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Hiroshima: Die Bombe, die noch immer tötet

Die Überlebenden des ersten Abwurfs einer Atombombe leiden bis heute. Und sie müssen mit ansehen, wie auch ihre Enkel an den Folgen der Strahlung erkranken. Menschen, so jung wie sie, damals vor 60 Jahren. Der stern hat Opfer besucht, deren Geschichten in Japan viele nicht mehr hören wollen.

Fast alle Geschichten über den ersten Atombombenabwurf beginnen am 6. August 1945 um 8 Uhr 15. Diese Geschichte beginnt fast 52 Jahre später, am 2. Februar 1997 um kurz nach zehn in einem Krankenhaus in Hiroshima. Yuji Egusa sitzt gemeinsam mit seiner Frau im Büro eines Arztes. Vor zwei Tagen ist Koji, ihr 39-jähriger Sohn, in die Notaufnahme des Krankenhauses gekommen. Er hatte sich plötzlich unwohl gefühlt, übergeben und Blut gespuckt. "Krebs", hört Egusa den Arzt sagen, "Metastasen im ganzen Körper É Überlebenschancen eins zu hundert. Mit viel Glück." Egusa wird schwindelig. Sein Herz beginnt zu rasen. Er muss an seine zwei kleinen Enkel denken, die ihren Vater verlieren werden. An den Moment, als er seinen Sohn zum ersten Mal in den Armen gehalten hat. An das unbeschreibliche Glück und den Stolz, den er empfand. 1 : 100.

Und dann kommen auch schon die Bilder wieder. Die Bilder, die er seit 60 Jahren verzweifelt versucht zu vergessen, die auf ihm lasten wie ein Fluch. Die Bilder, die ihn nachts aus dem Schlaf schrecken und ihn schreiend aufwachen lassen. Wenn er von ihnen erzählt, klammert sich der kleine Mann an seinen Stuhl, und seine sonst so kräftige Stimme verebbt zu einem Flüstern. Und er hatte geglaubt, er wäre davongekommen.

Alle sagten, er hätte großes Glück gehabt damals, im August 1945. Als die Bombe um 8 Uhr 16 genau 580 Meter über der Stadt explodiert, arbeitet der 17-jährige Yuji im Hafen. Seine Klasse musste in den letzten Kriegswochen der Marine beim Verladen von Nachschub helfen. Von den vielen tausend anderen Schülern, die zur selben Zeit in der Innenstadt Feuerschneisen schlagen müssen, bleiben nicht einmal Knochen. Die Hitze in der Nähe des Hypozentrums ist so groß, dass menschliche Körper in Bruchteilen von Sekunden zu Aschehäufchen werden. An die 300 000 Grad Celsius heiß ist der Feuerball in seinem Innersten, 6000 Grad herrschen auf dem Erdboden direkt darunter. Noch in einem Radius von zwei Kilometern entzündet sich die Kleidung der Passanten und geht in Flammen auf. In diesem Umkreis überleben nur die wenigsten. Der Druck, die Hitze und die radioaktive Strahlung der ersten Atombombe töten in den folgenden Stunden fast 80 000 Menschen, bis zum Ende des Jahres 1945 werden es über 140 000 sein.

Egusa arbeitet sechs Kilometer entfernt und glaubt sich in Sicherheit. Er wird von der Druckwelle umgeworfen, spürt die Hitze als einen heißen Wind auf den Wangen, bleibt aber unverletzt. Fasziniert, als beobachteten sie ein Naturschauspiel, bestaunen er und seine Schulkameraden, wie sich dieser seltsame Wolkenpilz bildet, immer weiter wächst, bis er Tausende von Metern in den Himmel reicht. Der Kommandant schickt die gesamte Klasse ins Stadtzentrum. Sie sollen bei den Bergungsarbeiten helfen und Verwundete versorgen. Gehorsam marschieren die Jugendlichen in die Hölle.

Die ersten Verletzten, die ihnen entgegenkommen, erkennt Egusa kaum als Menschen. Ihre Gliedmaßen sind grotesk geschwollen, die Haut hängt ihnen in Fetzen vom Leib, die Köpfe sind so verbrannt, dass er vorn und hinten nicht unterscheiden kann. Manchen hängen die Augäpfel im Gesicht, der Druck hat sie ihnen aus dem Kopf gerissen. Einer versucht um Hilfe zu bitten. Als er sprechen will, fallen ihm die verkohlten Lippen, die Wangen aus dem Gesicht. Je verzweifelter er sich bemüht zu reden, desto mehr lösen sich Fleisch und Zähne von ihm ab. Die Jungs sehen eine völlig ausgebrannte Straßenbahn, in der die verkohlten Passagiere noch in ihren Sitzen verharren oder sich stehend an die Haltegriffe klammern. Sie treten gegen die Karosserie, und die Aschemenschen stürzen lautlos in sich zusammen.

