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Grippe-Epidemie: Pferdegrippe legt Australien lahm

In Australien grassiert die Pferdegrippe. Obwohl für Menschen ungefährlich, ängstigt das Virus die Pferderennen-verrückten Australier: Der Beginn der Rennsaison steht kurz bevor - und ein wichtiger Wirtschaftszweig gerät ins Wanken.

Von Michael Lenz, Sydney

Ein winzig kleines Virus macht dem australischen Rennsport den Garaus. Down Under nämlich grassiert seit einer Woche die Pferdegrippe. 1646 Pferde auf mehr als 100 Rennbahnen, Gestüten und Bauernhöfen sind mit dem Virus infiziert. 488 der teuren Vollblüter sind bereits an dem hoch infektiösen Grippevirus "Typ A" erkrankt. Sie haben hohes Fieber, Stakkato-Husten und Schnupfen, der erst wässerig und dann dickflüssig und übel riechend wird. Betroffen sind vor allem der Royal Race Course Randwick in Sydney, aber auch andere Rennbahnen und Gestüte in New South Wales und im angrenzenden Queensland. Achtzig Prozent der Pferde von Randwick sind positiv getestet worden - die Tiere sind bis zu 150.000 Euro wert.

Ausgangssperre und ein erster Todesfall

Ursache der Pferdegrippe ist ein Grippevirus, das dem menschlichen Grippeerreger ähnlich ist. Könnten Pferde sprechen, dann würden sie wie Menschen bei der Grippe auch über Kopf- und Gliederschmerzen und Appetitlosigkeit berichten. Ausgewachsene Tiere im besten equestrischen Alter können mit der Grippe fertig werden, deren Inkubationszeit fünf Tage beträgt. Tödlich enden kann die Erkrankung aber für ältere Tiere und für die Fohlen, deren Immunsystem noch nicht stark genug ist, um dem Erreger Paroli zu bieten. Einen ersten Todesfall hat es am Donnerstag gegeben: Ein älteres Pferd ist der Grippe erlegen.

"Menschen können sich mit der Pferdegrippe nicht anstecken", sagt Hans Heine von der nationalen Forschungseinrichtung "Commonwealth Scientific and Industrial Research Organisation". Zum Virusüberträger können Menschen aber durchaus werden. Durch den Kontakt mit infizierten Pferden kann das Virus sich in der Kleidung, an den Händen, aber auch an Zaumzeug oder Sattel festsetzen und so auf andere Tiere übertragen werden.

Die australischen Behörden setzen jetzt alles daran, durch scharfe Biosicherheitsmaßnahmen die weitere Ausbreitung des Virus zu stoppen. Um Rennbahnen, Stallungen und Gestüte wurden bis zehn Kilometer breite Quarantänezonen eingerichtet. Strenge Bestimmungen gelten auch für den Transport von Futter und pferdigem Zubehör. Für die Tiere selbst ist eine Ausgangssperre verhängt worden.

Besessen von Pferderennen

In Sydney wurden bis auf Weiteres alle Rennveranstaltungen abgesagt. Auch in Randwick läuft in den nächsten drei Monaten nichts mehr. Das Aus für die lukrativen Rennen im bevorstehenden Frühling in Down Under, mit denen die jährliche Rennsaison eingeläutet wird, ist ein herber Schlag für die milliardenschwere Pferdesportbranche Australiens. "Die Branche ist mit einem schrillen Bremsgeräusch zum Stillstand gekommen", klagt Rennsportkönigin Gai Waterhouse in der australischen Presse.

Die Australier sind geradezu besessen von Pferderennen, und seinen Höhepunkt erreicht das Rennsportfieber jedes Jahr im November, wenn zum Melbourne Cup die besten Jockeys auf den edelsten Pferden in die Startbox gehen. Dann steht das ganze Land still: In Büros ruht die Arbeit, Geschäfte werden geschlossen, in bester Sonntagskleidung liegt die Nation vorm Fernseher, trinkt Wein und Sekt, delektiert sich an gegrillten Würstchen oder Krabben und verfolgt mit Spannung das Rennen in Melbourne.

Allein zum Melbourne Cup lassen die Pferdenarren umgerechnet 90 Millionen Euro in den Kassen der Buchmacher. Insgesamt bieten Pferderennen vom Jockey über Veterinäre, Sattler, Trainer bis zu Klofrau auf der Rennbahn 60.000 Menschen Arbeit. Mit einem Wert von umgerechnet 4,8 Milliarden Euro jährlich ist die Branche ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor. Kein Wunder, dass sich Schatzminister Peter Costello Sorgen macht über die Auswirkung der Pferdegrippe auf die australische Wirtschaft. Die Aktien der großen Wettunternehmen wie Tabcorp oder Tattersall haben in dieser Woche herbe Kurseinbußen hinnehmen müssen.

Bei Zuchthengsten droht Impotenz

Mit Sorge erinnern sich die Renntrainer an einen Ausbruch der Equestrian Influenza in Südafrika. Dort kam vor 20 Jahren der Pferderennsport für fünf Monate zum Erliegen. Das Transportverbot könnte den Züchtern auch Nachwuchsprobleme bescheren: Vorläufig dürfen keine Hengste und Stuten zwecks Weitergabe ihrer edlen Gene zusammengebracht werden. Zudem könnte so mancher teurer Zuchthengst als Folge der Grippe impotent zu werden.

Ein Kraut ist gegen die Pferdegrippe noch nicht gewachsen. Zwar gibt es einen Impfstoff; der sei aber nicht hundertprozentig wirksam, sagt der ehemalige Chef der Pferdeforschungsabteilung der Universität Melbourne, Andrew Clark. Zudem warnt Clark in australischen Medien, durch die Impfung werde es bei Ausbrüchen der Krankheit schwieriger, Grippetests zuverlässig durchzuführen.

Sicher scheint zu sein, dass das Virus ausgerechnet aus der staatlichen Quarantänestation Eastern Creek seinen Weg in die breite Pferdeöffentlichkeit gefunden hat. Die Trainer- und Pferdezüchterverbände drohen schon jetzt der australischen Regierung mit Schadensersatzklagen, sollte der Ausbruch des Virus aus Eastern Creek auf eine Nachlässigkeit der zuständigen Behörde zurückzuführen sein. "Wir verlangen Antworten", sagt Peter V'Landys, Geschäftsführer des Dachverbands der Rennsportbranche "Racing NSW". Offen ist aber, wie das Pferdegrippevirus nach Australien gelangt ist, wo es bisher nicht heimisch war. Erste wissenschaftliche Untersuchungsergebnisse sprechen aber von einer großen Ähnlichkeit des Virus mit dem Erreger, der derzeit unter Japans Rennpferden grassiert.

Die Pferdegrippe hat auch eine Lücke in die Hochsicherheitsmaßnahmen zum Gipfel der Asia-Pacific Economic Cooperation gerissen, zu dem in der kommenden Woche die die Staats- und Regierungschefs der 21 APEC-Staaten wie Amerikas George Bush, Russlands Wladimir Putin und Chinas Hu Jintao in Sydney erwartet werden. Die Marinetaucher im Hafen von Sydney, die Piloten der Hubschrauber, die Polizisten in Uniform und in Zivil auf der Straße müssen ohne ihre berittenen Kollegen auskommen. Die Polizeipferde sind nämlich krankgeschrieben.