Haie Bedrohte Räuber mit miesem Ruf


Haie sind als Killer der Meere verschrien, immer wieder gibt es Sensationsmeldungen über Angriffe auf Menschen. Dabei ist es umgekehrt - jährlich fallen Millionen Haie dem größten aller Killer zum Opfer: dem Menschen.
Von Marcus Anhäuser

Er hätte die Geschichte so nicht noch mal schreiben können. Auch wenn Peter Benchley seit 1974 20 Millionen Exemplare seines Romans "Jaws" verkauft hat. Und Steven Spielberg die Geschichte um den rachsüchtigen weißen Hai ein Jahr später zu einem der erfolgreichsten Filme aller Zeiten machte. In späteren Jahren plagte den Journalisten und Redenschreiber ein schlechtes Gewissen, weil er den Hai so völlig falsch dargestellt hatte: als blutrünstigen Dämon aus dem Meer. "Eines Tages wird sich einer von ihnen dafür rächen", orakelte der Journalist einst und ergänzte: "Und hoffentlich werde ich dann nicht in der Nähe sein."

Benchley schrieb den Rest seines Lebens gegen seinen eigenen Roman an

So weit ist es nicht mehr gekommen. Peter Benchley starb am 11. Februar im Alter von 65 Jahren an den Folgen einer Lungenkrankheit. Es hätte für die Haie auch längst keinen Grund mehr gegeben, sich an ihm zu rächen. In unzähligen Artikeln, Fernseh- und Radiostücken hatte Benchley versucht seinen Fehler wieder gut zu machen. Er schrieb über die Faszination des Meeres und seine Bewohner und entwickelte Umweltschutzprojekte. Er schrieb gegen seinen eigenen Roman an und versuchte den Menschen zu vermitteln, dass sie Haie schützen müssen, anstatt sie zu töten.

Aber jedes Mal, wenn die Gazetten weltweit über einen der jährlich 50 bis 60 Haiangriffe auf Menschen berichten, ruft das den alten von Benchley beschworenen Killer-Mythos herauf - und die Bilder des Kinofilms des sich heimtückisch nähernden weißen Riesen, untermalt mit dem anschwellenden Titelthema des Film. Wie zuletzt, als ein Hai ein 15-jähriges Mädchen am Strand von Hawaii an der Wade packte. Das Mädchen wurde von zwei Freunden gerettet. Oder als Anfang Februar ein Langstreckenschwimmen vor der australischen Küste bei Sydney abgebrochen wurde, weil sich ein dreieinhalb-Meter-Hai den Schwimmern näherte. Passiert ist nichts, alle Schwimmer retteten sich in die Begleitboote.

Hochseefischerei ist die größte Bedrohung der Raubfische

Dass der Haie die eigentlich bedrohte Lebensform ist und nicht der Mensch, rückt mit jeder Meldung wieder in den Hintergrund. Immer mehr Haiarten rutschen auf die Rote Liste der bedrohten Tierarten ab, seit die Weltnaturschutzorganisation IUCN begonnen hat, die Bestände systematisch auf ihre Gefährdung abzuklopfen -zuletzt auf einem Workshop im schweizerischen Gland, der sich mit Haien und den ihnen verwandten Rochen in den Meeren rund um Europa beschäftigte.

In den europäischen Gewässern bestätigt sich das unter Haiexperten bekannte Problem: Vor allem die langsam wachsenden Arten haben kaum eine Chance dem Druck durch die Hochseefischerei zu widerstehen. Manche Arten, die einst stark befischt wurden, sind inzwischen zwar so selten, dass sie für die Fischindustrie uninteressant wurden. Aber das Risiko ausgerottet zu werden steigt ständig, weil die wenigen Tiere zufällig in die Netze gehen, die eigentlich für andere, weniger bedrohte Arten ausgeworfen worden. "In Großbritannien zählen Hai und Rochen zu den am meisten gefährdeten Tiergruppen überhaupt", sagt Malcolm Vincent vom Joint Nature Conservation Committee (JNCC).

Viele Haiarten sind noch ungenügend untersucht

Sorgen macht den Haischützern, dass Europa im Vergleich zum Rest der Welt nur wenig für den Haischutz unternimmt. Lediglich die beiden größten Haiarten, der Riesenhai und der weiße Hai, würden von einer Hand voll Staaten geschützt. "Überall vorkommende Arten wie der Mako sind immer häufiger Ziel der Fischereien und werden überhaupt nicht geschützt", sagt Alen Soldo vom Institut für Ozeanographie und Fischerei in Kroatien. Ergebnis: Auch der einst weit verbreitete Mako soll auf die Rote Liste der IUCN als bedrohte Art aufgenommen werden. Weitere Neuzugänge sollen der Schlingerhai und der Sandteufel werden, der in der Nordsee sogar als ausgestorben gilt.

Lichtblicke sind die weniger bedrohten Arten wie der Kleine Katzenhai: Sie sind klein, leben nahe der Küsten und wachsen schnell. Die Bestände erholen sich schneller, weil sie häufiger Nachkommen haben.

