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FOSSILIEN: Urmensch bekommt Unterleib

Mehr als 50 Jahre nach dem Fund von »Mrs. Ples« stellt sich heraus, dass das bekannteste Fossil Südafrikas ein »Mr. Ples« ist. Schulkinder gaben hierfür die ersten Hinweise.

Schulkinder und mühsame Detektivarbeit haben der wissenschaftlichen Welt wahrscheinlich das Skelett zu Südafrikas berühmtestem Fossil beschert. Dessen Schädel war jahrzehntelang als »Mrs. Ples« bekannt - als Rest eines vor knapp drei Millionen Jahren gestorbenen menschlichen Vorgängers (Australopithecus africanus). Die Geschichte von »Mrs. Ples« muss jetzt wohl neu geschrieben werden.

Skelett hieß im Volksmund »Mrs. Ples«

1947 war der Schädelknochen in den Sterkfontein-Höhlen westlich von Johannesburg entdeckt worden. Seine Entdecker Robert Broom und John Robinson ordneten den Fund als »Plesianthropus« (griechisch: »fast Mensch«) ein und bestimmten das Geschlecht angesichts bestimmter Merkmale als weiblich. Im Volksmund hieß der Fund nur »Mrs. Ples«. Ein nur zwei Meter davon entfernt gefundenes männliches Skelett war daher auch nie in Verbindung zu dem Schädel gebracht worden.

Nach 50 Jahren genaue Geschlechtsbestimmung möglich

Im Februar dieses Jahres wurde die seit 50 Jahren fest gefügte Meinung jedoch plötzlich erschüttert. Eingehende Untersuchungen eines Wissenschaftler-Teams aus Franzosen und Südafrikanern hatten unter einem modernen Scanner einen Fehler in der Geschlechtsbestimmung offenbar gemacht: »Mrs. Ples« war in Wirklichkeit ein »Mister Ples«. Und damit taten sich ungeahnte neue Möglichkeiten auf. Die französischen Paläontologen Dominique Gommery und Jose Braga sowie der Südafrikaner Francis Thackerey gehen nach eingehenden Recherchen in den Unterlagen der Entdecker Broom und Robinson nun davon aus, dass Schädel und Skelett ein und der gleichen Person zuzuordnen sind.

Die drei Akademiker, die ihre Erkenntnisse gerade in der jüngsten Ausgabe des Südafrikanischen Wissenschafts-Journals veröffentlichten, hatten sich dazu das drei Monate nach dem Schädelfund ausgegrabene männliche Skelett genau angeschaut. Die damaligen Forscher hatten es unter der Bezeichnung »Sts 14« registriert. Thackerey: »Nachdem wir die Tiefe, in der beide entdeckt wurden, sowie ihre Position in Bezug auf ein Referenz-Fossil ausgearbeitet hatten, fanden wir heraus, dass Mrs. Ples und Sts 14 aus der gleichen geologischen Ablagerung stammen und in einer Distanz von zwei Metern zueinander lagen.«

Hinweis kam von Schulkindern

Ein erster Hinweis war von eher ungewohnter Seite gekommen: von hunderten Schulkindern. Im Jahr 1998 wurden in Südafrika Schülerinnen und Schüler in einem praktischen Wissenschafts- und Technologie-Jahr vor Ort unterrichtet. Mehrere Schulklassen hatten sich die Vermessung von Nachbildungen des »Mrs. Ples«-Schädels sowie einer anderen Schädeldecke namens »Sts 71« zur Aufgabe gemacht. Mit Lineal und Zentimetermaß hatten die Kleinen dabei große Sorgfalt an den Tag gelegt. Die grafisch umgesetzten Maße wurden mit anderen fossilen männlichen und weiblichen Schädeln verglichen. Damals schon hatten sich erste Hinweise auf Unstimmigkeiten in der Geschlechtsbestimmung ergeben.

Die neue Entdeckung des Skeletts zum Schädel löste bei den Forschern Enthusiasmus aus. »Es gibt nur eine Hand voll kompletter Africanus-Skelette«, sagt Thackerey. Er und seine Kollegen erhoffen sich nun Aufschluss über geschlechtliche Unterschiede der Menschheits-Vorgänger oder auch über die Art, wie sie sich fortbewegten.

Ralf E. Krüger

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