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"Ziel war es, ihn zu entstellen": Festnahme nach Säureanschlag auf Energiemanager: Wollte ein Konkurrent seinen Job?

Im Fall des Säureangriffs auf den Innogy-Manager Bernhard Günther gibt es eine Festnahme. Laut einem Medienbericht hat der Verdächtige aus dem Rockermilieu im Auftrag gehandelt. Stecken Karriereabsichten hinter der Tat?

Innogy-Manager Bernhard Günther ein Jahr nach dem Säureanschlag

Innogy-Manager Bernhard Günther, 52, waren die Folgen des Säureanschlags bei der Bilanzpressekonferenz im März noch anzusehen

DPA

Überraschender Durchbruch im Fall des Säureanschlags auf den Manager des Energieunternehmens Innogy, Bernhard Günther: Rund anderthalb Jahre nach der Tat hat die Polizei einen Verdächtigen festgenommen.

Ein 32-Jähriger sitzt wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung in Untersuchungshaft, wie die Staatsanwaltschaft Wuppertal mitteilte. Er bestreite die Tat. Der Mann sei bereits am vergangenen Freitag bei einer Sportveranstaltung in Köln festgenommen worden.

Der Verdächtige handelte offenbar nicht alleine. Es habe in mehreren Städten bei weiteren mutmaßlich Beteiligten Durchsuchungen gegeben, so die Ermittler weiter. Dabei seien Beweismittel sichergestellt worden, die nun ausgewertet würden.

Säureanschlag aus Karrieregründen?

Wie die "Bild"-Zeitung und das Magazin "Focus" übereinstimmend berichten, handelt es sich bei dem Verdächtigen um einen serbischen Oberliga-Ringer aus Köln und hochrangiges Mitglied der Hells Angels. Im Rockermilieu soll er den Ruf als "Spezialist für besondere Fälle" haben.

Der Verdacht klingt nach einem besonders makaberen Fall: Der 32-Jährige hat – zusammen mit einem noch unbekannten Komplizen – möglicherweise im Auftrag eines konkurrierenden Managers aus der Strombranche gehandelt, schreibt "Focus" unter Berufung auf Ermittlungsunterlagen. "Er soll mehrfach versucht haben, den beruflichen Aufstieg von Finanzvorstand Bernhard Günther zu torpedieren, da er sich selbst für dessen Job interessiert hatte", so das Magazin. Die Wuppertaler Staatsanwaltschaft wollte den Bericht auf Anfrage der Nachrichtenagentur DPA weder bestätigen noch dementieren. Eine Sprecherin teilte lediglich mit, dass man von keiner Tötungsabsicht ausgehe: "Ziel des Anschlags war es, ihn zu entstellen."

Der Festnahme sind monatelange Ermittlungen vorausgegangen, die zwischenzeitlich sogar eingestellt worden waren. Letztendlich führten anonyme Hinweise zur Wiederaufnahme des Verfahrens und zur Festnahme des Verdächtigen.

Unmittelbar nach dem Angriff am Morgen des 4. März 2018 richtete die Düsseldorfer Polizei die Mordkommission "Säure" ein – die Beamten gingen zunächst von einem versuchten Tötungsdelikt aus. Der seinerzeit 51-jährige Manager wurde in einem Park in seinem Wohnort Haan (Kreis Mettmann) von zwei Männern angegriffen und mit einer Flüssigkeit übergossen, schilderte die Polizei nach der Tat. Günther habe durch die Attacke schwere Verletzungen erlitten. Lebensgefahr habe wenige Stunden nach der Tat nicht mehr bestanden.

Polizeiplakat

Die Polizei hängte im Umfeld des Tatorts Plakate auf

Regelmäßig informierte die Polizei die Öffentlichkeit über ihr weiteres Vorgehen:  Eine erste Täterbeschreibung nannte zwei etwa 20 bis 30 Jahre alte Männer südländischen Aussehens als Verdächtige. Die Fahndung nach ihnen blieb jedoch ohne Erfolg.

Die Beamten der Mordkommission werteten Videomaterial aus, Hundertschaften sicherten im Umfeld des Tatortes Spuren, Ermittler befragten Dutzende Zeugen, Mantrailer-Hunde sollten Fährte aufnehmen. Um weitere Hinweisgeber zu finden, hängte die Polizei in der Umgebung des Tatorts Plakate auf. Letztendlich schalteten sich sogar die Spezialisten des Landeskriminalamtes für besonders schwierige Ermittlungen ein: Beamte der Operativen Fallanalyse sollten neue Untersuchungsansätze finden, auch die Erstellung eines Täterprofils gehört zu den Aufgaben der Fallanalytiker. Doch all das führte zunächst nicht zur Festnahme der Täter.


Mehr zur Arbeit in der Operativen Fallanalyse hören Sie im "Spurensuche"- Podcast von stern crime. Redaktionsleiter Giuseppe di Grazia im Gespräch mit Fallanalyst Alexander Horn:


Ende März wurde es wieder ruhiger um den Fall. Im September 2018 kam die ernüchternde Mitteilung: "Die Staatsanwaltschaft Wuppertal hat das Ermittlungsverfahren wegen eines (...) verübten Säureanschlags eingestellt, da die Täter nicht ermittelt werden konnten", so die Behörde. "Die Identität der Täter bleibt damit ebenso ungeklärt wie ihre Motive für den Anschlag. Es gab insbesondere weder Bedrohungen im Vorfeld noch Bekennerschreiben im Nachgang der Tat."

Innogy-Manager Bernhard Günther zurück im Job

Die Entscheidung rief den Arbeitgeber von Bernhard Günther auf den Plan: 80.000 Belohnung versprach die Innogy SE für Hinweise, die zur Ergreifung des Täters führen. "Die Staatsanwaltschaft hat zeitgleich zugesichert, das Verfahren wieder aufzunehmen, sollten sich neue Ermittlungsansätze ergeben", erklärte das Unternehmen, das eine renommierte Großkanzlei auf den Fall ansetzte. Innogy sicherte möglichen Hinweisgebern Anonymität zu. Jetzt, ein knappes Jahr später, konnte die Staatsanwaltschaft die Festnahme des Verdächtigen vermelden. Der mutmaßliche Komplize ist weiter auf der Flucht. Ob letztlich die ausgelobte Belohnung zu den entscheidenden Hinweisen geführt hat, ist unklar.

Bernhard Günther hatte wenige Wochen nach der Tat die Klinik verlassen können. Im März 2019, ein Jahr nach dem Säureanschlag, war er bei der Bilanzpressekonferenz seines Arbeitgebers erstmals wieder öffentlich aufgetreten. Die Folgen des brutalen Angriffs waren ihm dabei noch anzusehen. Er trug eine getönte Sonnenbrille und ein schwarzes Band um die Stirn. "Ich freue mich hier zu sein", hatte er gesagt. Das sei "vor einem Jahr alles andere als klar gewesen". 

Quellen: Staatsanwaltschaft Wuppertal (1), Staatsanwaltschaft Wuppertal (2)Polizei Düsseldorf/Polizei Mettmann, Innogy"Focus""Bild"-Zeitung, Nachrichtenagenturen DPA und AFP