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Wie Trennungen gelingen: Das Liebes-Aus als Chance

Jährlich stehen 200.000 Paare vor den Scherben ihrer Ehe. Doch die Partnerschaft muss nicht im Rosenkrieg enden. Wie man den Mut zur Trennung entwickelt und das Potenzial erkennt, das darin liegt.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Nicht ein Wort sprechen sie mehr miteinander. Und das ziehen die beiden konsequent durch, bereits seit bald acht Jahren. "Und wenn es nach mir geht, bleibt das so", brummelt Theresia S. aus München. Kommt die Rede auf ihren Ex-Mann, verdunkelt sich ihre Stimmung sofort. Während ihrer Scheidung, so erzählt sie, seien sie in einem "permanenten Kriegszustand" gewesen. Sofort fällt einem da der Film "Rosenkrieg" ein, Kathleen Turner und Michael Douglas, die sich bis aufs Blut bekämpfen. Erst die große Liebe, und Jahre später würde man sich am liebsten an die Gurgel gehen – ist das der typische Verlauf, wenn Partnerschaften in die Brüche gehen? Oder geht es auch anders?

Jutta Martha Beiner hat sich für ihr Buch "Mut zur Trennung", das Mitte Juni im Systemed-Verlag erscheint, auf Spurensuche gemacht. Ihre eigene Trennung brachte sie nach 13 Jahren Beziehung hinter sich. Acht Jahre alt war ihr Sohn damals. "Mein Mann und ich hatten nur noch wenig gemeinsam, konnten überhaupt nicht mehr miteinander reden, Spannungen lagen in der Luft", so Beiner. Um sich von der traurigen Wahrheit abzulenken, hätte sie sich auf Beruf und Freundschaften konzentriert, "sodass ich kaum noch Zeit mit meinem Partner allein verbringen musste." Dass es so nicht ewig weitergehen konnte, war abzusehen.

Sprung in ein neues Leben

Dabei ging es ihr nicht anders als vielen anderen Paaren in Krisensituationen: Man zögert das Ende weiter hinaus. Mindestens sechs Jahre habe sie gebraucht, so Beiner, um sich zu einer Scheidung durchzuringen. "Ich erinnere mich an die überbordende Traurigkeit, die dennoch etwas Erleichterndes hatte, als es soweit war", erzählt sie. "In meinem Auto fuhr ich allein herum und hörte dabei Songs von Eric Clapton." Nur drei Wochen nach ihrer Scheidung wagte sie alleine mit ihrem Sohn den Sprung in ein völlig neues Leben in Norwegen, "meinem Traumland". "Ich habe gelernt, auf meine eigenen Kräfte zu vertrauen und mich auf neue Möglichkeiten konzentriert", so Beiner. Aufgrund ihrer eigenen Erfahrung ist sie überzeugt: "Jede Trennung birgt in sich ein enormes Potenzial." Man könne sich selbst ganz neu entdecken. "Wir können erfahren, wer wir unter der Oberfläche des alltäglichen Funktionierens tatsächlich sind."

Die Scheidung als Chance. Ein Blickwinkel, der in eine andere als die übliche Richtung geht. Die Psychologie beispielsweise ordnet Scheidungen den so genannten "kritischen Lebensereignissen" zu. Neben dem Tod des eigenen Partners und einem Gefängnisaufenthalt steht die Scheidung auf der Stress-Skala ganz oben. Stress, den in Deutschland jährlich rund 200.000 Paare erleben. Mittlerweile wird jede zweite Ehe geschieden, im Durchschnitt nach gut 14 Jahren.

"Eine Scheidung ist schwer auszuhalten. Kaum ein Zwanzigjähriger hat sie doch in seinem Lebensplan", sagt Wolfgang Schmidbauer. Der Psychoanalytiker ist einer der bekanntesten Paartherapeuten Deutschlands und befasst sich seit mehr als 30 Jahren mit Krisen in Partnerschaften, unter anderem in seinem Buch "Mobbing in der Liebe"(Goldmann Verlag). " Eine Scheidung kränkt, weckt Gefühle, total versagt zu haben, gegen die sich erst allmählich der Gedanke durchsetzt, dass eine konstruktive Trennung das kleinere Übel ist, verglichen mit einer schlechten Ehe." Oder einer schlechten Partnerschaft.

