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Archäologie: Neandertaler waren besser als ihr schlechter Ruf

Als dumm und primtiv galten sie - die Neandertaler. Neue Funde zeigten, dass die Neandertaler den modernen Menschen sozial und technologisch ebenbürtig waren.

Als dumm und primtiv galten sie - die Neandertaler. Gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts hat die Forschung dieses besonders in populären Darstellungen vermittelte Bild jedoch entscheidend korrigiert. Neue Funde und Datierungen, neue Forschungstechniken und Erklärungsmodelle zeigten, dass die Neandertaler den aus Afrika über Vorderasien einwandernden so genannten anatomisch modernen Menschen sozial und technologisch ebenbürtig waren. Diese hatten «keine Chance, Neandertaler als Neandertaler zu erkennen», sagt Professor Gerd-C. Weniger, Direktor des Neanderthal Museums in Mettmann.

Primitivität wiederlegt

In dem Buch „Die Neandertaler. Eine Spurensuche“ erscheinen die Neandertaler als voll entwickelte Menschen von durchaus «modernem» Verhalten. Ähnlich wie die Autoren Bärbel Auffermann, stellvertretende Leiterin des Neanderthal Museums, und Jörg Orschiedt, Archäologe der Universität Hamburg, schildern auch Berichte in der Zeitschrift «Archäologie in Deutschland» die Neandertaler. Ihr oft auch karikiertes Erscheinungsbild wird heute als typische Anpassung an die Kältephasen ihrer Zeit und Folge ihrer Lebensweise interpretiert.

Bei früheren Versuchen, das Aussehen der Neandertaler zu rekonstruieren, war von einigen Körpermerkmalen auf geringe Intelligenz und Primititivität geschlossen worden. Zu diesem negativen Image trugen neben Schädelform und Statur der Neandertaler auch der ihnen unterstellte Gebrauch der Keule und ihre vermutete Nähe zu Höhlen bei. Für den Keulengebrauch gibt es jedoch keinen einzigen archäologischen Nachweis. Die Höhlenvorstellung geht vermutlich darauf zurück, dass die ersten vorgeschichtlichen Funde vor allem an Wohnplätzen in Höhlen und unter Felsvorsprüngen gemacht wurden.

Meister der Anpassung an ihre Umwelt

Als Jäger und Sammler waren die Neandertaler, die sich vor rund 300 000 Jahren aus dem Homo erectus entwickelten, Meister in der Anpassung an ihre Umwelt. Sie legten ihre Lagerplätze so an, dass in einem Umkreis von wenigen Gehstunden ein breites Spektrum von Pflanzen und Tieren anzutreffen war. Auch während der Kaltzeiten, in denen sie vor allem jagen mussten, lernten sie dauerhaft in Europa zu überleben. Es ist heute bekannt, dass sich das Klima zur Zeit des Neandertalers gelegentlich sehr schnell änderte. Überleben erforderte viel Flexibilität.

Auch die technischen Fähigkeiten der Neandertaler waren relativ weit entwickelt. Ihre Angehörigen stellten nicht nur Faustkeile her, sondern auch Klingen. Sie konnten in Steingeräte auch Messergriffe aus Holz einsetzen. Als sensationell gilt ein Fund, der zeigte, dass die Neandertaler schon die Technik kannten, Pech aus Birkenrinde zu gewinnen und als Klebstoff zu benutzen.

Aussterben durch Kälte

Ein besonders kontrovers diskutiertes Thema ist der Übergang von den Neandertalern zu unseren Vorfahren. Die einfache Vorstellung, dass die Zuwanderer aus dem Süden die Einheimischen überflügelten, weil sie eine überlegene Technik mitgebracht hätten und geistig leistungsfähiger gewesen seien, erscheine nicht mehr haltbar, schreiben Auffermann und Orschiedt. Der Übergang werde inzwischen als ein komplexer kultureller Prozess angesehen.

Auch die vielen Klimaveränderungen in den 20 000 Jahren vor dem Verschwinden der Neandertaler werden als Faktor genannt. Sie könnten besondere Wanderungsbewegungen ausgelöst haben. Und das Einwandern neuer Menschengruppen könnte dann das bisherige Verhaltensgefüge gestört und zu einem Abwandern von Neandertalern geführt haben. Damals lebten in Europa nach groben Schätzungen nur maximal 250 000 Menschen. Daher hätten die anfangs zahlenmäßig sicherlich unterlegenen Zuwanderer im Falle einer nur geringfügig günstigeren Geburts- und Sterberate innerhalb weniger Generationen einen wesentlichen Bevölkerungsvorteil gehabt.

Sicher ist, dass die Neandertaler vor etwa 30 000 Jahren ausgestorben sind. Da es im Erbgut des heute lebenden Menschen keine Hinweise auf Neandertalergene gibt, gilt es auch als belegt, dass sich die Neandertaler nicht dauerhaft mit den anatomisch modernen Menschen vermischt haben.