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Biologie: Unterwegs mit dem Fressfeind

Auf einer Insel im Indischen Ozean haben Biologen eine ungewöhnliche Gang entdeckt. Ein Nikobaren-Spitzhörnchen, Flaggendrongos und Habichte gehen gemeinsam auf die Jagd. Und weil das jedem irgendwie nutzt, frisst auch keiner den anderen auf.

Biologen sind auf einer Insel im Indischen Ozean auf eine ungewöhnliche Dreierallianz gestoßen: Nikobaren-Spitzhörnchen gehen dort mit den elsterähnlichen Flaggendrongos und Habichten gemeinsam auf Nahrungssuche. Die beiden Vögel profitieren von den durch die Hörnchen aufgescheuchten Insekten, während diese durch die Gegenwart des Flaggendrongos vor tödlichen Angriffen durch die Habichte geschützt sind. Ihre Beobachtungen stellen Meera Anna Oommen vom Madras Crocodile Bank Trust in Tamil Nadu und Kartik Shanker von Indischen Institut für Wissenschaft in Bangalore im Fachmagazin "Biology Letters" der Royal Society in London vor.

Auf das friedliche Miteinander von Räuber, potenziellem Beutetier und Vermittler stießen die Forscher bei Feldstudien auf der Hauptinsel der Nikobaren, einer Inselgruppe im Indischen Ozean. Hauptakteur der Dreierallianz ist das Nikobaren-Spitzhörnchen, das sich auf Bäumen aufhält und sich überwiegend von den Insekten ernährt, die es auf langen Beutezügen erbeutet. Auf seinem Weg durchs Dickicht scheucht das nur 75 Gramm leichte Hörnchen allerhand fliegendes und krabbelndes Kleingetier auf, das seinem flinken Zugriff häufig entkommen kann. Genau auf diese Insekten haben es die Flaggendrongos und die Habichte abgesehen, die sich gerne im Gefolge der Hörnchen aufhalten.

Die Hörnchen machen die Arbeit, haben aber am wenigsten davon

Während die Gegenwart der Flaggendrongos für die Hörnchen nicht ungewöhnlich ist, könnten Habichte für die Kleinsäuger durchaus gefährlich werden: Die Greifvögel sind vier- bis fünfmal so schwer wie sie und könnten diese also durchaus verspeisen. Doch in Gegenwart der als extrem wachsam geltenden Flaggendrongos kommt es nicht zu solchen Übergriffen, beobachteten die Forscher. Ließen die Drongos allerdings die Hörnchen allein, erkannten diese die Gefahr und bemühten sich schleunigst, den Abstand zum potenziellen Räuber zu vergrößern. Dies kommt jedoch selten vor: Bei insgesamt 310 Sichtungen fehlten die Drongos nur in fünf Fällen - und das auch nur, weil die Vögel sich kurz zuvor von der Dreierallianz entfernt hatten.

Während die beiden Vögel eindeutig von der Zusammenarbeit mit den Hörnchen profitieren, scheinen diese selbst am wenigsten Nutznießer der Allianz zu sein: Als Einzelgänger ergriffen sie durchschnittlich alle 71 Sekunden eine Beute, fanden die Forscher heraus, in Gegenwart der Vögel war es hingegen nur alle 201 Sekunden. Offenbar bleibt den Tieren nichts anders übrig, als die Präsenz der Vögel zu dulden und sich darüber zu freuen, von den Habichten wenigstens nicht verspeist zu werden.

DDP / DDP