Den richtigen Moment gibt es nicht

Ob verheiratet oder nicht: Wann aber ist der beste Moment für eine Trennung? "Es gibt keinen besten Moment, nicht einmal einen guten", so Schmidbauer. "Trennungen sind immer schmerzhaft, es ist richtig, lange damit zu zögern und auch etwas Leid in Kauf zu nehmen." Erst wenn sich die Überzeugung festige, dass die Trennung für die Partnerschaft und eventuell für die Kinder das kleinere Übel sei, sei es an der Zeit. Dass man der Kinder wegen zusammen bleiben soll, ist eine oft gehörte These. Doch ist da etwas dran? " Partner müssen für ihre Kinder sorgen, gemeinsam wie getrennt", so Schmidbauer. Kinder würden vor allem den plötzlichen Weggang eines Elternteils mit Ängsten erleben. " Wenn hingegen schon lange klar ist, dass sich die Eltern nicht lieben und gegenseitig schwächen, empfinden Kinder die Trennung der Eltern oft als Erleichterung."

Wer vor dem Liebes-Aus steht, würde am liebsten dem Partner das ganze Fiasko in die Schuhe schieben. Und die meisten tun es auch. Beliebte sind Vorwürfe wie: "Er hatte ja bloß noch seinen Job im Kopf" oder "Wäre sie nicht fremd gegangen, wäre das nicht passiert". Die Rolle des Opfers scheint verführerisch, doch sie führt in die Sackgasse. "Wir müssen raus aus der Opferrolle, damit schadet man sich nur selbst", so Beiner. Die entscheidende Erkenntnis lautet: Das Ende einer Partnerschaft hat nicht nur einer von beiden verursacht. Klar, der Seitenspringer ist der Buhmann. Aber letztlich ist Untreue auch ein Indiz, dass es vorher schon nicht mehr so rund lief.

Raus aus der Opferrolle

Ganz natürlich ist es, dass man erst einmal nicht wahrhaben will, was da geschehen ist. Nach der Trennung ist das Verleugnen die erste von vier Phasen, die die meisten durchlaufen. Man hofft, die Kurve noch zu kriegen, obwohl nichts mehr zu retten ist. Endet diese Illusion, erkennt man schließlich: Kein Weg führt mehr zurück. Es beginnt die Phase der Trauer, die längste und schwierigste aller Phasen. Hat man diese überwunden, meldet sich Wut, Rachegedanken tauchen auf. Ist das emotionale Tief durchgestanden, so ist man schließlich bereit zu akzeptieren, was nicht mehr zu ändern ist. Das "Ja" zu den Gegebenheiten ermöglicht schließlich, sich neu zu orientieren.

Doch wie nach der Trennung weitermachen? "Die Partner sollten versuchen, erst einmal miteinander nicht schlechter umzugehen als mit einem Arbeitskollegen oder Nachbarn", rät Schmidbauer. Problematisch sei der Versuch, "Freunde zu bleiben". Freundschaft setze voraus, dass in einer Beziehung positive Gefühle überwiegen. "Doch nach einer Liebestrennung sollten wir zufrieden damit sein, wenn nicht Wut, Angst und Rachsucht das Bild beherrschen. Gegen diese Gefühle hilft Sachlichkeit mehr als die Fantasie einer Freundschaft." Um zu einem stabilen Alltag zurückzufinden, sei auch der Verzicht auf Machtkämpfe entscheidend, ist Jutta Martha Beiner überzeugt.

Generell müsse man sich klarmachen, dass man der Situation nicht ausgeliefert sei, sondern Einfluss nehmen könne. Nach der Trennung müsse jeder ganz für sich allein eine Wahl treffen, wie es weitergehen soll, sagt Beiner: "Ob man in Selbstmitleid und ewigem Klagen über die Schwere des eigenen Schicksals versinkt. Oder ob man bereit ist, mit einem Set an Werten wie Respekt, Kommunikation, Aufrichtigkeit und einem 'Ja' sein Leben selbst in die Hand zu nehmen."

  • Sylvie-Sophie Schindler