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Pferdeflüsterer Monty Roberts: Fragwürdige Methoden eines Pferde-Gurus

Er hat eine Mission: Wilde oder störrische Pferde ohne Gewalt zu zähmen. Der amerikanische Pferdeflüsterer Monty Roberts füllt immer noch riesige Stadien mit seiner Show. Tausende wollen ihn sehen. Doch seine angeblich sanfte Methode wird von Experten auch kritisiert.

Von Stefanie Zenke

Zitternd und mit weit aufgerissenen Augen steht Torero im grellen Scheinwerferlicht. Sein Blick richtet sich auf eine riesige Plastikplane die vor ihm liegt. Die kurzen Beine trotzig in den Boden gestemmt signalisiert der Pony-Wallach: hier geht er keinen Schritt weiter. Das blaue Etwas am Boden macht ihm Angst. Ein paar Schritte von dem Pony entfernt steht ein älterer Herr mit Schirmmütze und zieht an einer Longe, einer langen Leine, die an Toreros Halfter befestigt ist. Beruhigend redet der Mann auf das Tier ein, will es ermutigen, ihm über die Plane zu folgen. Der Mann heißt Monty Roberts, der amerikanische Vorzeige-Pferdeflüsterer, der in Deutschland erneut auf Tour ist. Er hat, so sagt er, schon mehr als 10.000 aggressive und wilde Pferde mit seiner Trainingsmethode gezähmt. Doch: Bei dem störrischen, braunen Pony stößt er auf Granit. Vorerst.

"Torero", so haucht seine Besitzerin deprimiert ins Mikrofon, "ist seit einer Operation nicht mehr der Alte". Er lässt sich in keinen Hänger mehr verladen, reiten auf ihm ist unmöglich, und - er hasst Plastiktüten. Betroffene Gesichter bei den etwa 3000 Fans, die das Spektakel in einer Sporthalle in Hamburg verfolgen. "Genau die Probleme habe ich mit meinem Pferd auch", flüstert eine junge Frau ihrer Sitznachbarin zu und guckt dabei verzweifelt drein. Gebannt verfolgen sie die Trainingsmethoden des 73-Jährigen, die für Laien wie Hexerei wirken müssen: Da ist das drei Jahre alte noch nicht eingerittene Pferd namens Max, das nach 30 Minuten Arbeit mit Entertainer Roberts in einer kleinen, vergitterten Manege - dem "round pen" - Sattel und Reiter auf seinem Rücken duldet. Da ist Askaban, ein Pferd mit langer, schwarzer Mähne, das früher Reiter abwarf und alles umrannte, was sich ihm in den Weg stellte. Ohne jede Gewalt verwandeln sich die scheinbaren Bestien bei Roberts in brave Lämmer, trotten ihm ergeben hinterher.

Vom Rodeo-Reiter zum Bestsellerautor

Seit mehr als 50 Jahren versteht und "spricht" er die Sprache der Pferde, sagt Roberts, der in Kalifornien lebt, einst als Stuntman und Rodeo-Reiter arbeitete, sich als Züchter von Rennpferden einen Namen machte und zum Bestsellerautor avancierte. Sein Buch "Der mit den Pferden spricht" wurde zur Vorlege des Kinostreifens "Der Pferdeflüsterer" mit Robert Redford. Queen Elisabeth II. bestellt den Mann mit dem breiten Gesicht und dem durchbohrenden Blick immer wieder nach Windsor, um die königlichen Pferde auszubilden. Einen seiner schwierigsten Fälle löste er in Deutschland. Dem Vollbluthengst Lomitas stand eine große Zukunft auf der Rennbahn bevor, doch sein Problem, nicht in die Startbox zu wollen, vermasselte dem Besitzer den erhofften Erfolg. Bis Roberts kam und den Hengst dazu brachte, ihm überall hin zu folgen - auch in die Startbox.

Gerne erinnert Roberts sich an diese Geschichte, die er in jeder seiner Shows seit zig Jahren zum Besten gibt. Wer glaubt, er würde seine Fans damit langweilen, der irrt. Die Menschen hängen an seinen Lippen, der ganze Monty-Roberts-Rummel trägt nahezu sektenhafte Züge. Während er dem Publikum erzählt, sein Vater habe ihm 71 Knochenbrüche zugefügt als er noch ein Kind war und deshalb lehne er jegliche Gewalt ab, plärrt leise, melancholische Musik im Hintergrund. Roberts versteht es, sich zu verkaufen. Es gab auch andere Geschichten über seinen Vater in den Medien, die verrieten, dass er als ein sanfter, freundlicher Mann galt.

