Urmensch Die zwei Gesichter des Neandertalers


Wie sah der Neandertaler aus? Auf diese Frage gibt es gleich mehrere Antworten: Zwei Expertenteams haben anhand von Knochenfunden den Kopf unseres Vorfahren rekonstruiert - die einen mit solider Handarbeit, die anderen mit Hightech.

Ebenso landläufig wie falsch gilt der Neandertaler als grunzend-derber Keulenschwinger. Gleich zwei menschliche Gesichter hat der bekannteste Urmensch der Welt nun erhalten - und beide Expertenteams beanspruchen für sich wissenschaftliche Exaktheit bei den ersten gelungenen Rekonstruktionen. Die jeweiligen Wiederherstellungen im Rheinischen Landesmuseum Bonn und im Neanderthal-Museum bei Mettmann gehören zu den absehbaren Höhepunkten rund um das 150. Jubiläumsjahr der Entdeckung des bedeutenden Urmenschen-Fossils, auf das Steinbrucharbeiter im Sommer 1856 östlich von Düsseldorf gestoßen waren.

Mit Kinn - oder mit Knollennase?

Dank modernster Computertechnik hat der Bonner Neandertaler sein Gesicht zurück erhalten. Aus den in Museumsvitrinen bewahrten Schädelresten des Namenspatrons aller Neandertaler hat ein deutsch-schweizer Expertenteam in einem aufwendigen virtuellen Verfahren eine Büste geschaffen, die mit dunkelbraunen Augen, mittellangem Naturhaar und schütterem Bart aus dem mutmaßlichen Vetter des heutigen Menschen einen durchaus sympathischen und entspannt blickenden Zeitgenossen mittleren Alters macht. Auch ein Kinn, das dem Neandertaler bislang abgesprochen wurde, ist sichtbar.

Auch im Neanderthal-Museum bei Mettmann ist eine unlängst vollendete Rekonstruktion zu sehen. Diese Wiederherstellung zeigt auf der Basis sämtlicher Original-Knochenfunde die knapp 1,70 Meter große Gestalt des in Museumsnähe entdeckten Urmenschen als schelmisch lächelnden Jäger lässig auf seinen Speer gestützt. Knollennase und langer Spitzbart wirken bei dem älteren Herrn in Lederbeinkleid ein wenig als Karikatur.

Gesichtsausdruck ist künstlerische Freiheit

"Was passt am besten zum Schädeldach von 1856?", fragten sich beide Teams. Die Experten in Mettmann ergänzten einen Neandertaler-Kopf aus Mittelitalien, die in Bonn einen Schädel aus Frankreich mit den Resten des vor rund 42.000 Jahren gestorbenen rheinischen Artgenossen. Während die Bonner mit Schweizer Hilfe und Präzision auf High-Tech vertrauten, die Elektronik alles in rechte Passform brachte und schließlich die Gesichts-Weichteile eines modernen Eidgenossen per elektronischer Datenübertragung auf die Knochen kamen, setzte das konkurrierende Neanderthal-Museum auf die solide Handarbeit niederländischer Experten. "Die haben noch Gorillas seziert und Schädel aufgeschnitten, die stehen noch ganz in der Tradition Leonardos", schildert Museumschef Gerd Christian Weniger die Taktik seiner Leute.

Ein Streit um des Neandertalers Bart sei dennoch nicht entbrannt: "Wir sehen das eher sportlich", sagt Weniger. Und auch sein Kollege, der Bonner Vorgeschichtler Michael Schmauder, meint, die zwar wissenschaftlich exakten, aber doch so unterschiedlichen Neandertaler-Versionen "beleben die Diskussion um das Aussehen dieses Urmenschen". Alles, was den Gesichtsausdruck angehe, sei ohnehin künstlerische Freiheit.

"Endlich greifbar als Mensch"

Der Wiederentdecker des historischen Fundplatzes von 1856 und der für die Rekonstruktion wichtigen jüngsten Knochenfunde des historischen Urmenschen, der Archäologe Ralf W. Schmitz (Universität Tübingen) ist zufrieden: "Jetzt wird der Neandertaler endlich greifbar als Mensch", sagte er. Dass sich seine archäologischen Entdeckungen "so schnell umsetzen lassen, hat schon was Besonderes".

Die Bonner Büste soll nicht nur bei der spektakulären Urmenschen-Ausstellung "Roots" im Rheinischen Landesmuseum (8. Juli bis 19. November) zu sehen sein, sondern auch in einer Neandertaler-Sendung des ZDF Mitte Juli eine Rolle spielen.

Gerd Korinthenberg/DPA DPA

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