KYBERNETIK Der erste »Cyborg« der Welt


Kevin Warwick, Professor für Kybernetik, bezeichnet sich als ersten »Cyborg« der Welt - als Mischung aus Maschine und lebendem Organismus

Professor Kevin Warwick ist nun verkabelt. Aber die Frage, ob das etwas bedeutet, bleibt noch unbeantwortet. Warwick, Professor für Kybernetik an der Universität Reading, bezeichnet sich als ersten »Cyborg« der Welt - als Mischung aus Maschine und lebendem Organismus also. Einen Mikrochip und 100 Elektroden hat er sich bei örtlicher Betäubung am linken Handgelenk einpflanzen lassen. Am Unterarm hängt ein Stecker. Und wenn die Wunden verheilt sind, dann will sich Warwick an seinen Computer anschließen.

Empfindungen messen

Die 100 Elektroden sind mit den in seinem Arm verlaufenden Nerven verbunden. Wenn alles nach Plan geht, dann hofft er, dass es möglich sein werde, beispielsweise seine Gefühle und Empfindungen zu messen und aufzuzeichnen. Und weitere große Pläne hat er auch schon.

Keine brauchbaren Ergebnisse

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»Alles nur ein Publicityunternehmen«, wiegelt der Neurologieprofessor Steve McMahon vom King's College ab. Die Nerven, mit denen Gefühle übertragen würden, seien einfach zu klein, um mit heutiger Technologie zu irgendwelchen brauchbaren Ergebnissen zu kommen. »Elektronische Implantate werden in Zukunft eine immer wichtigere Rolle spielen, aber dieses Implantat führt uns therapeutisch und theoretisch nicht weiter.« Da zeigt sich Warwick in einem Interview mit der BBC empört: »Zu behaupten, man würde der Publicity wegen eine Zwei-Stunden-Operation über sich ergehen lassen, ist ja wohl unsinnig.«

Warwicks zweiter Versuch

Freilich sind die Zweifel an dem Mann mit den eingepflanzten Elektroden nicht neu. 1998 schon ließ er sich einen Elektronik-Chip unter die Haut pflanzen, mit dem er eigenem Bekunden zufolge vor den Gefahren des »durchsichtigen Menschen« warnen wollte. Die Folge war, dass zwar das Licht automatisch anging, wenn Warwick einen bestimmten mit einem Sensor präparierten Raum in der Universität betrat - ansonsten aber kam die Wissenschaft durch die Aktion nicht wesentlich weiter.

»Das wird die Welt verändern«

»Was wir tun, ist bedeutsam und historisch. Das wird die Welt verändern«, sagt Warwick mit der ihm eigenen Bescheidenheit. Wenn die Datenübertragung richtig funktioniert, dann werde aufgezeichnet, welche Gefühle er habe, wenn er fernsieht oder wenn er einem Fußballspiel zuschaut. »Man wird mich von hinten anspringen und sehen, wie ich reagiere, wenn ich überrascht bin.« Dann will Warwick versuchen, den Leitungsweg umzudrehen: Der Computer soll Signale an seine Nerven senden und man werde herauszufinden versuchen, ob es möglich sei, Gefühle wie Zuwendung oder Ärger herzustellen.

Mr. und Mrs. »Cyborg«

Und Ehefrau Irena (53) steht auch schon bereit. Falls alles wie geplant verläuft, dann will auch sie sich am Handgelenk Elektroden einsetzen lassen. Und wenn die beiden per Computer verbunden seien, dann werde man ja sehen, ob beispielsweise dann, wenn Professor Warwick den Finger rührt, sich auch bei der Ehefrau etwas bewege. »Wenig nutzbare Daten«, sagt dagegen der Skeptiker McMahon voraus. Er rät, Warwick solle doch lieber mit dem - wesentlich simpleren - Nervensystem von Kakerlaken und Fliegen experimentieren und erst dann an sich oder andere Menschen Hand anlegen, wenn es eine Technologie gebe, mit der man jene Nerven beobachten könne, die Warwick im Sinn habe.

Ethische Bedenken

»Wir wissen nicht, welche Daten wir bekommen, aber wir wollen es herausfinden«, sagt Warwick trotzig. Einen Monat lang sollen die Experimente dauern, die in ähnlicher Weise bisher nur an Katzen und Hunden vorgenommen worden seien. Am Ende des Warwickschen Denkens steht eine Welt, in der nicht nur Querschnittgelähmte sich wieder bewegen können, sondern in der Menschen »ihr Gehirn mit zusätzlichem Gedächtnisspeicher oder zusätzlicher Intelligenz verbessern können«. »Ich bin sehr aufgeregt«, sagt Warwick, »aber ich teile natürlich die ethischen Bedenken über das, was das für die Menschheit bedeuten könnte.«

Von Dieter Ebeling, dpa


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