Sechs Tage verbringt Egusa in der Stadt. Buddelt Tote aus den Trümmern ihrer Häuser, verbrennt die Leichname, pult mit Essstäbchen Maden aus den Wunden der Verletzten. Dann wird er selbst krank. Die Haare fallen ihm aus, das Zahnfleisch blutet, er spuckt Blut, ist so schwach, dass er nicht einmal mehr kriechen kann. Wochenlang schwebt er zwischen Leben und Tod, und niemand weiß, woran er leidet und warum ausgerechnet er sich langsam erholt. Viele andere mit den gleichen Symptomen sind ein paar Tage später tot. Von Strahlenkrankheit hatte damals in Hiroshima noch niemand gehört.

Selbst die amerikanischen Wissenschaftler um Robert Oppenheimer, die die Atombombe unter dem Decknamen "Manhattan-Project" entwickelt hatten, waren vom Ausmaß der Schäden durch radioaktive Strahlung völlig überrascht. Sie hatten geglaubt, die Bombe werde der Kriegsführung nichts weiter bescheren als gesteigerte Zerstörungskraft. Nach Oppenheimers Schätzung würde sie maximal "20 000 Menschen töten", weit weniger als der Großangriff auf Tokio im März 1945, bei dem über 80 000 Menschen, hauptsächlich Frauen und Kinder, umgekommen waren. Als in den Tagen nach dem Abwurf die ersten Meldungen über eine unheimliche Krankheit, an der Tausende qualvoll starben, zunächst aus Hiroshima, dann auch aus Nagasaki zu ihnen drangen, taten die Amerikaner das als typische "Kriegspropaganda" ab. Der führende Strahlenexperte des "Manhattan-Projects" sagte, die Berichte aus Tokio seien "mit Sicherheit Lügen, denn die Daten, die die Japaner veröffentlichen, ließen sich mit den Erfahrungen des Projektes auch nicht andeutungsweise vereinbaren". Die Wirklichkeit widersprach den wissenschaftlichen Erkenntnissen und Erwartungen. Niemand ahnte damals, wie oft sich das in den folgenden 60 Jahren wiederholen sollte.

Koji Egusa stirbt am 25. April 1997 an Krebs. Wissenschaftlich sei ein Zusammenhang zwischen der radioaktiven Verseuchung des Vaters und dem Krebstod seines Sohnes nicht nachzuweisen, erklären die Ärzte. Egusa glaubt ihnen kein Wort. Er weiß, woran sein Sohn starb, da müssen sie ihm nicht mit Statistiken kommen. Er weiß, warum er sich Zeit seines Lebens so oft müde und erschöpft gefühlt hat. Warum seine Tochter Choko seit ihrer Kindheit an einer unerklärlichen chronischen Erkrankung des vegetativen Nervensystems leidet. Für ihn gibt es keine Zweifel: Es sind die Spätfolgen der Bombe.

"Pika-don" heisst sie

im Japanischen, "pika" für hell, grell und "don" für lauten Knall. "Ima da ni Koroshi-tsudukeru Bakudan"- die Bombe, die nicht aufhört zu töten - sollten wir sie nennen, sagt Egusa. Dass die Atombombe auch 60 Jahre nach ihrem Abwurf noch Menschen umbringt, ist unbestritten. Die Krebsrate unter den Überlebenden ist bei Männern sieben und bei Frauen 15 Prozent höher als bei einer Vergleichsgruppe, die sich etwas weiter entfernt von der Strahlung aufgehalten hatte. Ob sie auch Menschen in der zweiten oder gar dritten Generation tötet, darüber streiten sich Wissenschaftler und Bombenopfer.

Unter den 1,1 Millionen Einwohnern Hiroshimas gibt es noch über 100 000 "Hibakusha", wie die Überlebenden auf Japanisch genannt werden. Nur wenige trauen sich wie Yuji Egusa an die Öffentlichkeit. Sie erzählen in Schulen und Universitäten von ihren furchtbaren Erlebnissen, halten Vorträge in aller Welt, um vor der Bedrohung durch Atomwaffen zu warnen. Ihre "Nie wieder Krieg"-Appelle sind mehr als politische Überzeugung. "Nie wieder" hat ihnen geholfen, die Wunden zu ertragen. "Nie wieder" heißt für sie: Unser Leid war nicht vergebens.

