Gorillas Die Letzten ihrer Art


Im Kongo herrscht ein gnadenloser Bürgerkrieg, der nicht nur menschliche Opfer fordert: Die letzten Flachlandgorillas, die größten Menschenaffen der Welt, kämpfen dort um ihr Überleben.

Im Kahuzi-Biega-Nationalpark im Osten des Kongos liegt ein riesiger Gorilla namens "Chimenuka" auf dem Rücken, zwei Füße gegen einen Baum gestützt. Er zeigt wenig Interesse an der kleinen Gruppe aus Spurensuchern vom Volk der Pygmäen sowie Wildhütern und bewaffneten Wachposten, die nach ihm sehen wollen - bis sie einen Schritt zu nahe kommen.

Innerhalb einer Sekunde springt das 180 Kilogramm schwere Tier auf, schlägt sich auf die Brust, grunzt und stürmt vorwärts. Die Besuchergruppe kauert sich nieder und kriecht auf allen Vieren davon. Begegnungen wie diese lockten einst Touristen aus aller Welt ins dunstige Hochland des Nationalparks unter den Gipfeln zweier erloschener Vulkane. In den 70er Jahren entstand hier ein wahrer Gorilla-Tourismus. Doch jahrelange Unruhen, der Bürgerkrieg von 1998 bis 2002 und neue Kämpfe in diesem Sommer haben die östlichen Flachlandgorillas dezimiert und die Urlauber abgeschreckt. Heute wissen nicht einmal Experten, wie viele der Menschenaffen noch in der Gegend leben.

Wilderer, Flüchtlinge, Goldgräber und Krieg rotten die Tiere aus

"Es ist tragisch. Seit einem Jahrzehnt hat niemand mehr eine Zählung vornehmen können", sagt Innocent Liengola von der Gesellschaft zum Schutz der Wildtiere in Bukavu. "Die meisten Gegenden sind zu unsicher, als dass man sie besuchen könnte." Ende Oktober startete die Gesellschaft mit Sitz in New York einen neuen Anlauf, die Gorillas im Nationalpark zu zählen. Der letzte Versuch war im April gescheitert, weil Liengola und seine Kollegen vor Salven aus automatischen Gewehren flüchten mussten. Nach Behördenangaben handelte es sich um einen Kampf zwischen Rebellen aus dem Nachbarland Ruanda und der regierungstreuen Mayi-Mayi-Miliz.

Die östlichen Flachlandgorillas, die größten Menschenaffen überhaupt, leben nur im Kongo. Sie bewohnen eine Waldregion, die sich vom Albertsee an der ugandischen Grenze bis zum nördlichen Ufer des Tanganjika-Sees an der Grenze zu Burundi erstreckt. Nach Angaben von Tierschützern hat eine fatale Kombination von Wilderern, Flüchtlingen, Goldgräbern und Kämpfen Lebensraum und Population der Gorillas reduziert - in welcher Größenordnung, darüber kann nur spekuliert werden. Die Dian-Fossey-Stiftung schätzt, dass die Zahl der Menschenaffen innerhalb des letzten Jahrzehnts um ganze 70 Prozent zurückging, von 17.000 im Jahr 1994 auf jetzt noch 5.000.

1970 gegründet und zehn Jahre später in die UN-Liste des Weltnaturerbes aufgenommen, sollte Kahuzi-Biega eigentlich ein Schutzgebiet für die Affen sein. Tatsächlich hätten Kriegswirren und Bevölkerungsdruck aber auch auf den Park übergriffen, sagt der Dian-Fossey-Forscher Patrick Melman. Und Tierschützer Liengola zeigt auf einer Karte des Nationalparks, welche Regionen die Parkaufseher meiden, weil sie zu gefährlich sind. Und als zu gefährlich sind sehr viele Stellen markiert.

Wilderer verkaufen geraubte Gorillababys für 30.000 Dollar

Bukavu, Ausgangspunkt für Touren in den Park, war im Sommer selbst Schauplatz heftiger Kämpfe zwischen Rebellen und Regierungssoldaten. Pygmäen dringen seit langem regelmäßig illegal in den Park ein, um ihre Familien mit so genanntem Buschfleisch zu versorgen. Nach dem Völkermord in Ruanda 1994 strömten tausende Flüchtlinge, Soldaten und Milizkämpfer über die Grenze und rodeten große Waldflächen. Und Bürgerkriege im Kongo selbst, 1996 bis 1997 sowie 1998 bis 2002, führten zu einem Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung, so dass immer mehr Mayi Mayi sowie Gold- und Erzschürfer in den Park eindrangen. Sie rodeten Wald, um sich Hütten zu bauen. Und sie jagten Tiere, darunter Menschenaffen. Die Folgen waren verheerend.

Noch 1996 lebten im Hochland von Kahuzi-Biega 258 Flachlandgorillas. Heute wird ihre Zahl nach Angaben von Parkdirektor Iyomi Iyatshi auf 130 geschätzt. Geschlossen war der Park lediglich von 1998 bis 2000, ansonsten war er stets geöffnet für jedermann, der bereit war, die 250 Dollar (190 Euro) Eintrittsgebühr zu zahlen. Täglich könnten bis zu acht Touristen jede der drei Gorillafamilien aufsuchen, die an menschliche Besucher gewöhnt sind. Doch die verstaubten Gästebücher in der Parkzentrale in Tshivanga zeigen, dass durchschnittlich vielleicht fünf Besucher pro Monat kommen, zumeist UN-Friedenssoldaten, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und Missionare aus Bukavu.

"Wir können derzeit wirklich nicht von Tourismus sprechen", sagt Parkdirektor Iyatshi. "Die Leute kommen nicht, sie haben Angst vor dem Krieg." Zumindest kurzfristig könnte das für die Parkbewohner sogar von Vorteil sein, insbesondere für die rund 50 an Menschen gewöhnten Affen. "Für sie bestand immer das größte Risiko, getötet zu werden", sagt Liengola. Denn die Gorillas könnten eben nicht unterscheiden zwischen bewaffneten Parkwächtern und bewaffneten Kämpfern oder Wilderern, die Gorillababys für bis zu 30.000 Dollar auf dem Schwarzmarkt verkaufen. "Wir verfolgen jetzt die Strategie, sie möglichst wenig an Touristen zu gewöhnen, damit sie lernen, den Kontakt zu Menschen zu meiden."

Todd Pitman, AP


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