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Gentechnik: Proteste gegen Gen-Gerste

Erstmals wurde in Deutschland genmanipulierte Gerste im Freiland ausgesät und prompt lässt das Getreide auf dem Mini-Feld der Gießener Universität die Gentechnik-Gegner Sturm laufen: An Pfingsten wollen sie das Feld zerstören.

Das Versuchsfeld fällt sofort auf wegen seiner eigenartigen Einteilung: 25 Meter breit ist der äußere Rand aus frisch eingesätem Weißklee, dann folgt ein 5 Meter breiter, leerer Streifen. In der Mitte der insgesamt 400 Quadratmeter großen Fläche wächst auf einem kleinen Feld Gerste heran, gegen Vögel mit einem grünen Plastik-Netz geschützt. Der äußere Rand besteht aus konventionellem Getreide und umgibt das eigentliche Objekt der Forscher vom Institut für Phytopathologie (Pflanzenkrankheiten) und Angewandte Zoologie der Gießener Universität - exakt 9,6 Quadratmeter mit 5000 gentechnisch veränderten Pflanzen. Es ist in Deutschland das erste Mal, dass so genannte transgene Gerste im Freiland wächst.

Magnet für Gentechnik-Gegner

Die Fläche ist nicht größer als ein gewöhnlicher Balkon und zieht seit der Aussaat Proteste von Gentechnik-Gegnern an. Zu Pfingsten sind Demonstrationen, eine Mahnwache und die Zerstörung des Feldes angekündigt. Gegner werfen Institutsleiter Karl-Heinz Kogel vor, mit seiner Forschung zur Legitimation von Gentechnik in Deutschland beizutragen. Dafür hat Kogel kein Verständnis: Der Versuch sei Teil der Biosicherheitsforschung. "Das zu zerstören ist widersinnig." Kogel fürchtet, das der vom Bundesforschungsministerium finanzierte Versuch schon vor der ersten Bodenanalyse zu Ende sein könnte: "Wenn das Feld zerstört wird, ist alles verloren."

Ende April war die transgene Gerste ausgesät worden. Zwei verschiedene Sorten hat Institutsleiter Karl-Heinz Kogel gesät: Ein Teil der Pflanzen hat ein fremdes Gen, das sie unempfindlich gegen schädliche Pilze machen soll. Dieses Gen, das selbst aus einem Pilz stammt, lässt die Pflanzen Endochitinase herstellen, ein Enzym, das gegen Pilzbefall wirkt. Der andere Teil der Pflanzen hat ein zusätzliches Gen eines Bakteriums, das die Qualität der Gerste als Hühnerfutter und bei der Bierherstellung verbessern soll. Konventionelle Gerste können Hühner nicht gut verdauen. Die transgene Gerste soll dieses Problem beheben und könnte Mais als Hühnerfutter ersetzen.

Schädlichkeit kann nur im Versuch festgestellt werden

Kogel will mit dem auf drei Jahre angelegten Versuch herausfinden, ob die gentechnisch veränderten Pflanzen schädliche Auswirkungen auf das Bodenleben haben. Vor allem interessiert die Forscher, ob nützliche Bodenpilze wie die praktisch überall vorkommenden Mykorrhiza verändert oder zerstört werden. Mykorrhiza seien von höchster ökologischer Bedeutung, 80 Prozent aller Pflanzen auf der Erde lebten in Lebensgemeinschaft mit ihnen, sagt Kogel.

Auf die Proteste, die das Projekt von Anfang an begleitet haben, reagiert Kogel mit Information. Das Versuchsfeld ist gekennzeichnet, Besucher werden bereitwillig hingeführt. "Ich bin ja eigentlich kein starker Befürworter der Gentechnik", sagt Kogel. Aber Gentechnik sei weltweit auf dem Vormarsch. In den USA bauten Millionen von Bauern transgene Pflanzen an - ohne Sicherheitsforschung. Da sei Deutschland vorbildlich.

Pflanzen werden später vernichtet

Dass sich die transgene Gerste über das Versuchsfeld hinaus verbreitet, halten die Wissenschaftler für ausgeschlossen. Gerste sei ein "Selbstbestäuber", das heißt, eine Pflanze werde nur von ihrem eigenen Pollen befruchtet. Dennoch sei vorsorglich ein Streifen konventioneller Gerste als "Pollenfänger" um die Versuchsparzellen gesät worden. Bis Mitte August müssen die Gießener Pflanzen durchhalten, dann werden sie aus der Erde genommen, um die Wurzeln zu untersuchen. Der Rest der Pflanzen wird vernichtet. Mit ersten Ergebnissen sei im Herbst zu rechnen, sagt Kogel.

Sabine Ränsch/DPA / DPA
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