Die meisten "Hibakusha" aber haben gelernt zu schweigen. Zu oft wurden sie wie Aussätzige behandelt, diskriminiert und verstoßen. Es hieß, ihre rätselhafte Krankheit sei ansteckend. Menschen ergriffen die Flucht, wenn sie ihnen auf der Straße begegneten. Sie fanden nur schwer Arbeit, und nicht wenige blieben ihr Leben lang allein, weil niemand "Hibakusha" heiraten wollte. Deshalb verleugnen viele ihr Schicksal, weigern sich, an Untersuchungen teilzunehmen oder sich in Interessenverbänden zusammenzuschließen. "Hibakusha" haben in Japan keine Lobby.

Wissenschaftlich erforscht wird ihr Schicksal vom weltweit führenden Forschungszentrum für die Folgen der Radioaktivität (RERF). Es liegt idyllisch in einem Park auf einem Berg über der Innenstadt Hiroshimas. Mehr als 200 Ärzte und Wissenschaftler arbeiten dort an diversen Langzeitstudien. Dr. Burton Bennett war bis Ende Juni Leiter der von der japanischen und der amerikanischen Regierung finanzierten Einrichtung. "Statistisch gesehen", sagt er, "gibt es keinerlei Hinweise auf eine erhöhte Krebsrate oder eine erhöhte Sterberate in der zweiten Generation." Statistisch gesehen sind die Familie Egusa und all die anderen bedauernswerte Ausnahmen. Die "Hibakusha" begegnen der RERF mit großem Misstrauen, denn sie haben mit Wissenschaftlern, ob aus Amerika oder Japan, nicht immer gute Erfahrungen gemacht.

Bereits wenige Tage nach der Kapitulation erklärten die Amerikaner alle Informationen im Zusammenhang mit den Atombombenabwürfen zum Militärgeheimnis. Das ganze Ausmaß der Katastrophe sollte geheim gehalten werden. Interviews mit Opfern waren verboten, die Berichterstattung wurde streng zensiert. Bis zum Ende der Besatzungszeit 1952 durfte kein Japaner im Besitz von Foto- oder Filmaufnahmen aus Hiroshima oder Nagasaki sein. Japanische Wissenschaftler und Ärzte bekamen von den Amerikanern nur wenige Informationen über die Wirkung der Strahlen und ihre Spätfolgen. Die Besatzungsmacht behandelte die Überlebenden als Forschungsobjekte. Sie wurden von US-Ärzten zwangsweise regelmäßig untersucht und geröntgt, ihre Leiden wie Leukämie, Infektionen oder Erkrankungen des Nervensystems wurden diagnostiziert und sorgfältig registriert, aber nicht behandelt. Das Studium des Verlaufs der Krankheit war wichtiger als deren Heilung.

"Bis heute sind wir nichts als menschliche Versuchskaninchen", sagt Itoe Niimi. Sie war 19 Jahre alt, als die Bombe über ihr explodierte. In den folgenden Monaten litt sie an Fieber, Hautausschlägen, Blutungen und hohem Blutdruck, typische Symptome der Strahlenkrankheit, erholte sich aber allmählich. Amerikanische Ärzte untersuchten sie immer wieder, ohne ihr je zu helfen. Sie müsse sich keine Sorgen machen, versicherten sie ihr.

Ihr erster Sohn kam 1949 mit einem Herzfehler zur Welt. Nicht operabel. Behandeln sie ihn gut, er wird nicht lange leben, rieten die Ärzte. Er überlebte, aber fortan gab es keine normalen Kinderkrankheiten für sie: Bei jeder Erkältung, jedem Fieber, jedem Ausschlag geriet sie in Panik. Immer fürchtete sie, es seien Anzeichen für etwas Ernsteres.

Es dauerte 37 Jahre, bis der Horror in ihr Leben zurückkehrte: Ihr Enkel bekam drei Wochen nach seiner Geburt plötzlich hohes Fieber. Sein Kopf schwoll an, sein Rückenmark entzündete sich. Die Ärzte hatten keine Erklärung dafür. "Gibt es in Ihrer Familie einen "Hibakusha?"", wollten sie wissen. "Es war furchtbar", erinnert sich Itoe Niimi. "Alle Blicke richteten sich auf mich. Alles meine Schuld, dachte ich. Alles meine Schuld." Nein, wehrten die Ärzte ab, dafür gäbe es keinerlei Beweise. Das Gleiche hörte sie, als Jahre später bei ihrer Enkelin eine zweite Gebärmutter gefunden wurde. Itoe Niimi glaubt nicht an einen unglücklichen Zufall: "Die Folgen der Bombe sollen vertuscht werden."

