Europäische Raumfahrt Ariane-5-Plus stürzt Europas Raumfahrt in tiefe Krise


Die neue Trägerrakete Ariane-5-Plus sollte eigentlich Europas Vorsprung vor der internationalen Konkurrenz im Satelliten-Geschäft sichern. Doch es kam anders.

Eigentlich sollte die leistungsstarke neue Trägerrakete Ariane-5-Plus Europas Vorsprung vor der versammelten internationalen Konkurrenz im Satelliten-Geschäft sichern. Doch die Super-Rakete blieb bei ihrem ersten Startversuch nach dem Countdown regungslos auf ihrer Rampe im südamerikanischen Dschungel von Kourou hocken. Beim zweiten Mal war das Desaster komplett - das Kühlsystem des Haupttriebwerkes versagte. Die Rakete samt den beiden Satelliten musste gesprengt werden. Seitdem häufen sich die Hiobsbotschaften.

Ein Jahr Verspätung dank Ariane-5-Plus

Im Sog des Ariane-Desasters stürzt die europäische Raumfahrt in eine Krise. Die wohl spektakulärste europäische Sonde aller Zeiten, die eine Milliarde Euro teure Kometen-Mission «Rosetta», kann wegen der Ariane-Probleme frühestens mit einem Jahr Verspätung starten und muss deshalb einen anderen Schweifstern ansteuern. Zumindest für ein halbes Jahr wird es keinen neuen Startversuch der leistungsstärksten Trägerrakete Ariane-5-Plus geben, die bis zu zehn Tonnen Nutzlast in den Weltraum bringen kann. Die «normale» Ariane-5 schafft 6,5 Tonnen.

Die Untersuchungen der Ariane-5 laufen immer noch heiß. Manche wichtigen Starts stehen mit einem Fragezeichen in dem Terminkalender der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) in Paris. Gebremst wird die europäische Raumfahrt auch, weil es noch immer keine endgültige Einigung über das Milliarden-Vorhaben «Galileo» einer europäischen Antwort auf das amerikanische Satelliten-Navigationssystem GPS gibt. Im Dezember war ein greifbar naher Durchbruch für das 3,5 Milliarden Euro teure Netz aus 27 Navigationssatelliten gescheitert. Berlin und Rom streiten sich weiterhin über Führungsrolle und Industrieaufträge.

Schlechtes Timing

Der technische Ariane-Fehltritt kam zu denkbar ungünstiger Zeit. Bei der Betreibergesellschaft Arianespace, die 2002 zum dritten Mal hintereinander rote Zahlen geschrieben haben dürfte, war bereits vor diesen missglückten Starts erhebliche Nervosität zu spüren. Denn das internationale Satelliten-Geschäft ist in magersten Jahren, und die wirtschaftliche Flaute bedeutet Rotstift. Auch hat die mehrheitlich von französischen Aktionären getragene Arianespace - zu sehr? - auf stürmische Fortentwicklung gesetzt. Die Ariane-4, jahrzehntelang ein verlässliches Arbeitspferd, macht am 12. Februar ihren letzten Flug und muss aufs Altenteil. Was Europa also bleibt, ist die Ariane-5.

ESA-Chef Antonio Rodota hat unlängst den Kurs für das vorgegeben, was in der Branche schon «Fight um die letzten Pfründe» genannt wird. «Es ist wichtiger, jetzt ein Umfeld des Vertrauens zu schaffen, also ein sicheres Raketensystem zu haben», verlangt der Spanier. «Und wir müssen unsere Organisation abspecken.» Konkret geht es zunächst um 300 Millionen Euro. Sie hätten in die Fortentwicklung der Ariane bis zu einer gigantischen Nutzlast von 12 Tonnen gesteckt werden sollen.

Mindestens bis Mai noch Turbulenzen

Die gewaltigen Turbulenzen dürften mindestens bis Mai noch die europäische Raumfahrt erschüttern. Auf einer Sondersitzung wollen die zuständigen ESA-Ressortminister dann unter deutscher Leitung in Paris Zukunftsweichen für die Ariane stellen. Arianespace-Chef Jean-Yves Le Gall hofft auf eine Kapitalaufstockung um 150 Millionen Euro, um dem Unternehmen das Blei aus den Flügeln zu nehmen. Ebenfalls im Mai soll dann auch klarer sein, wie der größte Arianespace-Aktionär CNES, die französische Raumfahrtbehörde, künftig aussehen soll. In Fachkreisen ist von notwendigem «Streamlining» und «Industrialisierung» die Rede.

Oft wird darauf verwiesen, dass die US-Konkurrenz von Boeing und Lockheed Martin vom Pentagon mit Milliarden gepäppelt wird. Europa dagegen streitet sich um das so vielversprechende «Galileo»-Projekt. Geht alles gut, dann könnte aber in einigen Wochen nach gründlichen Tests zumindest die «normale» Ariane-5 wieder in Kourou auf der Rampe bereit stehen. Die Europäer möchten starten und damit aus der Krise fliegen. Möglichst aber zum Spartarif in der Economyklasse. Derweil hat Arianespace noch 41 Satelliten-Starts in seinen Auftragsbüchern.


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