Brehms Tierleben Kukuk, Stinkthier und Girafe

Ein Buch wie eine Arche, auf der fast alle Geschöpfe Platz haben. "Brehms Tierleben" hat mehr als 130 Jahre auf dem Buckel und ist noch immer ein Klassiker. Roger Willemsen hat 100 Texte zusammengestellt - in der originalen Rechtschreibung.

Affe und Ameise, Zaunkönig und Zitteraal, Mistkäfer und Mauersegler, auch Wombat und Walross fehlen nicht. Für eine prachtvolle Neuausgabe von Alfred Brehms unverwüstlichem "Tierleben" hat Roger Willemsen eine Auswahl von fast 100 Texten zusammengestellt, kongenial begleitet von wunderbaren Illustrationen aus der Feder von Klaus Ensikat.

Ein Prachtexemplar von Lexikon ist so entstanden, ein staunenswertes, mäanderndes Pfundsbuch, basierend auf der zweiten, zwischen 1876 und 1879 erschienenen Ausgabe von "Brehms Tierleben". Die ursprüngliche Rechtschreibung wurde nicht "behutsam" modernisiert, sondern beibehalten.

Brehm war ein Geschichtenerzähler

Warum sollte man den populärwissenschaftlichen, in vielen Punkten von der modernen Zoologie und Biologie längst überholten "Brehm" heute noch lesen? Vielleicht, um wieder ein Gespür zu bekommen für die Vielfalt der Schöpfung und neugierig zu werden auf die Mannigfaltigkeit, die uns immer noch umgibt. Oder einfach deshalb, weil der Zoologe, Forschungsreisende und Schriftsteller Alfred Brehm (1829-1884) in erster Linie ein guter Geschichtenerzähler war.

Mit nie nachlassendem Enthusiasmus breitet Brehm seine Lesefrüchte, empirisch auf vielen Forschungsreisen gewonnenen Beobachtungen, Mutmaßungen und auch sentimentale, bisweilen biedermeierliche Anwandlungen vor uns aus: "Der Igel ist ein drolliger Kauz und dabei ein furchtsamer Gesell, welcher sich ehrlich und redlich, unter Mühe und Arbeit durchs Leben schlägt." Aber Vorsicht bei näherer Bekanntschaft, denn unser "Stachelheld" ist "wenig zum Gesellschafter geeignet".

Der "Kukuk": ein "wahrer Mensch im Federkleide"

So skurril, komisch und menschelnd sind aber nur wenige Passagen, Brehm schreibt als Enthusiast, aber er ist kein Idylliker. Tiere sind für ihn immer primär Forschungsgegenstand, ein Objekt, das auch gejagt und getötet werden darf. Sein umfangreicher Artikel über das Nilpferd erhält nicht zuletzt eine selbst erlebte afrikanische Safari-Episode, in der der Erzähler seinen Spaß am Schießen und Töten kaum verbergen kann. Andererseits kritisiert er hellsichtig den ausufernden, industriell betriebenen Walfang in der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Oder er ruft zum Schutze des "Kukuks" auf: "und darum ist es die Pflicht jedes vernünftigen Menschen, dem Walde seinen Hüter, uns den Herold des Frühlings zu lassen, ihn zu schützen und zu pflegen". Singt verzückt, wie viele Dichter nach ihm, das Hohelied des Kranichs, ein "wahrer Mensch im Federkleide".

Die heute oft diffamierten Tauben erschienen ihm pathetisch als "Weltbürger im weitesten Sinne des Wortes!". Der Artikel über die Stubenfliege dagegen gerät dem faszinierten Autor zur veritablen Horrorgeschichte. Und so geht es weiter und weiter - "Brehms Tierleben" ist ein Dschungel, in dem man sich verlieren kann.

Johannes von der Gathen/DPA DPA

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