Wissenschaftsskandal Keine Rente für den Fälscher-Prof


Es ist einer der größten Wissenschaftsskandale in Deutschland: Der Anthropologe Protsch von Zieten hat jahrzehntelang fossile Menschenschädel absichtlich falsch datiert. Die Uni wusste seit 21 Jahren davon und unternahm nichts.

Die "Kommission zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten" bezichtigt den Frankfurter Anthropologen Reiner Protsch von Zieten, "im Verlauf der vergangenen 30 Jahre immer wieder wissenschaftliche Fakten gefälscht und manipuliert" zu haben. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main ermittelt wegen Untreue gegen den Professor. Ob es zu einer Anklage kommt, steht nach Auskunft der Behörde zurzeit aber noch nicht fest.

Der renommierte Forscher Reiner Protsch von Zieten hat nach Überzeugung des Gremiums damit sein Professorenamt für massive Fälschungen und Manipulationen missbraucht. Die Kommission empfahl in ihrem jetzt in der Mainmetropole veröffentlichen Abschlussbericht harte Disziplinarmaßnahmen gegen den mittlerweile emeritierten Professor.

Schädel zehntausende von Jahren vordatiert

Erstmals war im August vergangenen Jahres der begründete Verdacht aufgekommen, dass Protsch von Zieten offenkundig vermeintliche Schädelfunde aus der menschlichen Vorgeschichte um zehntausende von Jahren vordatiert und damit ein verfälschendes Bild von der Entwicklung des Menschen gezeichnet hatte. Untersuchungen mit der Radiokarbonmethode ergaben nach Expertenangaben, dass von Protsch von Zieten als Sensationsfundstücke vorgestellte Schädelfragmente statt mehr als 30.000 Jahre nur wenige hundert Jahre alt waren.

Er galt als hervorragender Sachkenner

Der in Fachkreisen ursprünglich als hervorragender Sachkenner geltende Frankfurter Professor habe damit die anthropologische Wissenschaft in die Irre geführt, hieß es. Der Greifswalder Archäologe Thomas Terberger wurde bereits vor Monaten mit den Worten zitiert: "Die Anthropologie muss jetzt ein neues Bild des anatomisch modernen Menschen in dem Zeitraum zwischen 40.000 und 10.000 entwerfen."

Nach dem Kommissionsbericht hat Protsch von Zieten unter Vorspiegelung eines funktionierenden Datierungslabors "Auftraggeber von Datierungsanalysen getäuscht, das geistige Eigentum anderer missbraucht beziehungsweise plagiiert, seine Regelverletzungen systematisch verschleiert und sich Gegenstände im Eigentum anderer rechtswidrig angeeignet oder über deren Herkunft getäuscht". Die Kommission empfahl zu prüfen, ob Protsch von Zieten nach der auf dessen eigenen Antrag erfolgen Versetzung in den Ruhestand "das Ruhegehalt abzuerkennen ist".

Machenschaften seit 21 Jahren bekannt

Frühere Hochschulleitungen seien dem spätestens vor 21 Jahren bekannt gewordenen massiven Fehlverhalten des Anthropologen aber auch nicht konsequent genug nachgegangen, kritisiert die Kommission in dem Bericht. Die Mitarbeiter des Instituts, der Fachbereich Biologie und Informatik sowie die Hochschulverwaltung seien "in unterschiedlichem Umfang mitverantwortlich dafür, dass die intern offenbar teilweise bekannten Vorgänge erst seit Januar 2004 rekonstruiert und die Beweise gesichert werden konnten".

Das Präsidium der Frankfurter Universität verwies darauf, dass mit der Versetzung Protsch von Zietens in den Ruhestand ein Hauptziel der Hochschule erreicht sei. Ferner komme die teilweise oder vollständige Aberkennung des Ruhegehalts in Betracht. "Damit hat die Universität mit äußerster Konsequenz alles in ihrer Macht stehende zur Aufklärung des Falles Protsch von Zieten getan", erklärte Universitätspräsident Rudolf Steinberg, der sich ausdrücklich im Namen der Universität "bei allen durch Herrn Protsch von Zieten Geschädigten" entschuldigte.

Anselm Bengeser/AP


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