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Carl Djerassi: Ein männlicher Feminist

Bei einem Versuch Kortison künstlich herzustellen, erfand Carl Djerassi die Anti-Baby-Pille. "Ein Riesenvorteil für die feministische Bewegung", erklärt er rückblickend.

Er bezeichnet sich selbst als "männlichen Feministen". Carl Djerassi, der Vater der Anti-Baby-Pille, ist überzeugt: "Die Pille war ein Riesenvorteil für die feministische Bewegung". Eigentlich wollte der Wissenschaftler ein Mittel gegen Arthritis finden. Er entdeckte einen Weg, Kortison synthetisch herzustellen und erfand dabei das hormonale Empfängnisverhütungsmittel. Dennoch ist Djerassi nicht nur Forscher und Chemiker, sondern auch Unternehmer und Literat. Neben Gedichten und Kurzgeschichten hat er auch mehrere Theaterstücke geschrieben.

Anfang der 50er Jahre gelang es Djerassi, das Schwangerschafts-Hormon Gestagen künstlich herzustellen. Daraufhin entwickelte er zusammen mit den Bostoner Pharmakologen Gregory Pincus und John Rock die erste hormonelle Verhütungspille. Damals ahnten die Wissenschaftler nicht, dass ihre Erfindung zu so einem Erfolg wird. In den USA wurde die Anti-Baby-Pille bereits 1957 zugelassen, als Abtreibung in den meisten Staaten noch verboten war. Deswegen erhielt die orale Verhütungsmethode, kurz einfach nur Pille genannt, schnell breite Akzeptanz. In Europa musste sie sich erst gegen den Widerstand der Kirche durchsetzten. Seit 1962 ist die Pille in Deutschland erhältlich.

Trennung zwischen Sex und Fortpflanzung

Den Begriff "Anti-Baby-Pille" lehnt Djerassi vehement ab. "Das ist keine Pille gegen Babys, sondern eine Pille für Frauen", unterstreicht er. Schon damals prognostizierte er eine wachsende Trennung zwischen Sex und Fortpflanzung. Die Pille stellte für ihn dabei nur einen logischen Schritt in dieser Entwicklung dar. Er veröffentlichte rund 1200 wissenschaftliche Arbeiten, in denen er sich auch mit den gesellschaftlichen Folgen seiner Erfindung auseinander setzte.

Djerassi machte sich ab Mitte der 80er Jahre als Literat einen Namen. In der von ihm erfundenen Roman-Gattung "Science in Fiction" dramatisierte er naturwissenschaftliche Zusammenhänge und machte sie auf diese Weise für ein auf Entertainment ausgerichtetes Publikum interessant. In den Werken "Cantor's Dilemma" und "Bourbaki Gambit" beschreibt er zum Beispiel das leidenschaftliche Verlangen von Wissenschaftlern nach Anerkennung. Außerdem schrieb er mehrere Theaterstücke, die ebenfalls den Wissenschaftsbetrieb behandeln.

Carl Djerassi wurde am 29. Oktober 1932 in Wien geboren. Während seiner Kindheit lebte er mit seinen Eltern, beide jüdische Ärzte, erst einige Jahre in Bulgarien und dann wieder in Wien. Im Jahr 1938 flohen seine Eltern mit ihm vor den Nazis in die USA. Dort studierte er an verschiedenen Universitäten Chemie. Im Alter von 22 Jahren promovierte er an der Universität von Wisconsin. Seit 1959 lehrt er als Professor an der Stanford Universität. Er erhielt unzählige Auszeichnungen und 19 Mal den Ehrendoktortitel. Jahrzehntelang leitete er außerdem die heute zum Novartis-Konzern gehörende Zoecon-Corporation.

Irena Güttel
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