis dreimal pro Woche mache er Krafttraining mit einem Personal Trainer. "Weil ich weiß, dass jemand auf mich wartet, geh ich auch hin." Spahn sieht so aus, wie ich ihn mir vorgestellt habe: energiegeladen, cleaner Look, kurz geschorene Haare, schwarze Brille. Nur die Zähne sind eine Überraschung, sie spielen ins Jürgenvogelhafte. Wann ist denn der nächste Termin mit dem Trainer? "Morgen früh um sechs." Na dann.

Mist, voll auf einer Welle

Er bestellt je eine Flasche Wasser und Weißwein: Chardonnay Morillon aus der Südsteiermark, der laut Karte eine "exotische Bananennote" hat. Spahn und ich lachen über die österreichische Banane.

Dann beide ein Wiener Schnitzel. Mist, voll auf einer Welle. Später am Abend werden wir so viel getrunken haben, dass ich vergesse, Jens Spahn sein Wahlprogramm auf den Bierdeckel kritzeln zu lassen. Spahn schickt ihn mir ein paar Tage später per Post.

Am meisten interessiert mich die Sache mit der Homo-Ehe. Spahn findet den Begriff doof, "Gleichstellung" sei ihm lieber. Im Sommer 2012 tat er sich mit einem Dutzend CDU-Abgeordneten zusammen, um für die steuerliche Gleichstellung homosexueller Lebenspartnerschaften einzutreten. Im November 2012 outete sich Spahn in einem "Spiegel"-Interview bundesweit, einen Monat später wurde die steuerliche Gleichstellung auf dem Bundesparteitag diskutiert, aber abgelehnt.

Im März 2013 dann ein Antrag der Grünen zum Adoptionsrecht für homosexuelle Paare – und Jens Spahn war plötzlich dagegen. Was war da los? "Das war ein Antrag der Opposition. Ihr ging es darum, uns vorzuführen. Deshalb habe ich nicht gegen den eigenen Laden gestimmt", sagt Spahn.

Nach Wein kommt Gin Tonic

Argument 1: Taktik. Gar kein schlechtes Gewissen, gegen die Überzeugung gestimmt zu haben? "Die gesellschaftliche Debatte bei uns im Ortsverband war wichtig. Da erklärte ein Sechzigjähriger dem anderen, dass der schwule Nachbarsjunge okay ist. Lieber einen langsamen Prozess, bei dem die Gesellschaft das wirklich verinnerlicht, als eine Avantgarde, die etwas beschließt, was aber in der Wirklichkeit nicht angekommen ist." Argument 2: Nachhaltigkeit. Mit dem Nachsatz: "Da warte ich lieber fünf Jahre länger, als dass Hunderttausende wie in Paris und Madrid dagegen protestieren." Und dann noch Argument 3: Fatalismus. "Jeder, der lesen kann, wusste, dass das Verfassungsgericht letztendlich so urteilen würde. Also, wir wussten das." Am überzeugendsten klingt das Taktikargument. Der CDU-Fraktionsgeschäftsführer Michael Grosse-Brömer hatte zuvor Geschlossenheit angemahnt. Und es werden noch ein paar Posten verteilt dieses Jahr.

Dann sagt Spahn doch noch etwas, was nachdenklich klingt. Es scheint so, als würde es ihn doch ärgern, dass er die Frage seither öfter gestellt bekommt.

Die Flasche Wein ist leer. Gin Tonic? Klar. Den ersten saugt Jens Spahn schneller durch den Strohhalm, als Angela Merkel "Krisenbewältigungsmechanismus" sagen kann. Nahtlos eine zweite Runde. "Das ist ja das Gute bei den Christdemokraten: Wir Menschen erliegen manchmal der Versuchung. Aber dann kommt man nicht mit dem Zeigefinger, sondern sagt: schlecht gelaufen", sagt Spahn. Der Zeigefinger spielt auf die Grünen an, laut Spahn eine "Spießerpartei". Als sein Pressesprecher sich per SMS erkundigt, wie es laufe, schreibt Spahn: "Die füllen mich hier ab." Nebenan bricht der Wahnsinn aus, Kinder spielen schreiend.

Nora Reinhardt , 32, war nach drei Gin Tonic und einer Flasche Wein mit Jens Spahn noch beim »Sie«, auch wenn das anders aussieht. Herrn Spahn, 33, schien das nicht zu stören.

