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Regenwald: Vernichtung im Rekordtempo

Normalerweise hat der Regenwald in der zweiten Jahreshälfte eine Schonfrist - doch in den vergangenen Monaten fielen in Brasilien mehr Bäume denn je der Rodung zum Opfer. Woran das liegt - und warum die Politiker den Wald nicht besser schützen.

Die Zerstörung des brasilianischen Amazonas-Regenwaldes hat nach einer mehr als zweijährigen "Verschnaufpause" in den vergangenen Monaten wieder dramatisch zugenommen. Wie die Regierung in Brasilia bekannt gab, wuchs die monatliche Zerstörungsrate von 234 Quadratkilometern im August 2007 auf 948 Quadratkilometer im vergangenen Dezember. Die in nur einem Monat vernichtete Fläche ist damit größer als Hamburg. Staatspräsident Luiz Inàcio Lula da Silva rief sechs seiner wichtigsten Minister sowie den Chef der Bundespolizei zu einer Krisensitzung in Brasilia zusammen.

Nie zuvor wurde zu dieser Jahreszeit solch eine große Zerstörungsrate festgestellt, meldete das für die offiziellen Messungen zuständige "Nationale Institut für Weltraumforschungen". Dessen Satellitenbilder zeigen das Ausmaß der Zerstörung: Das "Dezember-Vernichtungsniveau" von 2007 war demnach viermal so groß wie jenes von 2004.

Platz für Rinderfarmen und Sojafelder

Experten und Politiker kennen die verantwortlichen "Bösewichte": Die Gier nach Soja und Fleisch tötet die "grüne Lunge" der Erde. "Die Zusammenhänge sind ganz klar. Als Fleisch- und Sojapreise nachgaben, ist auch die Abholzung zurückgegangen. Als die Preise in die Höhe schossen, nahm die Urwaldzerstörung zu", meint Wirtschaftsexpertin und TV-Kommentatorin Miriam Leitão. Dem stimmt auch Umweltministerin Marina Silva zu. "Wir dürfen unsere in Tausenden Jahren gewachsenen Ressourcen doch nicht dem Gewinn von wenigen Jahren oder sogar Monaten opfern", fordert sie.

Die Regierung hatte erst vor wenigen Monaten den deutlichen Rückgang der Urwaldzerstörung zwischen 2005 und 2007 als Folge der Umweltpolitik gefeiert. Tatsächlich wurden mehr Kontrollen angeordnet und Schutzgesetze erlassen. Ende 2006 wurde das größte Urwaldschutzgebiet der Erde geschaffen. Mit einer Fläche von 16 Millionen Hektar ist es knapp halb so groß wie Deutschland. Doch die Experten sind auch in den Erfolgsjahren skeptisch geblieben, dass Brasilia die Profitgier bezwingen kann.

Brasilien ist zum weltgrößten Rindfleisch-Exporteur avanciert, und die Stabilität des Landes hängt größtenteils von den Ausfuhren ab. Sojabarone machen dicke Gewinne und brauchen immer mehr Land - wie etwa Gouverneur und Soja-König Blairo Maggi im Bundesland Matto Grosso. Niemand wundert sich, dass 54 Prozent der zwischen August und Dezember zerstörten Waldfläche Mato Grosso betreffen.

"Die Bekämpfung der Regenwaldzerstörung ist ohne Zusammenarbeit der Landbesitzer unmöglich. Man muss die Großgrundbesitzer von ihrer Bedeutung beim Umweltschutz überzeugen und ihnen auch finanzielle Anreize geben", glaubt Waldingenieur Eleazar Volpato von der Universität Brasilia. Aber auch die Politiker brauchen "Nachhilfe-Unterricht". Medien berichteten von einer Regierungskrise, weil das Landwirtschaftsministerium die Schuld von Fleisch und Soja an der Malaise nicht einräumen will. Und im Kongress in Brasilia wird seit Monaten ein Projekt erörtert, das eine Reduzierung der Schutzgebiete im Amazonasraum vorsieht.

Ende 2008 wird gewählt

"Während das Umweltministerium die Zerstörung zu bremsen versucht, finanzieren Staatsbanken und das Agrarministerium mit Krediten und Subventionen die Abholzung ohne jegliche Umweltauflagen. Ohne Marktkontrolle geht das Urwaldsterben weiter", warnt Adrian Garda, der Chef des Amazonas-Projekts der Nichtregierungsorganisation Conservation International.

Als besonders schlimm wird in Brasilien empfunden, dass die drastische Zunahme der Urwaldzerstörung während der Regenzeit im zweiten Halbjahr, einer traditionellen Schonphase, registriert wurde. Ein Problem für den Wald könnten jetzt die Gemeindewahlen darstellen, die Ende 2008 stattfinden. "Vor einem Urnengang ist niemand an Strafen interessiert, es gibt mehr Nachsicht", sagt der Exekutivsekretär im Umweltministerium José Capobianco. Wirtschaftsexpertin Leitão klagt: "Das ist ein Verbrechen gegen die Menschheit, das vor aller Augen geschieht."

Emilio Rappold/DPA / DPA