Das bestreiten Dr. Bennett und seine Mitarbeiter vehement, als Beweise legen sie Statistiken, Studien und Tabellen auf den Tisch. Aber je länger man sich mit ihnen unterhält, desto deutlicher wird, dass es auch 60 Jahre später mehr ungeklärte Fragen gibt als Antworten. Warum ist die Krebsrate bei Frauen fast doppelt so hoch wie bei den Männern? Ein Rätsel. Warum leiden zahlreiche Überlebende unter Bluthochdruck? Man weiß es nicht. Warum klagen viele "Hibakusha" Zeit ihres Lebens über Müdigkeit und Erschöpfung? Warum wachsen ihnen noch Jahrzehnte später Geschwulste aus der Haut? Warum bekommen sie plötzlich offene Wunden, die nicht verheilen wollen? Die Wissenschaft hat keine Erklärung. Selbst hinter einigen der so genannten Erkenntnisse stehen Fragezeichen. Nicht ausgeschlossen ist, dass die Mutationsrate der Zellen auch in der zweiten Generation höher sein wird als normal. Ob das am Ende eine höhere Krebsrate zur Folge hat, wird man erst in 20 bis 30 Jahren wissen. Es sei noch viel zu früh, um etwas Fundiertes über das Schicksal der Nachgeborenen zu sagen, räumt Dr. Bennett ein. "Wir stehen erst am Anfang, und um sicher zu sein, müssen wir noch mindestens zwei Jahrzehnte weiterforschen."

Fraglich ist, ob das Institut die Gelegenheit dazu haben wird. Die Einrichtung steht unter erheblichem finanziellen und politischen Druck. Im vergangenen Jahr wollte die US-Regierung ihre Zuschüsse streichen. Das Geld würde im Irak-Krieg dringender gebraucht. Erst im letzten Moment bewilligte der Kongress die Mittel, ohne jedoch verbindliche Zusagen für die Zukunft zu machen. Auch die japanische Regierung würde das Institut lieber heute als morgen schließen. Wenn die Wissenschaftler Spätfolgen in der zweiten und womöglich sogar dritten Generation bestätigen, woran viele "Hibakusha" fest glauben, hätte das unabsehbare politische und finanzielle Konsequenzen.

Die Überlebenden der ersten Generation bekommen vom Staat je nach Verletzung und Krankheit eine kleine Monatsrente zwischen umgerechnet dreihundert und knapp tausend Euro. Zusätzlich trägt der Staat alle Kosten für ihre medizinische Betreuung. Müsste das auf die bis zu 500 000 Nachkommen in der zweiten Generation ausgedehnt werden, entstünden Forderungen in Milliardenhöhe. Noch weit gravierender wären die gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen.

Das Grauen von Hiroshima

gerät auch in Japan zunehmend in Vergessenheit. In den Schulbüchern wird der Abwurf auf Daten und Fakten reduziert, Augenzeugenberichte fehlen fast ganz. Bei einer Umfrage unter Grundschülern in der Präfektur Hiroshima bekannten kürzlich 30 Prozent der Kinder, noch nie etwas von der Atombombe gehört zu haben.

Der japanischen Regierung ist das recht, sie arbeitet zielstrebig auf eine stärkere Wiederaufrüstung hin. Sie will Artikel neun der Verfassung streichen, der dem Land den Aufbau einer schlagkräftigen Armee verbietet. Die derzeit 250 000 Soldaten werden dezent "Selbstverteidigungskräfte" genannt und sind nicht so martialisch ausgerüstet wie eine reguläre Armee. Ihre Zahl aber soll drastisch erhöht und die Truppe besser bewaffnet werden. Japan fühlt sich sowohl von Nordkorea als auch vom wirtschaftlich und militärisch immer stärker werdenden China bedroht. Nur ein hochgerüstetes Japan sei ein stolzes Japan, erklären konservative Politiker immer häufiger. Für sie ist selbst der Besitz von Atomwaffen kein Tabu mehr. Bei diesen Plänen stören die "Hibakusha". Sie legen Zeugnis ab vom nicht enden wollenden Schrecken des Krieges, und das passt nicht zur Strategie der Aufrüstung. "Die Regierung wartet nur auf den Tag, an dem der Letzte von uns gestorben ist", fürchtet Itoe Niimi, "damit sie dann ihre militärischen Pläne verwirklichen kann."

Die Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki hatten in Tokio noch nie viele Freunde. Sie haben die Hölle gesehen und erlebt. Wer seine Qualen öffentlich macht, hat eine Mission gefunden: Er will die Welt vor einer Wiederholung bewahren. Was geschieht, wenn die Erinnerung verblasst? Wenn die letzten Augenzeugen für immer verstummt sind? "Dann wird der Einsatz von Atomwaffen wieder wahrscheinlicher", sagt Yuji Egusa. "Und all unser Leid ist vergebens gewesen." Seine Stimme klingt, als hätte er seinen Sohn zum zweiten Mal verloren.

Jan-Philipp Sendker / print