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ERDBEBEN: Hunderte übernachteten im Freien

Nach dem schweren Erdbeben im Westen der Türkei haben hunderte Menschen die Nacht zum Montag bei eisigen Temperaturen im Freien verbracht.

Nach dem schweren Erdbeben im Westen der Türkei haben hunderte Menschen die Nacht zum Montag bei eisigen Temperaturen im Freien verbracht. Sie drängten sich um offene Feuerstellen und suchten unter Wolldecken und Plastikplanen Schutz. Die Einsatzkräfte des Zivilschutzes stellten ihre von Spürhunden unterstützte Suche nach Verschütteten ein, da sie keine Überlebenden mehr unter den Gebäudetrümmern vermuteten.

Nach einer Bilanz des Innenministeriums in Ankara sind 43 Menschen ums Leben gekommen und weitere 318 verletzt worden. Das örtliche Krisenzentrum hatte die Zahl der Toten zuletzt mit 45 angegeben. Wie das Innenministerium am Montag, gut 24 Stunden nach dem Beben, mitteilte, wurden insgesamt mehr als 600 Gebäude schwer oder mittelstark beschädigt: 340 Wohnhäuser, 246 Geschäfte und 36 öffentliche Gebäude.

»Es gibt kein warmes Essen und kein Wasser«

Die ersten Rettungsmannschaften, die 14 Menschen nur noch tot aus den Trümmern bergen konnten, machten sich am Montag wieder auf den Heimweg. Nach Angaben des Ministeriums waren aus Ankara, Bursa, Izmir, Sakarya und Afyon insgesamt 186 Retter mit voller Ausrüstung und neun Suchhunden in das Erdbebengebiet gekommen.

In der Nacht auf Montag sanken die Temperaturen unter den Gefrierpunkt. »Was wir am nötigsten brauchen ist ein warmer Platz«, sagte eine Frau in dem Dorf Eber, in dem 15 Menschen in Trümmern ihrer Häuser starben. Gemeinsam mit zehn anderen Frauen suchte sie unter einer Plastikplane Schutz, die an der offenen Heckklappe eines Lastwagen angebracht war. Männer wärmten sich an offenen Feuerstellen. Frauen, Kinder und ältere Menschen saßen eingehüllt in Wolldecken in Autos. »Es gibt kein warmes Essen und kein Wasser«, klagte ein 17-jähriges Mädchen. Ein 60-jähriger Mann, dessen Schwester in den Trümmern ihres Hauses umgekommen war, sagte, es sei das schlimmste Erdbeben gewesen, dass er erlebt habe.

»Der Staat tut alles«

Mehr als 100 Gebäude waren durch die Erdstöße eingestürzt. Es kam zu zahlreichen starken Nachbeben. Die Regierung richtete einen Krisenstab ein. Die Behörden sandten mobile Sanitätseinrichtungen, Zelte und andere provisorische Unterkünfte sowie Lebensmittel in die betroffenen Region. Ministerpräsident Bülent Ecevit flog noch am Sonntag in das Erdbebengebiet, um sich selbst ein Bild vom Ausmaß der Katastrophe zu machen. Der Staat tue alles, um die Not und den Schmerz der Menschen zu lindern, sagte Ecevit.

Das Bundesinnenministerium bot der Türkei Hilfe an. Das Technische Hilfswerk sei aktiviert, hieß es in einer Mitteilung des Ministeriums.

Die Provinz Afyon ist eine größtenteils ländliche Region mit rund einer Million Einwohnern. Viele Menschen leben auf Bauernhöfen und in kleinen Häusern, die aus getrockneten Lehmziegeln und Holz gebaut sind. Die größten Schäden gab es offenbar in den Regionen um Sultandagi und Cay.

Viele Tote wegen schlampiger Bauweise und Interessenklüngel

Schwere Vorwürfe wurden gegen Bauindustrie und Behörden erhoben. Die Kritiker sind sich einig: Bei professioneller Bauweise der Häuser sowie Einhaltung und Kontrolle der Vorschriften kämen weit weniger Menschen zu Tode.

Als im August 1999 die Erde in der Region um die Industriestadt Izmit bebte, wurden in der Region 88 000 Häuser unbewohnbar, 600 000 Menschen waren obdachlos, fast 18 000 starben. Sogar im 90 Kilometer entfernten Istanbul gab es Gebäudeschäden. Obwohl die Türkei durchaus strenge Bauvorschriften hat, wurden viele Bauten nicht erdbebensicher und überdies mit minderwertigen (weil billigeren) Materialien errichtet. Die Behörden hatten keine Einwände gegen die so genannten Sandburgen erhoben.

Erdbebensichere Bauweisen könnten viele Leben retten

»Unsere Aufsichtsbehörden haben bei der Kontrolle versagt«, räumte der damalige Innenminister Sadettin Tantan ein. Der Zorn der Betroffenen richtete sich damals nicht nur gegen den Staat, sondern auch gegen die »Baumafia«, ein vermeintliches oder tatsächliches Interessengeflecht von Unternehmern und Kommunalpolitikern. Wegen Pfusch am Bau - etwa zu schwache Fundamente, schlechter Mörtel - kam es zu Verfahren gegen mehr als 160 Ingenieure und Unternehmer; erst ein Jahr später wurde ein Geschäftsmann wegen »Nachlässigkeit und Unüberlegtheit« verurteilt. Die meisten anderen Verfahren waren Presseberichten zufolge eingestellt worden. Die Kommunalpolitiker hatte Tantan sogleich in Schutz genommen: Sie hätten »im Bauwesen nur geringen Einfluss« und könnten illegale Häuser, »sobald sie stehen«, nicht wieder abreißen lassen.

Experten sind sich einig, dass die Anwendung von Erkenntnissen über erdbebensichere Bauweisen viele Leben retten könnte. So käme Los Angeles bei einem ähnlichen Beben glimpflicher als das türkische Izmit davon, weil sich der US-Bundesstaat Kalifornien besser gerüstet habe - mit strengen Kontrollen und »elastischeren« Bauten. Auch in Japan wird Erdbebensicherheit beim Bau von hohen Häusern groß geschrieben. Trotzdem stürzten bei dem schweren Beben in Kobe 1995 mehrere tausend Gebäude ein, es gab über 6000 Tote. In Mexiko-Stadt überstanden 1985 vor allem Bauten aus der Kolonialzeit und auf spezielle Fundamente gesetzte Hochhäuser Erschütterungen der Stärke 8,1. Mehr als 400 Häuser, darunter viele Mietskasernen, brachen wie Kartenhäuser zusammen.