Weltweit wurden bisher 321 der rund 360 Arten von der IUCN untersucht. Davon gelten 42 als bedroht, 61 stehen auf der Kippe. Bei ihnen ist das Abrutschen der Bestände aber wahrscheinlicher als eine Erholung. Und in Zukunft werden noch mehr Haiarten betroffen sein: Von 131 Arten hat die IUCN nicht genug Daten bekommen, um den Gefährdungsgrad einzuschätzen. Dass alle diese Arten ungefährdet sind - davon ist nicht auszugehen.

70 Prozent der Weltmeere sind schon Hai-frei

Haie werden wegen ihres Fleisches, des Haiöls oder auch nur wegen ihrer Haifischflosse gejagt, die als Delikatesse gilt. Obwohl immer wieder von Wissenschaftlern gefordert, gibt es keine internationalen Begrenzungen für den Haifischfang, wie etwa bei Walen.

Eine Hoffnung verflüchtigte sich jetzt zudem noch nach 20-jähriger Forschung in den größten Tiefen der Weltmeere. Haischützer glaubten bislang, in den großen Tiefen unter 3000 Metern schlummerten noch unentdeckte Reserven der großen Jäger. Doch eine internationale Forschergruppe um Imants Priede vom Oceanlab der Universität Aberdeen, Großbritannien, überbrachte im Fachmagazin Proceedings of the Royal Society B keine gute Nachricht: "Wir glauben, dass es unterhalb von 3000 Metern Meerstiefe keine größeren Haibestände gibt, und dass man auch keine weiteren finden wird." Das schließen sie aus Zufallsfängen von Fischtrawlern, Sendern, die an Haien befestigt wurden und systematischen Untersuchungen. Die Besorgnis erregende Schlussfolgerung: 70 Prozent der Weltmeere sind schon Hai-frei. Und alle größeren Haipopulationen liegen in der Reichweite der Fischereiindustrie. Das Fazit der Forscher: "Haie sind wahrscheinlich viel anfälliger für Überfischung als wir bisher angenommen hatten."

Auch eine zweite Entdeckung ließ die Hoffnung für Rettung der Haie um ein weiteres schrumpfen: Forscher aus Australien und Südafrika verglichen die genetische Zusammensetzung von Sandhaipopulationen vor Südafrika, West- und Ostaustralien. Ihre Hoffnung war, dass Tiergruppen Verluste durch lange Wanderung ausgleichen würden. Danach sieht es aber nicht aus. Die australischen Bestände leben völlig isoliert von den südafrikanischen Gruppen. "Damit ist es unwahrscheinlich, dass die stark bedrohten Sandhaie Australiens durch natürliche Wanderung aus weniger bedrohten Gruppen aufgefrischt werden können", so die Haiexperten im Fachmagazin "Biology Letters". Vor allem die Ostaustralischen Gruppen ständen kurz vor dem Aus, wenn nicht schnellstens etwas unternommen würde, warnen Adam Stow und seine Kollegen. Von den rund 500 Tieren trügen gerade noch 50 Tiere durch Fortpflanzung zum Bestand bei.

Kannibalismus schon im Mutterleib

Der Sandhai macht es den Tierschützern aber auch nicht leicht: Er wird erst nach neun bis zehn Jahren geschlechtsreif, schwangere Haimütter entwickeln nur zwei Haijunge pro Schwangerschaft und die kannibalisieren sich auch noch: "Während sie sich im Mutterleib entwickeln, frisst eines das andere", erklärt Adam Stow das Dilemma der Haischützer. Deshalb greifen sie zu ungewöhnlichen Maßnahmen: Bevor sich die Junghaie gegenseitig fressen, operieren sie die Kleinkiller heraus und ziehen sie in Brutkästen getrennt auf. "Eine weitere Möglichkeit den Sandhai zu retten könnte auch sein, Tiere von einer Küste zu anderen zu fliegen", sagt Stow.

Eine der Ursachen für den massiven Rückgang des Sandhais vor Australiens Küste waren neben den Fischtrawlern die Sporttaucher, die ebenfalls dem Mythos des Menschenfressers erlegen sind. Sie jagten den Sandhai mit explodierenden Harpunenspitzen. Adam Stow: "Obwohl er zwar furcht erregende deutlich sichtbare nadelartige Zähne hat, ist er kein Menschenfresser." Die Zahnform erleichtert es dem Räuber glitschige Fische zu erhaschen, große Säugerkörper bekommt er damit nicht zu fassen. Der Sandhai ist so harmlos, dass es inzwischen unter Sporttauchern populär geworden ist, einige der wenigen Versammlungsorte der vermeintlichen Killer aufzusuchen.

Sollte nicht bald mehr getan werden, um diese Art zu retten, wird die IUCN den Sandhai von der Roten Liste streichen können - weil er dann endgültig ausgestorben sein wird.

"Jaws"-Autor Peter Benchley hätte eigentlich noch eine Menge zu tun gehabt, um den Menschen zu erklären, dass sein "Weißer Hai" nichts mit der Wirklichkeit zu hat. Doch das berühmte Titelthema aus Steven Spielbergs Filmversion entwickelt sich mehr und mehr zum Abgesang auf die Jäger der Meere.


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