Raumfahrt Mythos Mars: Der Rote Planet beflügelt die Fantasie


Am 30. Oktober 1938 begann die Invasion der Marsianer: Nach einer Radiosendung, in der der Angriff der Außerirdischen angekündigt wurde, brach im Nordosten der USA tumultartige Panik aus.

Am 30. Oktober 1938 begann die Invasion der Marsianer: Nach einer Radiosendung, in der der Angriff der Außerirdischen angekündigt wurde, brach im Nordosten der USA tumultartige Panik aus. Dabei handelte es sich bei der Sendung schlicht um Orson Welles’ Vertonung des Romans "Der Krieg der Welten" von H.G. Wells. Die Panik wich kurze Zeit später der Scham über die eigene Leichtgläubigkeit. Doch die Faszination, die vom Roten Planeten Mars ausgeht, blieb bis heute - und mit ihr die Hoffnung, auf dem geheimnisvollen Nachbarplaneten doch Leben zu finden.

Seit Jahrhunderten beschäftigt nicht nur die Astronomen die Frage, ob es außerhalb der Erde Leben gibt. Der Mars stand dabei schon immer im Mittelpunkt von Fantasie und Hoffnung. Als Nachbar der Erde war er schon mit den schwachen Teleskopen der Renaissance gut zu beobachten. Zudem verhüllte ihn keine dicke Wolkendecke wie die Venus, den anderen Nachbarplaneten der Erde, sagt Oliver Rensch von der "Gesellschaft für volkstümliche Astronomie" in Hamburg. In zahlreichen Büchern wurde der Mars von mehr oder weniger menschenähnlichen Wesen bevölkert, die meist eine "höhere" Entwicklungsstufe als der Mensch erreicht haben. Der Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) erklärte in seiner "Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels", dass Intelligenz und Moral der Planetenbewohner mit dem Abstand von der Sonne zunähmen.

Einen besonderen Boom erlebte die Diskussion um das Leben auf dem Mars 1877. Der italienische Forscher Giovanni Schiaparelli glaubte, auf dem Mars Linien entdeckt zu haben - die er "canali" nannte. Schlecht ins Englische übersetzt wurden daraus "canals" - künstlich angelegte Kanäle. Der Beweis von intelligentem Leben auf dem Nachbarplaneten schien erbracht, oder, wie es Rensch ausdrückt: "Der Mars-Hype entwickelte eine Eigendynamik." Viele Menschen glaubten fest an die Existenz von intelligenten Lebewesen auf dem Mars, sagt Otto Guthier von der "Deutschen Vereinigung der Sternfreunde". Vor allem der amerikanische Geschäftsmann und Hobby-Astronom Percival Lowell wurde zu einem Verfechter der "Kanäle". In seinen Veröffentlichungen zeichnete er ein Bild vom Mars als einer sterbenden Welt, die von ihren Bewohnern mit Kanälen bewässert wird.

Im Zeitalter des imperialen Wettrüstens entwarfen viele Autoren eine Sozialutopie vom Leben auf dem Mars, in der die Marsianer ihre Streitigkeiten beigelegt hätten, um gemeinsam ihr Überleben zu sichern. Auch die kommunistische Literatur griff das Thema auf, seine Entstehungszeit überdauerte jedoch nur "Der Krieg der Welten" (erschienen 1897/98), in dem H.G. Wells erstmals die Marsianer die Erde angreifen ließ - und die Menschen als vollkommen hilf- und schutzlos darstellte.

Seit den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts verdichteten sich die wissenschaftlichen Beweise, dass der Mars wohl doch kein Leben beherbergt: Die dünne Atmosphäre besteht fast nur aus Kohlendioxid, die Durchschnittstemperatur liegt bei minus 53 Grad, Wasser ist nicht mehr oder kaum vorhanden. Die "Kanäle" erwiesen sich als optische Täuschung. Doch die Suche nach Leben wurde nicht aufgegeben, sondern wissenschaftlich fortgesetzt. Auftrieb erhielten die Verfechter des Lebens auf dem Mars mit dem ominösen Foto, dass die US-Sonde "Viking 1" im Jahr 1976 von der Marsoberfläche aufnahm: Es zeigt ein mehrere Kilometer großes Gesicht, das von der Marsoberfläche in den Himmel blickt. Doch auf Bildern von 1998 entpuppte sich auch das als natürliche Gesteinsformation.

Das könnte sich mit den nun startenden Marsmissionen ändern. Rensch würde die Entdeckung von Einzellern oder ihren Fossilien nicht wundern. Doch selbst wenn die Sonden erneut kein Lebenszeichen entdecken, die Faszination bleibt. Filme wie "Red Planetund "Mission to Mars" spinnen den Jahrhunderte alten Faden weiter. In der Wüste von Arizona trainiert die "Mars Society" für den Tag, an dem der erste Mensch seinen Fuß auf den Marsboden setzt. Und irgendwann könnte die Vision des Science-Fiction-Autors Ray Bradbury wahr werden, der in seinen "Mars-Chroniken" Kolonisten auf dem Mars in eine spiegelnde Wasseroberfläche blicken und zu dem Schluss kommen lässt: Die Marsianer - das sind wir.

Christopher Kellner


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