Keine körperliche Gewalt - aber psychischer Druck

Die sanfte Tour von Monty Roberts, bei der er das Vertrauen des Tieres durch einfache Körpersprache erlangt, kommt bei den Menschen an. Wie ein Zirkusdirektor steht der selbstbewusste Mann in der Manege, in die seine Mitarbeiter Sand geschaufelt haben. "Ich habe eine Mission", ruft Roberts immer wieder ins Publikum. Er will, so sagt er, die Welt verbessern, sie gewaltfreier machen. Und wenn er dann ein Pferd wie Max Runde um Runde im "round pen" hat galoppieren lassen, das Tier klitschnass ist und irgendwann vor Erschöpfung anhält, den Kopf senkt, sich kurz darauf das erste Mal in seinem Leben einen Sattel auflegen lässt, dann wendet sich Roberts an den Besitzer und sagt: "Das ist ein Wunder, nicht wahr?" Die Besitzer - meist Frauen - wirken oft fassungslos. Fachleute hingegen sagen, wenn ein Pferd nach mehreren Galopprunden den Kopf hinunterstreckt, so ist das einfach ein Zeichen von Entspannung.

"Was Monty Roberts in seinen Shows macht, ist kein Hexenwerk", sagt Sabine Abt, Chefredakteurin der Reiter Revue international. Genau dasselbe Prinzip funktioniere auch bei anderen Ausbildern. "Abgesehen davon hat er dieses Prinzip nicht erfunden, sondern ihm einen Namen gegeben und es vermarktet." Im Westernbereich und bei den Indianern werde schon sehr lange nach ähnlicher Methode mit Pferden gearbeitet. Gabriele Pochhammer, Chefredakteurin der Pferdezeitschrift St. Georg, kritisiert, dass die Show des Horseman mittlerweile ganz dem Kommerz verfallen sei: "Er hat ein Händchen für Pferde, keine Frage. Aber es ist sicher nicht pferdegerecht, einen Dreijährigen vor 3000 Menschen in einer halben Stunde einzureiten." Der schnelle Showeffekt gehe oft auf Kosten der Pferde, betont Kiki Kaltwasser. Die heutige Leiterin der Europäischen Pferde Akademie war einst dafür zuständig, geeignete Pferde für die Veranstaltungen von Roberts auszusuchen. "Die Tiere werden total überfordert, er tut ihnen wird zwar keine körperliche Gewalt an, aber der psychische Druck, den er aufbaut, der ist immens", sagt sie. In der kleinen Arena haben die Pferde irgendwann keine Wahl mehr und würden sich unterwerfen, so Kaltwasser.

Buckeln bis zur Erschöpfung

Eine Strohpuppe, die Roberts den Pferden auf den Rücken schnallt, um sie an einen Reiter zu gewöhnen, empfand Kaltwasser als "besonders schlimm". Einige Pferde buckeln hierbei so lange, bis sie vor Erschöpfung aufgeben. "Irgendwann zeigen sie keine Reaktion mehr, das Publikum denkt, sie sind geheilt." Auch fehle seiner Methode die Nachhaltigkeit. "Ich habe ganze Aktenordner voller Beschwerden von Besitzern, die nach einem Training bei Roberts mit ihren Pferden nicht mehr klar kamen", so die Pferdewirtin. Dabei handele es sich um Tiere, die auf einmal aggressiv wurden, sich nicht mehr reiten ließen. Monty Roberts hingegen streitet diesen Vorwurf ab: "Das ist nicht wahr", sagt er vor der Show. Kein einziges Pferd sei nach seinem Training schlechter geworden. Er steht auf einem Podest, umringt von vielen Fans, die Autogramme wollen. Gerade noch hat er das Bad in der Menge genossen, jetzt verdunkelt sich seine Miene. "Sie sind so negativ", sagt er in Richtung der Reporterin. Er vergisst seine Fans, er verdrängt die Frage und erzählt wieder von seiner Mission. Und: die Besitzer seien einfach nicht in der Lage, seine Methode anzuwenden. "Bei mir würden die Pferde wieder das tun, was ich von ihnen verlange", sagt er. "Ein wenig selbstverliebt ist er ja schon", flüstert eine junge Frau. Empörte Blicke der Fans richten sich auf sie.

Später, in der Manege, scheint es so, als ob Roberts ein weiteres Mal gelingt, wofür ihn viele Pferdefreunde so verehren: er bringt einem Pferd Gehorsam bei. Torero, das störrische, braune Pony, schreitet über die blaue Plastikplane, vor der es anfangs so viel Furcht hatte. Im Publikum ist es mucksmäuschenstill. "Good Boy", lobt der mysteriöse Guru das Tier. Torero, der anfangs hektisch geatmet hatte und gestresst wirkte, wird ruhiger. "Das gibt es doch gar nicht, er hat es geschafft", jubelt eine Frau und klatscht in die Hände. Roberts schaut triumphierend in die Menge, er lässt sich feiern. "Und können Sie sich vorstellen, dass hier eine Journalistin ist, die behauptet, ich würde Gewalt anwenden?" Ein Raunen geht durch die Reihen. "Erzählen Sie den Menschen, was Sie hier gesehen haben - es ist wie ein Wunder!"