Möchte er heiraten? Er kenne seinen Freund erst seit fünf Monaten, sagt Spahn. Kinder? "Manchmal ja, hätt ich schon Lust. Aber es ist halt, wie es ist." Konkret etwas geplant? "Nee. Welches Kind hätte denn was vom Politikerleben? Muss man ja auch mal realistisch sein." Das scheint ihm sehr wichtig: realistisch zu sein. Spahn sagt das immer wieder an diesem Abend. Es ist die Sprache eines Politikers, dessen Partei seit Jahren mitregiert. An seinen Vorstellungen klebt nie eine verrückte, fantastische Vision. Was er vorschlägt, muss machbar sein. Wie ist das so, als CDUler im Prenzlauer Berg? Die CDU liegt dort bei um die zehn Prozent. "Der durchschnittliche Bewohner lebt eigentlich das CDU-Programm: Er hat Kinder, streicht im Kindergarten die Wände mit an, die Eltern kommen zu Besuch, Nachbarschaftshilfe – die müssten alle CDU wählen. Aber wir sind nicht mal das Feindbild. Wir kommen gar nicht vor."

CDU als "Partei des weißen alten Mannes"

Das Image – die CDU gelte noch immer als "Partei des weißen alten Mannes". Dabei habe man "ein Diversity-Kabinett": "einen Finanzminister im Rollstuhl, einen gebürtigen Vietnamesen als Vizekanzler, einen schwulen Außenminister, eine Frau mit sieben Kindern als Arbeitsministerin und viele Facetten mehr." Kunstpause. "Gerhard Schröders Kabinett war eintöniger, alles Machomänner. Aber wir kriegen das nicht rüber." Spahn wirkt jetzt angefressen. "Da leide ich manchmal drunter." Ich hake nach, wie das mit dem Vorwurf der Lobbyverstrickung sei.

Jens Spahn ist kein Typ, der sich provozieren lässt, er widerspricht nie direkt. Immer antwortet er ruhig, eloquent und pädagogisch. Das macht es ziemlich angenehm, sich mit ihm zu unterhalten. Den Vorwurf, er würde indirekt von Pharmalobbyismus profitieren, hatte der "Focus" 2012 verbreitet. "Ich hatte meinem Freund Markus Jasper Geld geliehen, der davon eine Gesellschaft gründete. Als Gegenleistung wurde ich daran beteiligt. Lange bevor der Artikel erschien, trat ich aus, weil ich befürchtete, dass daraus jemand etwas konstruieren könnte. Wer die Auftraggeber waren, also ob aus der Pharmabranche oder nicht, weiß ich gar nicht." So klingt Spahns Version. Könnte er sich vorstellen, Minister zu werden? Jens Spahn spult nun grinsend folgendes offizielles Statement ab: "Erst müssen wir die Wahl gewinnen, danach schauen wir weiter." Gehört habe er noch nichts. Im Subtext vernehme ich deutlich: Klar, wieso denn nicht, ich kenne mich sehr gut mit Gesundheitsthemen aus und habe die politische Erfahrung.

Eine Schlussrunde Gin Tonic. Es ist der letzte Abend, bevor Spahn wochenlang zum Wahlkampf in seinem Kreis ist. Somit auch der letzte Abend mit seinem Freund. Es werden hektisch Nachrichten hin und her geschrieben, wann er fertig sei. Jens Spahn zeigt mir sein Wahlplakat auf dem iPhone; er trägt darauf Dreitagebart. Mir fällt Loriots Bonmot ein, laut dem der beste Platz für einen Politiker das Wahlplakat sei: Dort sei er tragbar, geräuschlos und leicht zu entfernen.

Das Handy blinkt, der Freund. Gegen halb zehn sagt Spahn: "Ich muss jetzt wirklich los, meine Ehe retten." Er sagt das wirklich so, "meine Ehe". Nach ein paar Gin Tonic wird eben auch mal ein CDU-Mann unrealistisch.

Dieser Text ist in der Ausgabe 10/13 von NEON und auch digital für das Tablet auf iOS und Android erschienen. Hier können Einzelhefte des Magazins nachbestellt werden.

Fotos: Norman Konrad